Mein Lieblingsspieler (3): Roberto Baggio

Im Himmel trägt man Zopf

Die neue 11FREUNDE-Serie stellt euch die Lieblingsspieler der Redaktion vor. Heute: Moritz Herrmann über Roberto Baggio. Der kickende Widerspruch faszinierte als tragisches Genie – und mit der coolsten Frisur aller Zeiten. Mein Lieblingsspieler (3): Roberto Baggio

Wie jedes große Turnier hat auch die WM 1994 Bilder produziert, die das Rad der Zeit überdauerten, Bilder, die sich in kollektive Fußballgedächtnis eingefräst haben. Diego Maradona, von einer Schwester händchenhaltend zur Dopingprobe geführt, gehört dazu, Roger Milla als nimmersatter Methusalem, die Babyschaukel der Seleção, auch der Mittelfinger von Stefan Effenberg. Mir nicht mehr aus dem Kopf ging noch lange nach diesem amerikanischen Sommer ein kleiner Mann mit knotigem Rastazopf, der, die Hände in die Seite gestemmt, gen Rasen blickte und dann wieder hoch, diesem Ball hinterher, den er soeben über die Querlatte geschickt hatte. Um ihn herum schlugen gelbe Leibchen wilde Salti, Brasilien war Weltmeister und Roberto Baggio der einsamste Mensch der Welt.

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Er, der Italien im Alleingang ins Finale getanzt hatte, wurde mir im Moment des Scheiterns zum liebsten Spieler. Bis dato waren Enttäuschung und Scheitern Gefühle, die ich in meiner kindlichen Naivität weder kannte noch verstand. Baggio aber und die Leere in seinen Augen, da, am gekreideten Punkt, brachten mir bei, dass das Leben nicht nur aus Honig und Zuckerwatte besteht. Baggio bewies, was es bedeuten kann, zu enttäuschen und enttäuscht zu werden. Eine Mischung aus Mitleid und Faszination nahm mich an jenem 17. Juli 1994 gefangen für die italienische 10.

Drei lächerliche Zöpfe

In der Woche nach dem Finale, ich glaube, es war ein Mittwoch, stand im Kindergarten mal wieder der Friseurbesuch auf dem Programm. Meine Freunde ließen sich ihren Pony stutzen oder den Nacken ausrasieren, ich aber wollte, anders als sonst, keine Haare lassen, sondern welche dazugewinnen. Mit billigem Garn flocht mir die Friseuse drei lange Zöpfe in den Schopf, die ich mir fortan leger über die Schulter zu legen pflegte. Unwahrscheinlich lächerlich sah ich aus, natürlich, mehr abgewrackter Padawan denn Fußballsuperstar, aber das war mir egal. Ich fühlte mich Roberto Baggio nahe, il divin codino, dem göttlichen Zopf.

Das Interesse an dem stürmenden Mittelfeldspieler sollte, einmal entfacht, bis zu dessen Karriereende anno 2004 andauern. Vor allem wegen der zahlreichen Widersprüche, die Baggio in seiner Person vereinte, zog er in den Bann. Er war nonkonform, aber trotzdem von jedermann (mit Ausnahme seiner Trainer) verehrt. Ein Liebling der Massen, weil er anders war als die Masse. Ein praktizierender, meditierender Buddhist, und das im vatikanisch-katholischen Italien. Ein Entenjäger, der sein mörderisches Hobby mit dem Credo rechtfertigte, der Tod sei nur natürlich, andererseits aber auch überzeugt davon war, in einem früheren Leben selbst Ente gewesen zu sein. Ein Genie, ein Wahnsinniger, Hedonist, Philosoph, der letzte Hippie im Fußball. Einer, der, auf der Höhe des Hypes, sinnierte: »Mein Traum ist es, ein Bauer zu sein, bei mir zuhause in Caldogno, auf dem Feld zu arbeiten und dabei Radio zu hören, Fußballübertragungen.«

Der Sumpf als Privatparadies

Über die Anfänge von Baggios Karriere las ich nur retroperspektiv, davon, wie sein Stern bei der Fiorentina aufging und das Knie früh kaputt. Wie er 1990 in das Piemont wechselte und die Florenzer Tifosi aus Protest die Altstadt zerlegten. Wie Baggio nach dem Spiel gegen seinen alten Klub in die Mikrofone lärmte, er werde im Herzen immer lila tragen. Und davon, wie er 1993 zum besten Spieler Europas und des Planeten wurde, Weltfußballer, vor Romario noch, weil er Juve den UEFA-Cup geholt hatte. Gigi Maifredi, früher Baggios Trainer bei der alten Dame, schwärmte: »Er kann Fußball spielen wie noch nicht mal die Heiligen im Paradies.«

Dabei wollte Baggio gar nicht ins Paradies. Die Sumpflandschaften des heimatlichen Veneto waren ihm oft schon genug, ihret- und der Familie wegen schlug Baggio internationale Angebote aus und heuerte bei Brescia Calcio an, 2000 war das. Kurz vorher hatte die Corriere dello Sport mal wieder eine Kampagne gestartet, mit der sie ihren gealterten Helden doch noch in den EM-Kader zu hieven versuchte. Auch ich wollte mich solidarisieren, wollte einen Brief schreiben. Leider war ich des Italienischen nicht mächtig. Die Squadra Azzurra unterlag Frankreich im Finale. Ohne Baggio. Ich habe es mir nicht angeschaut.

Abschied am 16. Mai 2004

Das letzte Mal am Ball sah ich Roberto Baggio dann in seinem Abschiedsmatch. Vier Saisons in Folge hatte er Brescia Calcio in der Serie A gehalten, den pomadigen Klub mit seinen Soli, seinen Freistößen, Elfmetern und Pässen gerettet. Am 16. Mai 2004 war es vorbei. Baggio ging und schaffte es doch nochmal, mich zu bannen. Es war gar nicht sein Wirken auf dem Rasen an jenem Tag, auch nicht sein demütiger Abgang oder die 80.000 im San Siro, die sich kollektiv erhoben für den scheidenden Kapitän des Gegners. Es war etwas anderes: Roberto Baggio trug, mit 37 Jahren und komplett ergraut, noch immer seinen Zopf. Ich ging schon lange nicht mehr in den Kindergarten. Aber wäre in diesem Moment Friseurtag gewesen, ich hätte mir sofort wieder drei Strähnen ins Haar knüpfen lassen.

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