Mein Lieblingsspieler (10): Horst Hrubesch

Projektionsfläche Ungeheuer

Horst Hrubesch war ein grandioser Stürmer, aber vor allem ist er ein Mensch mit Persönlichkeit. Stets kollegial, ehrgeizig und dennoch fair, dabei alles andere als ein Langweiler. Tim Jürgens bedankt sich in unserer Serie »Mein Lieblingsspieler« beim Kopfballungeheuer. Mein Lieblingsspieler (10): Horst Hrubesch

Philipp Lahm ist ein großer Fußballer. Als er noch in der Jugend des FC Bayern München kickte, hegte der Vorstand an der Säbener Straße jedoch ernsthafte Zweifel an der Bundesligatauglichkeit des schmalen Künstlers. Nur Hermann Gerland machte sich bei Kamingesprächen mit Uli Hoeneß und Karl Heinz Rummenigge zum Anwalt des kleinen Mannes und schimpfte theatralisch über seinem Rotweinglas: »Was wollt Ihr denn? Der Junge macht alles richtig, der bringt seine Kollegen nie in Bedrängnis. Was immer er auch tut.«
Soweit man das Geschehen auf dem Rasen betrachtet, hat diese Aussage bis heute Bestand. Abseits des Rasens ist Lahm offenbar um eine Imagekorrektur bemüht, aber das tut an dieser Stelle nichts zur Sache. 


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Der Größte aller Zeiten

Wer der ganzheitlichen Analyse nach dem Gerlandschen Prinzip jedoch folgt, also bei einem Spieler auch die Persönlichkeit abseits des Rasens und nach der Karriere bei der Bewertung miteinbezieht, kommt an Horst Hrubesch als dem größtem aller Zeiten unmöglich vorbei. 
Natürlich, Idole sind Projektionsflächen. Kein Mensch ist in der Lage, ein legendenumranktes Image, das sich auf der Grundlage sportlicher Triumphe herausschält, in der Realität ständig zu bestätigen. Doch ich bin überzeugt: Die öffentliche Wahrnehmung von Horst Hrubesch ist nahezu deckungsgleich mit dem Menschen dahinter.

So sehr man in den Archiven kramt, es gibt kein Indiz, in der sich ein Kollege von ihm im Stich gelassen fühlte. 
Als er noch bei Rot-Weiß Essen kickte, mussten die Mitspieler den Ball nur scharf in den Sechzehnern bolzen, irgendwie wuchtete der Lange seinen Quadratschädel schon in die Schußbahn. In der Zweitliga-Nord-Saison 1977/78 wurde er mit 42 Treffern Torschützenkönig.

Dabei wirkte Hrubesch als sei er im Nebenberuf Gas-Wasser-Installateur. Stets trug er Staub stolz im Gesicht, die Haare schweißnass und unsortiert wie abgeladener Müll auf den Halden der späten Siebziger. Der Schlamm klebte ihm am Trikot. Sätze klumpten aus seinem Mund wie Pflastersteine. Jedes Wort ein kleines Erdbeben, das jedoch schneller endete, als es begonnen hatte. Sie nannten ihn »Kopfballungeheuer«, weil er nicht wie Jung-Siegfried aussah. Aber hinter den groben Zügen verbarg sich das große Herz des ehrlichen Mannes, der instinktiv den Unterschied zwischen Gut und Böse erkannte. Als er Deutschland 1980 in Rom mit zwei Toren zum Europameister köpfte, hatte er mit seinem kongenialen Partner Kaltz längst ein Patent angemeldet, dessen System er wie folgt erklärte: »Manni Banane, ich Kopf, Tor!«

Als von »Personality« noch keine Rede war

Wer wissen möchte, worin auch charakterlich der Unterschied zwischen einem wie ihm und, sagen wir, Cristiano Ronaldo liegt, sollte sich ansehen, wie Hrubesch zum entscheidenden Elfmeter gegen Frankreich bei der WM 1982 antritt. Auf dem Weg vom Mittelkreis zieht er sich die Hose am Bündchen zurecht, wie ein verlegener Pennäler, der im Tanzkurs seinen Schwarm auffordern möchte. Und was macht er, als er emotionslos den Ball in die Maschen gedroschen hat? Er wuchtet seinen Kadaver in die Höhe wie ein Fliegengewichtler und rennt zum weinenden Uli Stielike, der immer noch glaubt, sein verschossener Strafstoß habe den Deutschen das Finale gekostet. Uli, alles klar.

