Mein Lieblingsspieler (14): Krassimir Balakow

Bulgare mit Zauberstab

Fast wäre 11FREUNDE-Autor Sebastian Knoth auf die schiefe Bahn geraten und hätte sich für Hockey oder Tischtennis erwärmt. Doch dann kam er: Krassimir Balakow. Der zaubernde Bulgare flößte Knoth wieder Hoffnung ein. Mein Lieblingsspieler (14): Krassimir Balakow

Die Vorfreude auf eine neue Spielzeit ist für einen kleinen Jungen oftmals schöner, als die eigentliche Saison selbst. Ich spekulierte als kleiner Wicht in jeder Sommerpause mit meinen Freunden über mögliche Tabellenplatzierungen unserer Lieblingsvereine. Das Kino in meinem Kopf drehte den Saisonverlauf nach meinem Geschmack. Jeder verhasste Klub konnte absteigen, jeder beliebte in den Meisterhimmel gehoben werden. Unserer Phantasie waren keine Grenzen gesetzt, alles war möglich. Es war eine herrliche Zeit.

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Das von den Klubs während des Sommers vollzogene Personalkarussell säte neue Hoffnungen in unseren infantilen Kleinhirnen. Die Freude über vermeintlich erfolgversprechende Erneuerungen äußerte sich vermehrt bei den Kameraden, deren Klub konstant hinter den eigenen Erwartungen rumdümpelte. Der VfB Stuttgart, dem ich seit dem Fallrückziehertor eines blonden Bäckersohnes 1987 die Treue hielt, war Mitte der Neunziger solch ein Verein.

Balakow? Mexiko 86? EM 92? WM 1994!

Im Juli 1995 präsentierte der VfB einen gewissen Krassimir Balakow als Neuzugang. Balakow? Der Name war meinen Ohren nicht unbekannt. Sofort begann ich mein üppiges Bücherregal zu konsultieren. Irgendwo hatte ich diesen melodischen Namen gehört. Balakow: Bereits den Klang dieser drei Silben assoziierte ich mit majestätischem Auftreten, osteuropäischer Chuzpe und unbedingter Spielfreude. WM 1986 in Mexiko? Vielleicht die Europameisterschaft in Schweden? Endlich, da war er: Im linken Mittelfeld. Neben »Karpaten-Maradona« Georghe Hagi, Brasiliens Staubsauger Carlos Dunga und Schwedens Strahlemann Tomas Brolin. Krassimir Balakow, im WM-All-Star-Team 1994!

Ich hatte seinerzeit lediglich Barcas Hristo Stoitchkow und den haarlosen Wahl-Hamburger Yordan Letchkow auf meiner bulgarischen »Spieler, die man kennen muss«-Liste. Und jener Letchkow lobte Kumpel Balakow zwei Wochen vor Saisonbeginn über den grünen Klee, was mir natürlich schlaflose Nächte bereitete: »Wenn die ganze Mannschaft und der Trainer zu ihm stehen, wird Balakow unglaubliche Dinge tun und die neue Attraktion der Liga sein.«Attraktion der Liga? Meine Ungeduld kannte in diesen warmen Julitagen keine Grenzen.

3:6 am sechsten Spieltag gegen Dortmund – ich wurde zum Gespött

Unglücklicherweise spielte die neuformierte Stuttgarter Elf des Schweizer Trainers Rolf Fringer in den ersten Partien der Saison 1995/1996 unter ferner fiefen. Eine 3:6-Niederlage am 6. Spieltag in Dormund trieb mir vor dem Fernsehschirm im Wohnzimmer Tränen in die Augen. Ich offenbarte Gefühle der Enttäuschung, des Frustes, das war mein Fehler. Mein Bruder verhöhnte mich, ich wurde zum Gespött. Sollte der VfB wiederholt mein sensibles Kinderherz brechen? Einziger Lichtblick in diesen schweren Stunden: Neuzugang und Hoffnungsträger Krassimir Balakow.

