12.03.2013

Mein Lieblingseuropapokalspiel: Porto-Schalke 2008

Drachentöter

Das ist nicht normal, das ist Europapokal. Ron Ulrich machte sich im März 2008 auf nach Porto – und landete zunächst in Manolos Kneipe in Valencia. In Porto allerdings wurde alles getoppt, als Manuel Neuer den Drachen tötete und portugiesische Kellner wild durch die Luft sprangen.

Text:
Ron Ulrich
Bild:
Imago

Manolo hatte die Zeichen der Zeit erkannt und rollte noch ein paar Bierfässer heran. Der berühmte spanische Trommler stand an einem sonnigen Märzmorgen am 5. März 2008 in seiner Kneipe, umgeben von vierzig selig singenden Schalker Fans. Es war zwar gerade mal 10 Uhr, doch nicht nur so manches Fass, nein, auch der Rubel rollte beachtlich. Eigentlich hatte Manolo in seiner Wirtschaft unweit des Stadions von Valencia nur kurz einige Bestellungen durchgeben wollen, als plötzlich der königsblaue Mob um Einlass und flüssige Verpflegung gebeten hatte.

Da stand er nun mit seiner rundlichen Figur, dem großen Hut, zapfte und trommelte für uns, zapfte wieder und bewegte die Lippen zu den Gesängen der unverhofften Kundschaft. An sich schon eine kuriose Szenerie, doch ein Umstand verwirrte ihn dann doch etwas: Schalke spielte an jenem Tag gar nicht in Valencia, sondern im über 900 Kilometer entfernten Porto. Champions-League-Viertelfinale 2007/08, Rückspiel. Es blieb also die Frage: Was um alles in der Welt hatten wir in Valencia zu suchen?

Feueralarm? Nicht bei uns

Nun, zunächst einmal muss man wissen, dass es sich um einen Tag im Zeichen des Europapokals handelte. Oder besser: Um Eurooopaaaapookaal! Jene Veranstaltung, bei der so manche Fragen entweder nur schwer zu beantworten sind oder man die Antwort besser erst gar nicht wissen will. Ungefähr so wie beim Junggesellenabschied oder beim Karneval. Oder beides zusammen. Ja, der Typ zündet sich neben dem Flugzeug eine Zigarette an. Ja, mein Kumpel steht gerade auf der Kreuzung in Rom und regelt den Verkehr mit seiner Fahne. Nein, ich weiß nicht, wie wir in diesen Keller geraten sind. Nein, auf unserem Zimmer hat niemand den Feueralarm ausgelöst. What happens in Europe, stays in Europe.

Oder die dritte Variante: Es gibt Antworten, die noch mehr Fragen provozieren. Wir waren zu dieser Zeit Studenten, also chronisch knapp bei Kasse. Mein Kumpel entwarf deshalb einen besonderen Plan für die Tour. Wir würden mit dem Wagen seiner Eltern nach Weeze zum Flughafen fahren und dort den Wagen bei Bekannten seines Arbeitskollegen abstellen. So ganz kenne er die auch nicht, aber man könne ihnen ja als Dank etwas aus dem Schalker Fan-Shop mitbringen. Nachfrage: Sind die Schalke-Fans? Antwort: Keine Ahnung. Dann solle es mit dem Flieger zuerst nach Valencia, von da nach Porto gehen, weil das billiger wäre. Karten gebe es mit Sicherheit vor Ort und schlafen könne man in einem Acht-Mann-Zimmer eines Hostels. Vielleicht würden sich noch andere anschließen, die sich noch nicht sicher waren, ob sie auf dem Boden des Zimmers oder am Flughafen schlafen wollten.

Leere Blicke. »Hört sich ein bisschen abgedreht an, das alles, findest du nicht?« »Ach.«

Gretchenfrage: Hostel oder Flughafen?

Und natürlich ist das nicht normal, sondern Europapokal. Wohl niemand von uns würde bei privaten Ausflügen außerhalb des Fußballs in Kauf nehmen, sechs Stunden länger unterwegs zu sein, erst einmal in eine andere Stadt zu fliegen oder am Flughafen zu schlafen, um ein paar Euros zu sparen. Oder zu einer Veranstaltung im Ausland aufzubrechen, ohne zu wissen, ob er dafür eine Eintrittskarte bekommt.

Und ganz bestimmt niemand, wirklich niemand, der schon mal eine Übernachtung in einem 8-Mann-Zimmer in einem Hostel dieser Welt überlebt hat, würde vorschlagen, dass doch noch ein paar andere auf dem Boden schlafen können. Es sei denn, er vertreibt hauptberuflich Gasmasken.

 
 
 
 
 
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