20.02.2013

Mein Lieblingseuropapokalspiel: Galatasaray-HSV

Highway out of Hell

Wir präsentieren: Teil 27 aus der Rubrik »Mein Lieblings-...« In den kommenden Wochen lest ihr hier, wie 11FREUNDE-Redakteure ihr Lieblingseuropapokalspiel erlebt haben. Heute: Ein Spiel in der Hölle, ein Spieler im weißen Ferrari und ein Autor, der heute dafür mit Köfte belohnt wird.

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Imago

Paolo Guerrero spielt seit einigen Monaten bei Corinthians São Paulo und ist dort so etwas wie ein Volksheld. Neulich, im Finale der Klub-Weltmeisterschaft gegen den FC Chelsea, schoss er den 1:0-Siegtreffer. Danach jubelte ihm sogar Ronaldo zu. »Was für eine Freude! Ganz große Klasse, Guerrero!«, twitterte der ehemalige Superstürmer, und Guerreo blickte zufrieden auf seine Timeline.
 
Beim HSV gelang dem Peruaner in den Jahren zuvor herzlich wenig. 2006 kam er vom FC Bayern, er war 22 Jahre jung und seine Referenzen überschaubar. Weil er in 27 Spiele zehn Tore erzielt und dafür warme Worte der Bayern-Bosse geerntet hatte, wurde die Verpflichtung in Hamburg dennoch als großer Coup präsentiert.

Die wehleidige Diva

Sechs Jahre spielte der Peruaner in Hamburg, er machte 134 Ligaspiele und spielte 36 Mal international, in keiner einzigen Saison traf er zweistellig. Guerreros Spiel wirkte oft lethargisch, sein Art wehleidig und divenhaft. Er war ein bisschen Andi Möller, ein bisschen Cristiano Ronaldo. Mit dem Unterschied, dass er die Klasse dieser Spieler nicht mal ansatzweise erreichte.
 
Ein Spiel machte Guerrero allerdings über Nacht zum König von Europa: Das Uefa-Cup-Achtelfinalrückspiel am 19. März 2009 in Istanbul. Ich saß damals alleine vor dem Fernseher, und blickte auf eine brennende Kurve und all die rot-gelben Fahnen und Transparente im Ali-Sami-Yen-Stadions. Auf einem stand: »Kein Ausgang aus der Hölle!«  Vermutlich hatten die Galatasaray-Fans Recht, dachte ich, denn das Hinspiel in Hamburg war 1:1 ausgegangen. Und als Milan Baros in der 48. Minute zum 2:0 traf, ging ich auf den Balkon und sah den Männern vor dem Späti beim Trinken zu. Ich wäre gern hinunter gegangen.
 
Doch da drückte der ZDF-Kommentator plötzlich ein ein knappes, gepresstes »Ja!« durch die Boxen dieser alten Fernsehkiste. Ich rannte vor den Bildschirm und sah in der Wiederholung, wie Paolo Guerrero aus 19 Metern den Ball direkt in den Winkel schoss. Einfach so.

Ich setzte mich wieder vor dem Fernseher.

Was danach geschah, irritierte mich nachhaltig. Denn der HSV entfachte ein ungeahntes Offensivfeuerwerk, und wenige Minuten nach dem Anschlusstreffer legte Ivica Olic einen Ball mit der Brust auf Guerrero ab, der prompt an drei Gegenspielern vorbeidribbelte und den Ball unter die Latte zimmerte. Was war hier passiert? Wer waren diese Spieler? Ich lag auf Boden, japste, rollte mich von links nach rechts, stieß ein Glas mit Erdnüssen vom Tisch, schrie, vergaß das Atmen – was man so macht, wenn die eigene Mannschaft nach einer Armada von Fragezeichen solch epochale Aussagen setzt. Und das, wohlgemerkt, mitten im Fegefeuer.

 
 
 
 
 
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