Mein Lieblingsspieler (8): Thomas Hässler

Icke und ich

11FREUNDE-Autorin Franziska Schmidt ist klein. Und kommt aus Berlin. Klar, dass sie sich in ihn verlieben musste: Thomas Häßler. Weil Schmidt nicht ohne »Icke« sein konnte, nahm sie ihn sogar mit in den Urlaub. Naja, jedenfalls teilweise. Mein Lieblingsspieler (8): Thomas Hässler

Der Sommer 1996 war verregnet. Zum Glück. Ich war acht Jahre alt und mit meiner Familie bei Bekannten auf einem Bauernhof. Und wäre es nach meinen Verwandten gegangen, hätten wir an diesem Abend, der ein Verweilen an der frischen Luft nicht erlaubte, wahrscheinlich ein nettes Brettspiel gespielt. Es wurde aber entschieden, das EM-Halbfinale England gegen Deutschland zu schauen. Fußball war für mich bis dato eine völlig fremde Welt. Fußballferner als meine Familie zu sein, war allerdings schier unmöglich. Dementsprechend wusste ich nicht recht, was ich mit dem Treiben auf dem Spielfeld anfangen sollte. Ich wusste nur, dass mir gefiel was ich sah. Mit dem Spiel noch nicht so vertraut, suchte ich mir etwas Vertrautes, etwas was mir in dieser neuen Welt Halt verlieh. Dabei stieß ich dann auf einen 1,66 Meter kleinen Mann. Sein Name: Thomas Häßler. Nicht unbedingt viel Platz zum Festhalten, aber er schien mir ähnlich, zumal ich mit ihm das harte Schicksal des ewigen »immer-am-Kleinsten-sein« teile. Bis heute.

[ad]  

Da war er also: Klein, aus meiner Heimatstadt (Berlin) und selbst meinen damals ungeschulten Augen wurde schnell klar, dass er eine besondere Art hatte, den Ball zu behandeln. Es war um mich geschehen! Der Fußball und insbesondere ein spezieller Fußballer war in mein Leben geknallt. Eigentlich war ich ja zu spät dran, die größten Sternstunden von Thomas Häßler lagen Jahre zurück. Das Tor gegen Wales, das Deutschland erst den Weg zum WM-Titel 1990 ebnete oder sein überragendes Turnier, die EM 1992, waren in diesen internetfernen Kindertagen Lichtjahre entfernt. Erst später ging mir also auf, was er alles geleistet hatte.

Icke wollte wie er werden

1996 war er schon nicht mehr der Star, der von europäischen Top-Vereinen umworben wurde. Aber ich war jung, hatte keine Ahnung und nachdem ich ihn das erste Mal gesehen hatte war es eh zu spät. Schnell beschloss ich: Was der Kleine da auf dem Rasen macht, will ich auch machen und so begann ich mit dem Fußballspielen. Anfangs mit den Jungs nach der Schule und stets mit dem Ziel vor Augen den Ball so sanft und gleichzeitig energisch über das Feld zu bewegen wie er. Meine Versuche durch die Reihen zu dribbeln scheiterten anfangs natürlich kläglich. Aber das störte mich nicht weiter, irgendwann würde ich schon meine Metamorphose zu »Icke« vollziehen. Also spielte ich weiter mit dem Kopf durch die Wand. Die Wände wurden dünner und meine Vernarrtheit größer.  

Ich begann zu sammeln. Jedes Zeitungsschnipselchen, das ich in die Finger bekam wurde fein säuberlich archiviert und mit eigenen Kommentaren versehen. Auf längeren Reisen – auf denen ich notgedrungen auf meinen Icke verzichten musste –  nahm ich stets meine kleine Häßler-Collage mit. Als ich dann beschloss selber in einen Verein einzutreten hatte ich keine Wahl: Nummer 10 – auf dem Rücken und auf dem Spielfeld. Das mit der Nummer wurde kein Problem, allerdings musste ich vorerst aufgrund von Personalmangel als defensive Mittelfeldspielerin ran; das ging natürlich nicht, ich empfand es beinahe als Verrat an meinem Idol! Irgendwann setzte ich mich dann durch und durfte auf die heilige Position, die ich dann nie wieder verließ.

