24.12.2013

Mein Lieblingsmoment 2013: Der Prince wechselt zum FC Schalke

Wie schlaftrunkene Murmeltiere

In unserer Reihe »Mein Liebingsmoment 2013« erzählt 11FREUNDE-Redakteur Benjamin Kuhlhoff, wie er auf seiner Hochzeitsreise seine Frau anflunkerte aber so immerhin live mitverfolgen konnte, wie Kevin-Prince Boateng zum FC Schalke wechselte.

Text:
Benjamin Kuhlhoff
Bild:
imago

Da ich mich berufsbedingt jeden verdammten Tag mit Fußball auseinandersetzen darf, konnte meine Frau mir das Versprechen abringen, dass das Thema wenigstens in unserem Sommerurlaub Pause haben würde. Kein Problem, dachte ich mir vor dem Abflug. Da kein großes Turnier anlag und mich die Gerüchte und Halbwahrheiten rund um den sommerlichen Transfermarkt ohnehin bestenfalls peripher tangieren, blickte ich entspannt auf vier Wochen Ruhe, Entspannung, Kopfreinigung. Dass wir uns als Reiseziel die USA ausgesucht hatten, vereinfachte die Aufgabe ungemein, denn im Land der unbegrenzten Möglichkeiten ruhte der Fußball ebenfalls – auch wenn mich wirklich interessiert hätte, wie es ist, Fußball in Nord-Amerika zu schauen.

In den USA angekommen, zeigte sich jedoch sehr schnell, warum ich die Frau meines Herzens dermaßen verehre. Sie ahnte wohl schon, dass ich bei totalem Sportentzug nicht lange durchhalten würde, ohne ungemütlich zu werden. Also hatte Sie Karten für ein Live-Sportereignis organisiert. Baseball in Seattle. Es ist nicht auszuschließen, dass sie da bereits einkalkulierte, dass mich dieses Erlebnis nachhaltig erschüttern würde. Denn ohne zu untertreiben kann ich hiermit ein für alle mal festhalten, dass Baseball der unsinnigste und langweiligste Sport der Welt ist. Nicht nur, dass die Sportler selbst eher an den örtlichen Metzger statt an austrainierte Athleten erinnern, selbst bei knallharter Konzentration erschließt sich einem der Sinn und Unsinn des Regelwerks nicht. 



Knutschen auf der Großbildleinwand



Doch das Spiel scheint die Zuschauer sowieso nur nebensächlich in Stadion zu locken. Statt zu singen oder mitzufiebern, essen, trinken, quatschen sie und warten eigentlich nur auf die unzählig vielen Spielpausen, in denen sie sich auf HD-Großbildleinwänden gegenseitig beim Tanzen und Knutschen zusehen. Ich trank während des Spiels zwei Lite-Beer im Wert von jeweils zwölf Euro und aß einen Hotdog, dessen Wurst nach verbrannten Autoreifen schmeckte. Immerhin kostete auch dieses kulinarische Verbrechen zehn Euro. Es war auf eine ganz perverse Art spannend. Aber es war eben auch ein Desaster. Unter diesem Eindruck fiel es mir in den kommenden Wochen nicht schwer, auf Sport zu verzichten. Ich war offenbar geheilt.

Doch dann kam San Francisco. Dann kam freies WLAN im Hotel. Und dann überrollte es mich. Ich erwischte mich, wie ich heimlich auf die Toilette schlich, um Fußballnachrichten aus der Heimat zu checken. Ich löcherte meine Kumpels mit nervigen Fragen zu den neuesten Entwicklungen aus der Heimat und tarnte das alles als »Recherche für die kommende Reiseroute«. Ohne, dass ich es wollte, war ich mit dem Kopf nur noch halb im Urlaub.

 
 
 
 
 
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