Mein Lieblingsmoment: Bayern-HSV

Der Feind in meinem Bett

Imke Ankersen hat in ihrer HSV-Fankarriere vor allem eine Sache gelernt: Hasse den FC Bayern wie keinen anderen Verein! Dieses Jahr zog sie mit einem Bayern-Fan zusammen. Kann das gutgehen?

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2013, das war: Ein Anruf von Don Jupp, als ich gerade beim Vietnamesen saß, eine Copy-and-Paste-Mail an Jörg Schmadtke mit der Anrede »Lieber Herr Kind« und ein Umzug in die gemeinsame Wohnung mit meinem Freund. Natürlich inklusive langer Diskussionen darüber, wer was mitbringen darf. Braucht man wirklich 48 Aschenbecher? Wessen Tupperware ist qualitativ besser und welcher Messerblock darf überleben? Einzig in Sachen Fußballtrikots haben wir eine ähnlich große Anzahl in den gemeinsamen Haushalt eingebracht. Nur eben von sehr gegensätzlichen Vereinen.

»Los Mausi, zähl auf...«
 
In den frühen Neunzigern musste ich die komplette HSV-Mannschaft (inklusive Spitznamen wie »Andreas Sexmachine Fischer«) jederzeit auswendig aufsagen können, sobald einer meiner Brüder mich öffentlichkeitswirksam danach fragte (»Meine Schwester kennt alle HSV-Spieler. Los Mausi, zähl auf...«). Darüber hinaus haben sie mir drei essenzielle Weisheiten eingebläut, die ich niemals und unter keinen Umständen vergessen durfte: Mehr als dreimal in der Westkurve »HSV« schreien, ist mit einer Mädchenstimme peinlich, Markus Merk pfeift immer gegen den HSV und wir hassen den FC Bayern. Ich hatte es aufgrund dieser frühkindlichen Prägung immer für unmöglich gehalten, dass ich mich einmal in einen Bayern-Fan verlieben könnte. Doch es war passiert, und jetzt sollte ich auch noch mit ihm zusammenziehen.
 
Die Verhandlungen begannen. Mein heißgeliebtes hellblaues »HSV gewinnt Europacup«-Plakat musste einfach einen prominenten Platz im neuen Wohnzimmer ergattern. Aber wie sollte ich das jemandem schmackhaft machen, der mir jedes, aber auch wirklich jedes HSV-Spiel madig macht? Ganz einfach: Ich besorgte ein riesiges schwarz-weißes Fine-Art-Print von Pep Guardiola und hängte es über unser Sofa und kochte fortan in einer Bayern-Schürze, die im Büro keiner haben wollte. Dafür klebte ich auf unseren überdimensionalen Fernseher eine schöne Raute in die rechte untere Ecke. Auge um Auge, Zahn um Zahn.
 
Alles in allem verlief das Zusammenziehen fast beängstigend harmonisch. Wir schenkten uns ein Sky-Abo (für jede Beziehung zu empfehlen), nahmen die obligatorischen zwei Kilogramm zu und genossen unsere neue Spießigkeit. Ich fand es besonders schön, dass es wieder so war, wie damals bei meinen Eltern zu Premiere-Zeiten. Jeden Samstag, Punkt 15 Uhr ging die Klingel, und einer nach dem anderen kam mit einem Sixpack und einer Tüte Chips unter dem Arm herein, suchte sich ein Plätzchen auf dem Sofa und begann mit sinnloser Phrasendrescherei. So will ich das haben, so liebe ich das.

Der Schimpase im Bayern-Trikot
 
Dachte ich zumindest bis zu jenem verhängnisvollen 30. März 2013. Der Klassiker Bayern gegen den HSV stand um 18.30 Uhr an. Ich ahnte ja, dass es keine Glanzvorstellung meiner Rothosen werden würde und hatte zur Beruhigung zwei Tage lang in der Bayernschürze an einem Hühnerfrikassee herumgeköchelt. Aber als wäre Effenberg als Co-Kommentator nicht schon Strafe genug, füllte sich das heimische Wohnzimmer peu a peu mit klugscheißenden Menschen, die sich mit ihren hämischen Kommentaren über die Peinlichkeit des HSV bei diesem unglücklichen 2:9 gegenseitig anstachelten. Musste das wirklich sein? Dazu ein Freund, der sich bei jedem einzelnen Bayern-Tor wie ein Schimpanse auf die Brust klopft und vor Glück auf die Knie sinkt? Womit hatte ich das verdient? Ich wurde immer stiller und fing mal wieder an zu rauchen.

Einzig Kollege Rattelschneck spürte meinen Schmerz und öffnete noch in der ersten Halbzeit die zweite Packung Flips, um sie mir wortlos rüberzureichen. Mir war zum Heulen zumute.  Sollte ich mich in der Pause davonstehlen und wie früher in meine Lieblingskneipe gehen? Da waren zwar nicht viele für den HSV, aber wenigstens viele gegen die Bayern. Ich dachte ernsthaft darüber nach, auszuziehen und die Beziehung zu beenden. So konnte man doch nicht leben! Da bekam ich eine SMS vom Vater meines Freundes, einem treuen HSV-Fan, der sein Unglück mit mir teilen wollte. Da wusste ich wieder, ich bin in dieser Familie trotz allem gut aufgehoben. Und so ertrug ich die restlichen Minuten mit Fassung.
 
In der gerade zu Ende gegangenen Hinrunde hatte der HSV zum Glück mal wieder sehr viele Sonntagsspiele. Das ist gut, da arbeitet mein Freund meist. Da saß ich dann ganz allein und in himmlischer Ruh mit der glücksbringenden Tiefkühl-Bordelaise auf dem Sofa. Und siehe da, es waren ein paar Siege dabei. Das Spiel gegen die Bayern allerdings lag wieder auf einem Samstag. Das guckte ich mir sicherheitshalber bei meinem Cousin an, mit dem ich früher immer in der Westkurve stand. Und siehe da: die 1:3-Niederlage in München tat gar nicht so weh. Denn im Vergleich zu Werder in der Woche zuvor war das ja fast ein Sieg.

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