Während Paul Breitner sich für Rasierwasser den Vollbart abrasieren ließ, sich als Bild-Kolumnist verdingte und Toni Schumacher die Kollegen per Enthüllungbuch als rotweinsüchtig outete, drehte Hrubesch ein Din-A-4-Blatt in die Schreibmaschine und tippte ein Sachbuch: »Dorschangeln vom Boot und an den Küsten.«
Als Lars Bastrup im Europacupfinale gegen Juve 1983 von Claudio Gentile der Kiefer gebrochen wurde, half HSV-Kapitän Hrubesch gerade in der Abwehr aus. Sein Mitspieler Thomas von Heesen sagt heute: »Wenn der Horst das mitgekriegt hätte, wäre Gentile ein toter Mann gewesen.«

Als die Mannschaft vor dem Match gegen die Italiener am Aufgang zur Siegerehrung vorbei kam, brüllte Hrubesch mit der Unverfrorenheit des Bolzplatzheroen: »Kann ich hier nachher den Pokal abholen oder wo is das?« Ein Satz, der die Körperspannung seiner Kollegen nachhaltig straffte. 
Seinen Abschied aus Hamburg feierte er in der Discothek »Tenne« in Hamm. Hrubeschs Party soll alles bisher Dagewesene in der Geschichte der fetenerfahrenen Truppe von Ernst Happel in den Schatten gestellt haben. Keiner der Beteiligten redet noch über die Ereignisse, aber alle lächeln vielsagend. Er hat sich offenbar nicht lumpen lassen.

Wechselhafte zweite Karriere

Natürlich traf er später auch berufliche Fehlentscheidungen. Die größte wohl, als er sich von Erich Ribbeck vor der EM 2000 als dessen Assistent rekrutieren ließ. Nach der Blamage gegen Portugal saß der große, starke Hrubesch auf der deutschen Ersatzbank und weinte wie ein kleiner Junge. Um ihn herum standen hochbezahlte Profis und schauspielerten mit leerem Blick, was sie wohl unter dem Gefühl »Enttäuschung« verstanden. Er konnte als Einziger nicht fassen, dass Nationalspieler sich so kampf- und willenlos ergaben. 
Als 2004 mit Klinsmann die Revolution beim DFB ausbrach, rechnete er fest damit, sich seine Papiere holen zu können. »Doch irgendwie haben die mich wohl vergessen,« sagte er später, als er in einem Jahr gleich mehrere Titel mit Juniorenteams holte. 


Er lebt auf einem Reiterhof in der Peripherie von Uelzen und züchtet Edelhaflinger, weil die genauso seien wie Menschen. Die könnten auch nur funktionieren, wenn man ihnen Vertrauen schenkt. Er sitzt in der Küche mit seiner sympathischen Frau und beide rauchen Kette. Und wenn der Hund mal nicht pariert, blökt Hrubesch mit dem ironischen Unterton des Meckerrentners: »Ruhe! Sitz!« Und seine Frau maßregelt ihren Gatten freundlich: »Horst, nicht so laut.«

In Interviews kehrt eine Redewendung ständig wieder. Hrubesch leitet fast jede Antwort ein, indem er sagt: »Nochmal, ich bleibe dabei…« Sogar wenn er vorher noch gar nichts gesagt hat. Es kommt ihm wohl so vor, als habe er alles schon viel zu oft erzählt. 
Auf einer Kachel in der Küche klebt ein Hanuta-Bildchen von Joachim Löw. Wer hätte das gedacht? Der große Parteivorsitzende ausgerechnet bei Hrubesch an der Wand, diesem knorrigen Gegenentwurf zum polyglotten Mod aus Freiburg. Hrubesch klopft auf die Kachel über Löws Porträt und sagt: »Aber da drüber is auch noch ein bisschen Platz…« 
Lieber Horst Hrubesch, für diese Erinnerungen, die ich hier nochmal Paroli laufen lassen durfte, möchte ich abschließend nur ein Wort sagen: Vielen Dank.

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