Mein Lieblingsspieler (15): Ailton

»Musse mache Feuer!«

Klein, dick und doch ganz groß: Ailton verlieh der Kindheit von 11FREUNDE-Autor Gareth Joswig im Nachhinein eine Perspektive und war sein Werder-Idol des neuen Jahrtausends. Eine Hommage an den Fußballer des Jahres 2004. Mein Lieblingsspieler (15): Ailton

Die neunziger Jahre waren eine wunderbare Zeit, um als Fußballfan sozialisiert zu werden. Auf jedem Fußballplatz von der Kreisliga aufwärts tummelten sich bunte Trainingsanzüge aus Plastik mit herrlich gemusterten Farbübergängen und schillernde (Torwart-)Trikots von bis heute unerreichter Schönheit. Die gesamte Umwelt befeuerte grell meine kindlichen Instinkte mit vielfarbigen Reizen.

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Meine ersten Erinnerungen ranken sich in paninibildstückhaften Ausschnitten um Spieler wie Uwe Bein, Rudi Völler, Souleyman Sané, Jay-Jay Okocha, den Adamsapfel von Steffen Freund oder den Leberfleck von Christian Wörns. Diese wahllosen Fragmente aus meinem Langzeitgedächtnis bringen auch nach langer Zeit noch mein Zentralnervensystem zum Tanzen. Doch besonders begehrt waren für mich natürlich die Sticker meiner Lieblingsspieler von Werder Bremen: Rune Brathseth, Wynton Rufer, Dieter Eilts, Mario Basler, Mirko Votava oder Marco Bode.

Viele Lieblingsspieler, ein Trauma

Zu jung für Bremens Meisterschaft von 1993 verhinderten die traumatischen Ereignisse des 17. Juni 1995 jedoch, dass sich für mich ein einziger Lieblingsspieler dieser Zeit aus den Reihen der eigentlich glorreichen Werder-Elf herauskristallisieren konnte: Bremen versiebte am letzten Spieltag gegen den FC Bayern München die eigentlich schon sicher geglaubte Meisterschaft und verlor Otto Rehhagel sowie Andi Herzog an die Bayern. Ein Jahr später folgte auch mein Freistoßgott Mario Basler (Ventil immer nach oben!). Es fühlte sich alles an wie eine feindliche Übernahme.

Wir verloren an jenem Tag nicht nur ein Spiel gegen die Bayern, sondern auch ich die Aussicht auf einen Lieblingsspieler, der mir als Orientierung und Fixpunkt in verwirrenden, jungen Jahren hätte dienen können. Ich musste noch etwas warten, bevor mein Leben mit dem Erscheinen eines kleinen Brasilianers an der Weser endlich Sinn ergeben würde. Nach Unheil klingende Namen wie Aad de Mos, Dixie Dörner und Wolfgang Sidka sagen mir heute kaum noch etwas. Nicht zuletzt half meine voranschreitende Pubertät sehr dabei, mich antiproportional zu den Bremer Leistungen für Alkohol, Mädchen und Skateboards zu interessieren. Was ich verpasste: Ailton Goncalves da Silva wechselte im Oktober 1998 vom mexikanischen Verein Tigres de la UANL an die Weser und mit Thomas Schaaf wenig später ein alter Bekannter auf die Trainerbank.

»Ailton Tor – alles gut.«

Als sich endlich die Wogen der Adoleszenz glätteten und ich in das richtige Leben zurückkehrte, erwartete mich meine alte Liebe Werder Bremen im neuen Gewand. Thomas Schaafs Philosophie war Offensivfußball und er konnte im Sturmzentrum auf einen waschechten Mittelstürmer zurückgreifen. Zunächst fiel mir dieser vor allem durch seine für den Profifußball ungewöhnliche Statur auf. Widersprüchlich dabei: Der dick wirkende Mittelstürmer war unglaublich schnell. Für mich ein unbegreifliches Faszinosum wie dieser rein äußerlich etwas an die Standfußballer der C-Klasse erinnernde Stürmer einfach den Naturgesetzen trotzte und austrainierten Bundesligaverteidigern auf zehn Metern fünf abnahm. Obendrein schoss das drollige Sprintwunder erstaunlich viele Tore. Seine legendären Interviews nach dem Spiel machten ihn in Rekordzeit zum Publikumsliebling. Amüsant waren seine kryptischen Thesen allemal (»Musse mache Feuer!«).