 

Häßler und Möller, das funktionierte nicht

Es kam das Jahr 1998 und Häßler spielte für Deutschland bei der WM. Ein Turnier über das man nicht weiter sprechen sollte. Es wäre ein sehr trauriger Sommer gewesen, hätte ich mich nicht darauf freuen können, meinen Lieblingsspieler in der nächsten Saison bei »meinem« BVB zu sehen. Die Zukunft  verhieß Großes.

Letztendlich wurde es aber ein quälendes Jahr – für ihn und für mich. Das als neues BVB-Traumduo verschriene Pärchen Häßler/Möller funktionierte nicht. Häßler durfte seinem Partner in spe meistens beim Spielen zuschauen. Ich litt genauso wie die Leichtigkeit seines Spiels. Alles was ihn ausmachte, schien auf einmal weg zu sein. Die überraschenden Dribblings, diese unwiderstehlichen Pässe in den freien Raum und vor allem diese Freistöße. Jetzt saß er oft auf der Bank und stets schien eine einzelne Kamera auf ihn gerichtet zu sein. Das traurige, inzwischen schon mit ersten Falten übersäte Gesicht des Weltmeisters von 1990 in der Totalen. Momente in denen ich mir bewusst wurde, dass es nicht immer so laufen kann, wie ich es will. Ein Schritt mehr hin zur bitteren Realität, die einen auf dem Weg zum Erwachsenwerden ständig ereilt.

Er würde es allen noch einmal zeigen – mit 33 Jahren

So war es eine Erleichterung, als Häßler das Kapitel Dortmund beendete und zu 1860 München wechselte. Inzwischen war er 33 Jahre alt. Es würde seine letzte Chance werden, noch einmal zu zeigen, dass er einer der besten Fußballer ist, die dieses Land in den letzten Jahren hervorgebracht hatte! Und tatsächlich, kaum brachte man ihm die nötige Wertschätzung entgegen, blühte er wieder auf.

Es begann eine Zeit, in der ich meinem Verein das erste und einzige Mal fremdging, nur um näher bei »Icke« zu sein. Plötzlich war mein treuer Begleiter eine blaue 1860-Kappe. Zeiten und vor allem Farben, für die ich mich im Nachhinein schäme. Es war aber auch verlockend: Häßler und die Sechzger setzten zu Höhenflügen an. Zusammen mit Martin Max bildete er ein Duo vor dem schon bald die Liga zitterte. Es schien so einfach: Traumpass Häßler – Tor Max oder aber auch die gerngesehene Variante: Foul an Max – Freistoßtor Häßler. Der Mittelklasseverein spielte plötzlich schönen Fußball, Häßler hatte eine Stammplatzgarantie und kurvte über das Spielfeld, so wie zu den Zeiten in denen unsere Beziehung begann. Am Ende der ersten Saison erreichte 1860 den vierten Platz in der Bundesliga  und damit geriet die Qualifikation zur ChampionsLeague in greifbare Nähe. Häßler war plötzlich wieder ein Star, so gut, dass er sogar auf den letzten Drücker mit zur EM 2000 fahren durfte. 

Ein kleiner Mann mit dem Leeds-Trikot

Geblieben ist mir im Nachhinein vor allem ein Bild. Ein kleiner Mann mit Leeds-Trikot, auf der Brust in dicken schwarzen Lettern »Smith« prangend. Soeben war 1860 München in der Qualifikation zur Champions League mit 0:1 gegen Leeds United ausgeschieden. Ein Bild der Niederlage. Ein Bild, das ihm nicht gerecht wird. Es wäre seine letzte Möglichkeit gewesen, sich noch einmal dort zu präsentieren, wo er, der Kleine, für mich immer hingehörte und hingehören wird: Bei den ganz Großen.



Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!