Mein Lieblingsspieler (12): Oliver Neuville

Der kleine Gigant

Außerhalb des Platzes stets zurückhaltend steht Oliver Neuville doch für große emotionale Momente, für die entscheidenden Tore. Erik Peter dankt seinem Lieblingsspieler, dem Helden von Bochum 1999. Mein Lieblingsspieler (12): Oliver Neuville

Am letzten Spieltag der Bundesliga-Saison 1998/99 sitzt Sergej Barbarez auf der Tribüne des Bochumer Ruhrstadions inmitten der Spielerfrauen der Gastmannschaft. Unten auf dem Feld spielt der heimische VfL an diesem heißen Samstag Nachmittag nicht etwa gegen Barbarez’ aktuellen Arbeitgeber Borussia Dortmund, sondern gegen Hansa Rostock. Jenen Verein, dem Barbarez bis vor einem Jahr ebenfalls angehörte. Er will miterleben, ob es seinen ehemaligen Mitstreitern gelingt, den mal wieder einzigen Ost-Klub vor dem Gang in die Zweitklassigkeit zu bewahren.

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Während Barbarez Augenzeuge des spannendsten Abstiegskampfes der Bundesligageschichte wird, bleibt mir nur das Radio. Mit 14 Jahren noch zu jung für die Auswärtstour nach Bochum, versuche ich der Aufregung zu entkommen und schaue im Berliner Olympiastadion die Partie Hertha gegen den HSV. Ach was, das Spiel läuft völlig an mir vorbei. Mit Hansa-Trikot und -Schal bekleidet, hänge ich am Kofferradio, mit den Gedanken bei meiner Mannschaft, die hunderte Kilometer entfernt ums Überleben kämpft.

Einer der Hauptakteure des Schauplatzes Bochum ist Oliver Neuville. Anderthalb Jahre zuvor von CD Teneriffa als Rekordtransfer an die Ostsee gewechselt, steht sein Abgang nach Leverkusen bereits fest. Neuville will nicht als Absteiger gehen, das hat er, der bei Hansa zum Nationalspieler aufgestiegen ist, in den Monaten zuvor immer wieder betont. Und er tut alles dafür. Nach einem Duell mit Tomasz Waldoch, der ihn mit dem Stollen am Ohr getroffen hat, muss seine stark blutende Risswunde minutenlang behandelt werden. Trainer Andreas Zachhuber wartet ungeduldig, will aber seinen wichtigsten Spieler nicht vorzeitig vom Platz nehmen. Mit einem turbangroßen Verband torkelt der kleine Neuville regelrecht aufs Spielfeld zurück. Er wirkt orientierungslos, doch fünf Minuten später schießt er sein 14. Saisontor. Mit der 1:0-Führung geht Rostock in die Pause, Neuvilles Wunde wird mit sechs Stichen genäht.

Von Hansa in die Nationalmannschaft

Dieser jungenhafte Typ mit dem schüchternen Blick rückte erst in Rostock – seiner ersten Bundesligastation – in den Blick der großen Fußballgemeinde. Doch schon drei Jahre zuvor zeigten etliche Bundesligavereine Interesse an dem Stürmer von Servette Genf, ein Wechsel zu Bayern München scheiterte erst im letzten Moment an einer Meniskusverletzung und Unstimmigkeiten über die Ablösesumme. Über den Umweg Teneriffa, wo ihn Trainer Jupp Heynckes überwiegend im Mittelfeld einsetzte, kam Neuville schließlich zum F.C. Hansa. Trainer Ewald Lienen wusste um die Abschlussstärke des Stürmers, und ließ ihn oft als alleinige Spitze auflaufen. 91 Tore gelangen Neuville im Laufe seiner Bundesliga-Karriere, dazu 10 Tore in 69 Länderspielen. Darunter die beiden legendären 1:0-Siegtreffer bei der WM 2002 im Achtelfinale gegen Paraguay und 2006 im Vorrundenspiel gegen Polen.

