06.03.2013

Mein Lieblingseuropapokalspiel: Werder-HSV

Geburtsstunde der »Big Bertha«

Bremen und Hamburg tanzten im Jahr 2009 lange auf drei Hochzeiten. Doch dann trafen sie innerhalb von 19 Tagen gleich viermal aufeinander. Und unser Autor Gareth Joswig erinnert sich an die Entdeckung einer echten Wunderwaffe.

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In schlechten Zeiten schwelgt man gerne in schönen Erinnerungen. Anders ausgedrückt: Als Fan von Werder Bremen lebt man derzeit in der Vergangenheit. Vor dem inneren Auge: Johan Micoud, Diego, Mesut Özil. Und noch früher: Wynton Rufer, Dieter Eilts, Rune Bratseth. Ja, wenn man wie zuletzt zuhause gegen Augsburg verliert, romantisiert man sogar die technische Beschlagenheit eines Andree Wiedener und die Treffsicherheit eines Wladimir Bestchastnykh.

»Augsburg! Pffff!«

Noch schlimmer ist es, wenn man einen kleinen Bruder hat, der für den HSV schwärmt. Der obligatorische Anruf nach dem Augsburg-Spiel ließ nicht lange auf sich warten. »Warum nehme ich eigentlich ab?«, dachte ich noch, aber wer weiß, es könnte ja etwas Wichtiges sein. Mein Bruder sagte: »Haha, Werder hat verloren! Wie scheiße sind die denn? Augsburg! Pffff!« Ich legte auf. Pfff.

Erneut schloss ich die Augen, sah Mario Basler beim Eckstoß, Uli Borowka beim Grätschen und auch: den Mai 2009. Ich nahm mir vor, mich bei der nächsten Gelegenheit zu rächen. Mein Bruder würde Bekanntschaft mit meiner Geheimwaffe machen: Einem Instrument, das Anhänger des HSV schlagartig zum Schweigen bringt. Die »Big Bertha« der Werder-Fans.

Der große Showdown der Nordrivalen

Die Bauanleitung der Superwaffe ist schlicht: großes Stück Papier (weiß) nehmen, knüllen, geknüllte Papierkugel in Richtung des spottenden HSV-Fans werfen, laut den Namen »GRAVGAARD!« schreien oder »Nur ein kleines Stück Papier« von Wolfgang Petry singen. Fertig.

Warum das so gut funktioniert? Ein kleines Stück Zellstoff entschied das Rückspiel des Uefa-Cup-Halbfinales 2009. Es war der Höhepunkt der Klubrivalität zwischen Werder Bremen und dem HSV. Das Schicksal hatte per Los bestimmt, dass es 2009 zwischen dem 22. April und dem 10. Mai zum großen Showdown der Nordrivalen kommen sollte. Wie durch Vorsehung standen innerhalb kürzester Zeit Duelle im DFB-Pokal-Halbfinale, im Halbfinale des Uefa-Cups und in der Bundesliga an. Im Vorfeld der Playoffs legte sich eine seltsame Ruhe über den Norden. Werder gegen den HSV, viermal in 19 Tagen.

Alles angerichtet für einen Festakt in Rothosen

Beim Privatfernsehen leckten sich die Programmdirektoren die Finger flutschig: Gegen den 19-Tage-Wahnsinn konnte selbst »Die Wanderhure« einpacken. In den Hauptrollen: ein singender Wiese (»Scheiße, Scheiße, Haaa Esss Vaaaauu!«), Piotr Trochowski, der das Hinspiel des Uefa-Cup-Halbfinales mit einem Kopfball entschied – und eine kleine Papierkugel.

Die HSV-Fans waren trotz des DFB-Pokal-Aus gegen Werder zwei Wochen zuvor nach dem Hinspiel-Sieg optimistisch: Hamburg war zu diesem Zeitpunkt die Nummer eins im Norden, peilte in der Bundesliga die Champions-League-Plätze an und schielte mit einem Auge auf das Uefa-Cup-Finale in Istanbul. Voller Zuversicht erstrahlte der Volkspark in schwarz-blau-weißem Glanz einer riesigen Fan-Choreografie. Alles war angerichtet für einen Festakt in Rothosen. Was die HSV-Fans da noch nicht ahnten: Die Choreo würde zur Ur-Katastrophe der Saison werden.

 
 
 
 
 
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