Mein Lieblingsspieler (6): Lucio

Mit langen Schritten

Die Suche war langatmig. Unser Autor Simon Überheide fahndete nach einem Idol auf der Verteidigerposition. In der Saison 2001/02 packte ihn dann die Begeisterung: In Leverkusens Team galoppierte einer mit voller Willenskraft nach vorne: Lucio. Mein Lieblingsspieler (6): Lucio

Meinen Lieblingsspieler habe ich entdeckt, als ich bereits 15 Jahre alt war. Natürlich habe ich in den Jahren zuvor Fußballer verehrt, aber eigentlich nur, weil sie in der Nationalmannschaft spielten oder weil sie häufiger als andere Gegenstand der Berichterstattung waren. Ich spielte lieber selbst, statt mich intensiv mit Profifußball zu befassen. Zusätzlich spielte die Tatsache eine Rolle, dass ich immer schon auf der Position des Verteidigers spielte und die großen Stars in der Regel Offensivkünstler waren.

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Große Verteidiger wie Maldini oder Nesta sah man ohne Internet oder Pay-TV einfach zu selten, und die Verteidiger in der Bundesliga waren Ende der Neunziger eher unscheinbar und ragten nicht besonders heraus. So dauerte es also bis zum Jahr 2002, als Bayer 04 Leverkusen sich anschickte, mit beeindruckendem Fußball bis ins Finale der Champions League vorzurücken. Die Mannschaft war gespickt mit erstklassigen Fußballern wie Diego Placente, Zé Roberto, Bernd Schneider und Michael Ballack. Auf der Position des Innenverteidigers setzte Trainer Klaus Toppmöller auf einen jungen Brasilianer. Sein Name: Lucimar da Silva Ferreira, genannt Lucio.

Teil der Selecao, die im Sommer jenes Jahres Weltmeister werden sollte. Die Leverkusener spielten eine beeindruckende Champions-League-Saison. Und die denkwürdigste Begegnung war das Viertelfinalrückspiel  gegen den FC Liverpool, eines der besten deutschen Europapokalspiele überhaupt. Die Reds gewannen zuvor an der Anfield Road mit 1:0, somit half Leverkusen in der heimischen BayArena nur ein Sieg. Nach 84 Minuten stand es 3:2 für Leverkusen und nach der Auswärtstoreregel standen die Jungs von der Mersey im Halbfinale. Bayer brauchte ein Tor.

Galoppierend in den Sturm

Toppmöller schaltete auf totale Offensive um und beorderte Lucio in die Spitze. Entschlossen galoppierte der schlaksige Brasilianer mit langen Schritten in den gegnerischen Strafraum und nutzte die erste Chance, die sich ihm auftat, um mit einem satten Linksschuss abzuschließen. Tor. 4:2. Leverkusen im Halbfinale. Diese Szene sollte charakteristisch dafür stehen, was Jahre danach diesen Ausnahmespieler ausmachen sollte: Bedingungslose Zweikampfführung, absoluter Wille zum Sieg und immer wieder unaufhaltsame Vorstöße in die Offensive.

Lucio wechselte ein Jahr später zum FC Bayern München und avancierte dort zum langjährigen Abwehrchef. Oliver Kahn und er schienen wie Brüder im Geiste, die genau das auszeichnete, was der FC Bayern heute als seine Corporate Identity bezeichnen würde. Erst als Louis van Gaal an die Säbener Straße kam und die Position des Innenverteidigers zum Spieleröffner mit minimalem Risiko erklärte, wurde Lucio seiner großartigen Stärken beraubt und in ein Korsett gezwängt.

Jubel inmitten der Fontänen

Die logische Konsequenz war der Abschied aus München, aber natürlich fand sich ein hochkarätiger Abnehmer: Inter Mailand mit Star-Trainer José Mourinho. Dieser machte Lucio auf Anhieb zum Fixpunkt seiner Defensive. Im Halbfinale der Champions-League-Saison 2010 ging es gegen den FC Barcelona, eine Mannschaft, die schon da als schier unschlagbar galt. Inter schaffte durch seine enorme Defensivstärke die Sensation, Lucio ragte heraus. Besonders einprägsam ist das Bild nach dem Abpfiff des Rückspiels im Camp Nou, als die feiernden Mailänder durch den Rasensprenger vertrieben werden sollten. Lucio riss sich sein Trikot vom Leib und jubelte inmitten der Fontänen. Dass es im Finale gegen seinen Ex-Club FC Bayern ging, er wieder eine großartige Leistung zeigte und am Ende den Silberpott in die Höhe streckte, war die finale Unterschrift unter das Zeugnis einer großen bayrischen Fehlentscheidung.

Lucio hat alles gewonnen, was es im Fußball zu gewinnen gibt. Er hat gezeigt, dass individuelle Stärken eine Mannschaft immer weiterbringen. Nach seinem Wechsel zu Inter Mailand wurde er in einem Interview gefragt, ob er auch weiterhin seine Offensivvorstöße wagen würde. Er sagte kurz: »Wenn es das Spiel erfordert, marschiere ich.« Mit langen Schritten.

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