Der Bulgare hatte in den ersten fünf Begegnungen drei Treffer markiert. Was zu diesem Zeitpunkt selbst ich nicht wissen konnte, Balakow lief gerade erst heiß, hatte nicht einmal den Hauch seines Könnens in den deutschen Stadien offenbart. Denn seine Schöpferkraft, seine Geistesblitze, diesen puren Zauber, sollte der schwarze Lockenkopf erst eine Woche später enthüllen. Eine neue Zeitrechnung begann im Schwabenland, ein Wandel hin zu magischem Fußball, die Geburtsstunde eines Spielertrios, das noch heute jeden VfB-Anhänger vor Ehrerbietung erstarren lässt: Elber, Bobic, Balakow – das Magische Dreieck erblickte das Licht der Welt!

Gegen Gladbach wedelte er mit seinem linken Zauberstab

Der 23. September 1995. Borussia Mönchengladbach war zu Gast im Neckarstadion. Giovane Elber, Fredi Bobic und Krassimir Balakow spielten den Gladbachern Knoten in die Beine, die sich erst Stunden später wieder lösen sollten – bei Thomas Kastenmaier möglicherweise bis heute nicht. Balakow, der Denker, der Magier dieses Dreiecks, wedelte mit seinem linken Zauberstab. Er streichelte einen Freistoß in den Winkel, bediente zweimal Giovane Elber und damit keine Missgunst entstand, bekam auch Fredi Bobic zwei Törchen serviert. Das Schauspiel endete 5:0 für den VfB. Noch heute fehlen den damals Anwesenden Worte, um das zu beschreiben, was sich an diesem Samstagnachmittag in der Landeshauptstadt abgespielt hatte. Die FAZ schrieb wenig später, Balakow »kämpfe wie Kevin Keegan« und sei »verspielt wie Maradona«. Dazu habe er eine »preußische Dienstauffassung«. Sonst noch Fragen? Nein. Balakow war fortan mein Fußballgott.

Dass der VfB am Ende der Saison mal wieder nur einen mageren zehnten Tabellenplatz erreichte, war mir relativ Schnuppe. Wer zaubert, dem verzeihe ich Erfolglosigkeit. Und ganz so wirkungslos war das Magische Dreieck nicht. Schließlich heimste die Schwabenelf mit ihrem offensiven Harakiri-Fußball einen Titel ein: 1997 gewann man gegen Drittligist Energie Cottbus den DFB-Pokal. Das Erfolgsrezept damals: »Alleine kommst du nicht weit. Starkult ist bei uns verboten«.

Balakow rettete mich für Hockey und Tischtennis

Es sollte der einzige Triumph für Balakow im VfB-Trikot werden. Und leider auch die Abschiedsveranstaltung des spielfreudigen Trios. Elber zog es nach München, Fredi Bobic wenig später in den Pott, zum BVB. Nur einer blieb mir all die Jahre treu. Trainer kamen, Trainer gingen. Krassimir Balakow war die rettende Konstante in meinem Leben. Der Fels in der Mittelfeldbrandung. Er rettete mich, denn als pubertierender und orientierungsloser Jüngling wäre ich sonst definitiv auf die schiefe Bahn gekommen, hätte mich für Hockey oder Tischtennis interessiert.

Und als ihn viele Anhänger – mich natürlich ausgenommen – bereits abgeschrieben, gar als untätigen Millionär diffamiert hatten, griff er im zarten Alter von 35 Jahren noch einmal in den Zauberkasten vergangener Tage: Als verlängerter Arm von Felix Magath rettete der Bulgare den VfB Stuttgart 2001 mit einem Last-Minute-Treffer gegen Schalke vor dem Abstieg. Zwei Jahre später, mittlerweile 37-jährig, führte der Mittelfeldstratege das VfB-Mittelmaß bis in die Champions-League und trat, wie es nur die Besten tun, auf seinem Höhepunkt ab.

Er war eben Ba-la-kow. Drei Silben. Voller Erhabenheit, Zauber und diesem Schuss Magie.

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