Mein Lieblingsspieler (7): Miroslav Okonski

Chopin, Curie – Okonski

Wattig-wallendes Brusthaar, glitzernde Goldkette, stone-washed Jeans. Raucher, Trinker, BMW-Fahrer. Der einstige HSV-Mittelfeldstar Miroslav Okonski kannte Stil nur auf dem Fußballplatz. Eigentlich ziemlich großartig. Mein Lieblingsspieler (7): Miroslav Okonskiimago

Miroslav Okonski streicht sich durchs Haar. Miroslav Okonski zieht an der Marlboro. Miroslav Okonski schüttelt eine Hand, Miroslav Okonski schüttelt zwei Hände, er schüttelt alle Hände, nur nicht meine. Ich stehe vor einem Einkaufszentrum irgendwo am Rand von Hamburg und habe eilig einen Zettel hervorgekramt, den der neue HSV-Star nun signieren soll. Doch der hat genug und geht schnellen Schrittes davon, schließlich ist das hier keine öffentliche Autogrammstunde, schließlich ist Montag, spielfrei, Familie. Schaufensterbummel nennt man das, was Okonski hier macht. Alles was bleibt: ein kurzer Augenkontakt, schüchtern (ich), irritiert (er). Nie wieder werden wir uns so nah sein.

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Okonski war ein Jahr zuvor, im Sommer 1986, nach langem Hin und Her mit seinem alten Klub Lech Posen zum HSV gewechselt. Er verkörperte alles, was ich nicht war. Er war: Raucher, Trinker, BMW-Fahrer. Er trug stone-washed Jeans, das Hemd offen und eine dünne in wattig-wallendes Brusthaar gebettete Goldkette. Sein Blick verwegen wie der von 60-jährigen Hafenarbeitern an den Landungsbrücken. Er kannte Posen, Warschau, er kannte die verdammte Welt.

Ich kannte den Kaugummiautomaten in meiner Straße. Ich trug von Mutti gestrickte Pullover, Polohemden, Pädagogen-Pottschnitt und fuhr auf Rollschuhen an renovierten und geputzten Altbaufassaden und angelegten Parks mit Springbrunnen vorbei. Ich war: neun Jahre alt.

Am Tag, als ich Okonski zum ersten Mal im zu engen BP-Dress sah, peitschte der Regen durch die offene Südtribüne. Hier, im Volksparkstadion, sollte der Pole so etwas werden wie Kevin Keegan. Spielmacher und Stürmer, Lenker und Vollstrecker. An jenem Samstag im November 1986 ging sein Stern auf. Es war der 12. Spieltag, 4:2 gewann der HSV gegen Borussia Dortmund. Zwei Tore bereitete Okonski vor, zwei schoss er selbst. Eines in der 28. Minute so phänomenal, dass einige sonst sehr ausgeglichene Hanseaten vor Erregung ihre Jackets vom Leib rupften und euphorisch über dem Kopf hin- und herschwenkten.

Karol Wojtyla, Chopin, Madame Curie – und Okonski

Alles ging so rasend schnell und doch spulte die Szene wie in Zeitlupe ab. Eine Flanke, eine Flugbahn, ein Mann am Sechzehnmeterraum. Miroslav Okonski am Sechzehnermeterraum. Miroslav Okonski mit einer Bewegung. Miroslav Okonski zimmerte den Ball direkt und volley unter die Querlatte. Der HSV war Zweiter und der kleine Mann aus Koszalin über Nacht gefühlt der beliebteste Fußballer der Welt. »Dieser Spieler ist das Beste, was die Bundesliga zu bieten hat«, expertete Paul Breitner in der »Bild«. »Wir haben der Welt Karol Wojtyla, Chopin, Madame Curie und Joseph Conrad geschenkt – und nun auch Okonski«, trompetete der polnische Schachmeister Jacek Badnarski in die Kameras.

Wojtyla, Chopin, Curie und Conrad – ich kannte die Namen allenfalls vom Hörensagen, doch sie klangen erhaben, weltmännisch, wichtig. Okonski, so schien es, tauchte zurecht in dieser Reihe auf. Und auch sein Trainer, Ernst Happel, liebte diesen polnischen Zauberer. Vielleicht, weil er ein wenig war wie er. Eine Künstlerbeziehung, in der man ohne Worte viel sagte. Eine Vater-Sohn-Beziehung, in der man sich sogar die Zigaretten teilte. In der Westkurve wünschten sich die Fans nichts sehnlicher, als mit diesen zwei Cowboys, diesen Outlaws, in einem engen Saloon zu stehen und schweigend feinsten virginischen Tabak zu inhalieren.

Okonski und das Ende der Standby-Ära

Die Hamburger Presse schrieb damals, Miroslav Okonski sei der letzte seiner Art. Sie meinte diese kreative Mixtur aus Spielmacher und Torjäger. Dabei stellte Okonski auch auf eine andere Art das Ende einer Ära dar. Die des Fußballprofis, der sich abseits des Platzes wenig um Fußball scherte. Ein Spieler, der gerne über den Durst trank und der noch vor dem Frühstück eine halbe Schachtel wegpofte. Der, von dem man annahm, er würde zum Training mit einer Harley vorfahren, um direkt danach mit wehendem Haar in einer Hafenspelunke zu verschwinden.

Der auf dem Platz einen Aktionsradius von drei Metern hatte, der aber mit einem einzigen genialen Pass eine Mannschaft aushebeln konnte und ganze Epochen neu zu schreiben vermochte. Ein genialer Standby-Fußballer eben. Bald schon sollte der moderne Fußball diesen Typus, diese Easy Rider des Fußballs, hinfällig machen. Es kamen die Roboterspieler und schablonenartig geformten Superhelden mit ihren federleichten und bunten Fußballschuhen, die Ballacks, die Messis, die Ronaldos.

Vielleicht blieb der kleine Pole deshalb nur zwei Jahre in Hamburg. Sein Landsmann Jan Furtok sagte später, dass Okonskis übermäßiger Alkoholkonsum ein Grund für sein Aus in Hamburg gewesen war. Bei Okonskis Abschied 1988 soll der frische und junge Manager des HSV jedenfalls nicht ganz unglücklich gewesen sein. Er konnte nichts anfangen mit Künstlern, die noch im Kabinengang ihr Marlboro-Päckchen im Stutzen verstauten, die verwegen dreinblickten und Goldkettchen im dicken Brustteppich verknoteten. Er wollte Spieler, die gehorchen. Er war kein Outlaw, nicht mal Cowboy, er war der Sheriff. Sein Name: Felix Magath.

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