Mein Lieblingstor (10)

Der Lückenfüller

Der Bomber der Nation hat viele schöne Tore geschossen –  sein Treffer gegen Jugoslawien bei der WM 1974 war allerdings hässlich wie die Nacht. Dennoch hat sich unser Autor Jens Kirschneck in diesem Moment in kleines, dickes Müller verliebt. Mein Lieblingstor (10)

Das Tor, um das es hier geht, ist nicht besonders spektakulär. Uli Hoeneß dringt von rechts in den jugoslawischen Strafraum ein und passt in die Mitte. Dort grätschen Gerd Müller und sein Gegenspieler fast gleichzeitig zum Ball. Müller ist den Bruchteil einer Sekunde eher dran, kann das Leder aber nicht mehr kontrollieren, worauf es ohne Ziel und Richtung durch den Fünfmeterraum trudelt, bis Müller es – halb noch fallend, halb schon liegend – mit rechts in die Maschen befördert.

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Das Tor, um das es hier geht, ist auch nicht wirklich historisch bedeutend. Okay, nach dem 0:1 gegen die DDR zum Ende der Vorrunde war beim Gastgeber der WM 1974 Unruhe aufgekommen. Der bundesdeutschen Mannschaft, die zwei Jahre zuvor auf berauschende Weise Europameister geworden war, schien beim Weltturnier im eigenen Land die Leichtigkeit verloren gegangen zu sein. Insofern war nach der Schmach gegen die ostdeutschen Brüder ein Sieg gegen Jugoslawien im Auftaktspiel der zweiten Finalrunde Pflicht. Letztlich aber wurde das Spiel eine klare Sache und Müllers 2:0 machte nach Breitners Führungstreffer nur noch den Sack zu.

Nein, was das Tor, das am 26. Juni 1974 um kurz nach halb sechs im Düsseldorfer Rheinstadion fiel, für mich zu einem ganz besonderen macht, ist etwas anderes: Es war das prototypische Müller-Tor. Gerd Müller war der absolute Lieblingsspieler meiner frühen Kindheit, seinetwegen wurde ich in einer kurzen Phase geistiger Verirrung sogar zum Bayern-München-Fan. Als der Mittelstürmer seine Karriere beendete, war es damit aber Gott sei Dank wieder vorbei.

Müller fand eine Lücke, wenn andere schon abgeschaltet hatten

Was mich an Müller faszinierte, war nicht nur die schier unfassbare Zahl seiner Treffer, sondern auch deren Zustandekommen: Wenn andere – insbesondere die gegnerischen Verteidiger – bereits mental abgeschaltet hatten, fand der Mann immer noch eine Lücke. Dabei wirkte er, oberflächlich betrachtet, weder wie ein Sprinter noch wie ein begnadeter Techniker. Doch er stand stets richtig und entwickelte im Bruchteil einer Sekunde eine Idee, wie er das verdammte Ding in die Maschen bekommen konnte. Damals träumte ich, wie viele kleine Jungs, von einer großen Fußballkarriere und Gerd Müller ließ diesen Traum ein klein wenig realer erscheinen. Natürlich würde aus mir nie ein Edeltechniker oder Laufwunder werden, aber wenn ich mich ganz doll anstrengte, könnte ich mich vielleicht zu einem solch abgezockten Torjäger wie Müller entwickeln.

Natürlich war das totaler Quatsch. Die Leute mögen ihn zwar »kleines dickes Müller« genannt haben, doch der Mann war ein Athlet vor dem Herrn. Seine nur vermeintlich oft glücklichen Tore waren in Wirklichkeit das Produkt einer großartigen Konzentrationsfähigkeit, einer mehr als soliden Technik und fantastischen Körperbeherrschung.

Das alles zeigt das Tor gegen Jugoslawien in Vollendung. Müller kommt eigentlich aus der schlechteren Position als sein Gegner, doch er ahnt das Geschehen voraus. Und als der Ball nach dem fast gleichzeitigen Zusammentreffen frei liegt, schaltet er nicht nur am schnellsten, sondern schafft es auch noch, das eigene Straucheln so zu steuern, dass er in die richtige Position stürzt, um den Ball über die Linie zu drücken. So etwas konnte, kann und wird niemals jemand so können wie er.

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