Mein Lieblingsmoment 2013: Thomas von Heesen so nah

Für den HSV im Keller

Aus der Rubrik »Mein Fußballmoment 2013«: Thomas von Heesen sieht wahrscheinlich wahnsinnig gut aus, geht aber nicht ans Telefon.

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Der Freitag geht der Nacht entgegen. Ich schlendere durch das einsetzende Dunkel, bin mit einem Kumpel zum Essen verabredet. Wir ätzen gegen die Welt und lassen es uns schmecken. Später das Spiel, anschließend ein Konzert von Freunden. Wir kommen eine halbe Stunde vor Anpfiff in der Kneipe an. Begrüßen die Leidensgenossen, die seit Jahren mit uns durch die Ligen, Trainer und Hoffnungen irren, bringen uns und unsere Ansichten auf den neuesten Stand und harren der Dinge. Der Barkeeper bringt ohne zu fragen das Bier der Wahl und flüstert verschwörerisch: »Thomas von Heesen ist im Keller. Will den HSV retten. Sieht unfassbar gut aus. Geh' mal gucken.«


»Später«, sage ich. Erstmal die Aufstellung prüfen, Statistiken absichern und Prognosen zur Wahrheit aufbauschen. »Wer pfeift? Der? Oh Mann.« »Thomas von Hessen ist hier, will den HSV retten. Sieht unfassbar gut aus«, sagt einer. Ich erzähle, wie ich neulich auf dem Flohmarkt Bruno Labbadia gesehen habe. Schick sah er aus, wirklich schick und glücklich. Und wie er herausstach aus der Masse, mit seinem teuren blauen Mantel, und dem breiten Grinsen, als gäbe es eine Welt neben dem Fußball. Man müsse sich Bruno Labbadia als glücklichen Menschen vorstellen, deutel ich vor mich hin, bis endlich das Spiel beginnt.


Wir feuern unsere Mannschaft an. Aus 636 Kilometern Entfernung rufen wir den Spielern den optimalen Passweg zu, belehren den Schiedsrichter und singen unsere Lieder, die schon auf der Straße vor der Bar nicht mehr zu hören sind. Und im Keller sitzt Thomas von Heesen. Der hört uns ganz sicher. Es ist wirklich nicht so leicht, den HSV zu retten, denke ich mir. Und dass ich ihn wohl einfach nicht belästigen sollte, nicht heute.

Irgendwann taumeln wir weiter zum Konzert. Eine Freundin fragt, wo wir gerade herkämen. Ich erzähle von Thomas von Heesen im Keller, vom Spiel und wie sinnlos mir manchmal erscheint, dass wir den Spielern aus 636 Kilometern Entfernung Dinge zurufen. Ihre Antwort ist ernüchternd: »Thomas steht am Tresen im Keller? Warum? Wir kriegen doch oben umsonst unser Bier?«

Ich hatte Thomas von Heesen fast schon wieder vergessen, bis ich vor dem Spiel des HSV in München auf den 24. April 1982 stieß. Damals gewannen die Hamburger bei den Bayern mit 4:3. Einer der Torschützen: von Heesen. Ich wollte ihn natürlich sofort ans Telefon bekommen, mit ihm über damals reden, und wie man die Bayern wohl schlagen könnte. Und warum und wie er den HSV retten wolle. Auf der Suche nach einem Kontakt entdeckte ich die »Initiative HSV Plus«, an der von Heesen offenbar mitarbeitet und verstand erst jetzt die Zusammenhänge. Doch weder auf meine Mails, noch auf meine zahlreichen Anrufe erhielt ich eine Antwort. Auch beim SV Kapfenberg war man ratlos: »Herr von Heesen hat Österreich inzwischen verlassen«, beschied man mir mit fast traurigem Unterton. Über dunkle Kanäle erreichte mich dann doch noch eine Handy-Nummer von Heesens. Die wäre etwas älter, aber wer weiß.

Fast ein wenig aufgeregt wählte ich die Nummer. Ich versuchte ihn mir vorzustellen, und sah ihn vor meinem geistigen Auge Doppelpass spielend mit Bruno Labbadia über eine Wiese laufen, und gut sahen die beiden aus, bis mich eine kalte Computerstimme jäh in meinen Gedanken unterbrach: »Der Teilnehmer hat sein Telefon ausgeschaltet und möchte nicht gestört werden. Bitte haben Sie dafür Verständnis.« In den nächsten drei Tagen habe ich diese Ansage sicherlich an die 40 Mal gehört. Inzwischen bin ich mir sicher: Thomas von Heesen sitzt noch immer im Keller meiner Stammkneipe, will den HSV retten und sieht unheimlich gut dabei aus, will aber einfach nicht gestört werden.

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