»AAAAAAAAAAiiiiilltonnn!«

Der Brasilianer, boshaft auch »kleines, dickes Ailton« und, viel treffender, »Kugelblitz« (beim MSV Duisburg später auch »Kugelzebra«) genannt, galt zunächst als teuerster Fehleinkauf der Vereinsgeschichte. Unter Trainer Wolfgang Sidka war er im Abstiegskampf in der Saison 1998/1999 zu Werder gewechselt und hatte in seinem ersten Bundesligaeinsatz gegen Freiburg gleich ein Tor erzielt. Sein Start an der Weser gestaltete sich trotzdem schwierig, denn Sidka wurde sofort nach »Tonis« Ankunft entlassen, Felix Magath dafür verpflichtet. Disziplin- und Fitnessfanatiker Magath setzte den Brasilianer – nicht gerade für knallhartes Konditionstraining geschaffen – eine Woche nach seinem ersten Bundesligator auf die Tribüne (Stichwort: Defensivverhalten). Dort durfte Ailton abgesehen von einigen Kurzeinsätze bis zu Magaths Entlassung schmoren.

Unter liebevoller Bemutterung von Thomas Schaaf bekam er dann in der Saison 1999/00 doch noch die Kurve. Zwölf Tore und zehn Torvorlagen als kongenialer Sturmpartner von Claudio Pizarro (»Pizza-Toni liefert wieder«) waren der Dank für das Vertrauen. Ailtons zahlreiche Treffer waren Balsam für meine Seele und ich konnte mich ganz auf den aktuellen, in Teilen sogar sehr attraktiven Fußball konzentrieren. In Werders überraschender Meistersaison 2004 avancierte Ailton endgültig zu meinem Lieblingsspieler – er traf wie er wollte und schoss mit 28 teils traumhaften Treffern die meisten Tore seit Karl-Heinz Rummenigge 1980/81.

Happy End mit Wermutstropfen

Ungeachtet der zum Tagesgeschäft gehörenden Undiszipliniertheiten eines exzentrischen Brasilianers (Schaaf 2002/03: »Das, was Toni macht, könnte man als bezahlten Urlaub bezeichnen. Er macht Urlaub und bezahlt dafür.«) wäre es im Oktober 2003 beinahe noch zum Bruch zwischen mir und dem Kugelblitz gekommen: Nachdem Werder am 8. Spieltag die Tabellenspitze erklommen hatte, verkündete Rudi Assauer die Verpflichtung von Mladen Kristajic und auch Ailton zur nächsten Saison. Tonis Vertragsverlängerung bei Werder schien zwar greifbar, doch ließ sich der affektive Brasilianer innerhalb einer halbstündigen Verhandlung dazu hinreißen, für das Doppelte des von Bremen angebotenen Gehalts im folgenden Jahr die Fußballschuhe für Schalke zu schnüren. Ich fühlte mich zurückversetzt in das Jahr meines großen Traumas, in dem die Bayern Rehhagel und Herzog verpflichteten und Werder in die Mittelmäßigkeit kauften.

Dennoch blieb das erwartete Zerwürfnis zwischen den Fans und Ailton aus. Kritiker verstummten schon beim nächsten Auswärtsspiel, als der »Kugelblitz« – treffsicher wie eh und je – Werder innerhalb kürzester Zeit mit zwei Toren zur Führung gegen Freiburg schoss und so eine Siegesserie ihren Anfang nahm, die Werder schließlich zum Herbstmeister machte. Tonis offensichtlich kurzfristige Entscheidung für den Vereinswechsel bereute er spätestens am Saisonende als sein 3:1 gegen die Bayern im Olympiastadion den endgültigen Gewinn der Meisterschaft klarmachte. Nach Abpfiff brachen beim emotionalen Brasilianer alle Dämme: überglücklich über die Meisterschaft, jedoch untröstlich über den bevorstehenden Abschied, heulte Toni Rotz und Wasser. Trost konnten dem hemmungslos weinenden Ailton nur die Arme Schaafs und Allofs spenden.

Diese Bilder sind es, die mir den Weggang Ailtons nach dieser Saison erträglich machten und letztlich auch die Wunden meiner Kindheit heilten. Dass Ailton in dem zunächst als »Papageien-Trikot« geschmähten Werderdress die Meisterschaft holte, machte es umso schöner – erinnerten mich die orange-grünen Trikots mit ihrer ungewöhnlichen Farbgebung doch stark an die Modeverwirrungen der neunziger Jahre. Meine bösen Erinnerungen an dieses Jahrzehnt fanden im Sommer 2004 einen versöhnlichen Abschluss.

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