Torgefahr im zu großen Trikot

Dabei hat sein Anblick viele an seiner Stärke zweifeln lassen: Sein Trikot immer zwei Nummern zu groß,  hängende Schultern, die ganze Körpersprache irgendwie mutlos. Doch auf dem Platz sahen seine stets größeren Gegenspieler den »Kleinen« nur solange von vorn, bis Neuville seine enorme Antrittsgeschwindigkeit ausspielte. Den Ball eng am Fuß, tänzelte er  ganze Abwehrreihen ebenso leichtgewichtig wie leichtfüßig aus. Blitzschnelle Reflexe, enorme Laufbereitschaft und verblüffende Spielideen machten seine Torgefährlichkeit aus. Da blieb vom Mitleidsfaktor für den kleinen Oli nichts mehr übrig, wenn der trocken und eiskalt seine Chancen nutzte – und aus nahezu unmöglichen Positionen oder dank artistischer Einlagen traf. So wie bei seinem Tor des Jahres 2006, erzielt per Hacke über den Torwart hinweg.
Nach dem Spiel schaute er dann meist ein bisschen traurig in die Kameras, lobte seine Mitspieler, die Mannschaftsleistung und die Unterstützung der Fans. Während andere Fußballer zwar ähnliches sagen, die heuchelnde Aufgesetztheit jedoch unschwer verbergen können, nahm Neuville sich tatsächlich nicht so wichtig. Bescheiden ist er immer gewesen und geblieben. Die Aussage nach seinem Tor gegen Paraguay, er könne »immer ein Tor machen«, gehört zu den aufmüpfigsten Zitaten, die sich über ihn finden lassen.

Eingelöstes Versprechen

Dass Neuville nicht nur Tore schießen, sondern auch vorbereiten konnte, zeigte er an diesem denkwürdigen letzten Spieltag in Bochum. Nachdem der gastgebende VfL in der 74. Minute mit 2:1 in Führung ging, war es Neuville, der für die Wende sorgte und sich damit endgültig in den Olymp der Rostocker Fußballgötter schoss. Per Hacke legte er zum Ausgleich auf, mit einer Flanke auf Slavomir Majak bereitete er den Siegtreffer zum 3:2 vor. Nur wenige Minuten blieben bis zum gesicherten Klassenerhalt. Antenne Mecklenburg-Reporter Oli Schubert flehte in Richtung Schiedsrichter: »Lieber Dr. Markus Merk, ich geh jeden Tag zum Zahnarzt, aber pfeif’ dieses Spiel ab«. Spieler und Trainer an der Bank ruderten minutenlang mit den Armen und die mitgereisten Fans hielt es kaum mehr auf der Tribüne.

Im Berliner Olympiastadion war das Spiel bereits beendet, Hertha hatte 6:1 gegen den HSV gewonnen. Kaum jemand verließ das Stadion. Die Radiogeräte waren allgegenwärtig, alle hörten die Schlusskonferenz aus Bochum, Frankfurt und Nürnberg. Dass Hansa hier die größten Sympathien besaß, war nach ihrem 3:2-Führungstreffer zu hören gewesen. In meiner Erinnerung war dieser Jubel lauter als bei den sechs Berliner Treffern zuvor. Meine Aufregung in diesen letzten Minuten war nicht auszuhalten, wie gerne hätte ich mit Sergej Barbarez getauscht, der sich wenigstens selbst ein Bild machen konnte.

Irgendwann hatte Merk ein Einsehen, der Abpfiff kam und mit ihm die Erlösung. Hansa blieb drin, Frankfurt durch ein rauschhaftes 5:1 gegen Kaiserslautern ebenso, Nürnberg stieg ab. Der Fußballosten atmetet kollektiv auf, wurde er doch ein weiteres Mal vor der Verwaisung gerettet. Ich war der glücklichste Mensch der Welt, Sergej Barbarez beklatschte auf der Tribüne die Energieleistung seiner Ex-Kollegen und selbst der sonst eher nordisch-kühle Präsident Rehberg vergaß jede Etikette: »Wir werden uns jetzt richtig einen auf die Lampe gießen«. Und Oliver Neuville? Der hatte sein Versprechen, nicht als Absteiger zu gehen, wahr gemacht. Er verabschiedete sich zurückhaltend wie immer. Auf die Frage eines »ran«-Reporters, ob dies sein schönstes Abschiedgeschenk sei, sagte er, was er eigentlich immer sagte: »Ja, nicht nur für mich, auch für die Mannschaft und den Verein und natürlich auch die Fans.«

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