Mein Lieblingsbundesligatrainer: Ernst Happel

Der Cowboy auf dem Laufsteg

In unserer neuen Ausgabe 11FREUNDE #138 feiern wir »50 Jahre Bundesliga«. Passend dazu eröffnen wir auch eine Runde unsere Rubrik »Mein Lieblings...«. Diesmal erinnern wir an die legendärsten Bundesliga-Trainer. Den Anfang macht ein Mann, der mehr qualmte als ein alter Diesel-Motor: Ernst Happel

Heft: #
138

Die Legende besagt, Ernst Happel habe kurz nach seiner Ankunft in Hamburg eine Buchhandlung aufgesucht und sei lange ziellos an den Regalen vorbeigeschlendert. Dann soll sich der Österreicher eine Verkäuferin gegriffen haben, auf ein Bord in der Abteilung mit der wissenschaftlichen Fachliteratur gedeutet und gesagt haben: »Gebens mir‘n halben Meter von die grünen und‘n halben von die roten Büchern. Ich muss meine Wohnung einrichten.«

In der Retrospektive gibt es kaum eine Anekdote des schweigsamen Wieners, deren Pointe dem Traditionalisten keine wohligen Schauer über den Rücken schickt. Felix Magath ist der einzige, der nicht dabei gewesen sein will, als Happel vor versammelter Mannschaft eine Bierdose auf die Torlatte stellte und sie in der Manier eines Revolverhelden mit einem gezielten Schuß von der Sechzehnmeterlinie herunterschoss. Dann befahl er den Stars der goldenen HSV-Ära: »Nachmachen!«

Der Anti-Klopp

Jede Zeit bringt ihre Charaktere hervor. Sich den Typus Ernst Happel im modernen Fußball vorzustellen,  wo Adrenalinmonster vom Schlage Jürgen Klopp und Bruno Labbadia auf den Trainerbänken herrschen, fällt schwer. Selbst ein nachdenklicher Vertreter der Zunft wie Christian Streich scheint in seiner Bedächtigkeit Lichtjahre vom Grantler entfernt. Wo heute alles nach Wellness duftet und Übungsleiter Baseballkappen tragen, damit darunter das Haarimplantat ansetzen und sprießen kann, würde Happels von Zigarettenqualm und düsteren Pokertischen zerklüftetes Antlitz wie das eines Kriegsheimkehrers wirken, der sich auf den Pret-A-Porter-Schauen verirrt hat. Irgendwo zwischen Hanns Martin Schleyer und Edward Munchs Gemälde »Der Schrei« erzählt dieses Gesicht mehr Geschichten über ein Leben als ein voller Aschenbecher über eine ausschweifende Partynacht. Als Happel einst gefragt wurde, ob er sich die bevorstehenden Hallenturniere freue, knöterte er barsch: »Na, da derfst ned rauchen, des halt i ned lang durch.«

Es ist klar, warum Happel nie viele Worte brauchte, um seine Teams zu Gewinnern zu machen. Männern wie Horst Hrubesch , Uli Stein und die anderen musste er nur mit seinen tief umränderten Augen anschauen, ihnen verschwörerisch »Jetzt bist Du dran, Cowboy!« zuraunzen – und sie wären lieber gestorben, als ihren Lehrmeister zu enttäuschen. All seine Innovationen – Forechecking, Raumdeckung, Pressing – hat er in den Einheiten nie wortreich erklärt, sondern nur auf eine Weise trainieren lassen, dass selbst ein Hallodri wie Jimmy Hartwig nicht umhin konnte, im Spiel wie ferngesteuert nach hinten einzufädeln, wenn Manfred Kaltz zum gefürchteten Flankenlauf anhob.

Ein Mann wie frühe Grundig-Fernseher

Die Empathie mit seinen Eleven beschränkte sich darauf, dass er sie vor dem Verlieren bewahrte. Nachdem Happel Horst Hrubesch am Kartentisch einmal um den kompletten Inhalt seines Portemonnaies erleichtert hatte, sprach der Alte zu seinem sonst keineswegs mit dem Klammerbeutel gepuderten Kapitän: »Cowboy, vergiss es, wir müssen damit aufhören, sonst gehören mir hinterher dein Haus und Hof und Kinder und Frau dazu.«

Ein Mann wie frühe Grundig-Fernseher. Von zeitloser Qualität zwar, aber am Ende zu wertstabil und unverwüstlich für ein schnelllebiges Geschäft, in dem sich heutige Lizenzspieler tummlen? Doch am Ende ist völlig egal, ob Happel im modernen Fußball noch vermittelbar wäre. Genauso könnte man Fragen, ob Horst Schimanski nicht wie ein Zirkusclown durch die modernen Gefühligkeits-»Tatorte« taumelt, wo längst nicht mehr der Mord, sondern die Depression der Tochter der Affäre des Mörders zur zentralen Problemstellung geworden ist. In Zeiten, in denen »högschte Dischziplin«, »das Spiel gegen den Ball«, »wir müssen nur auf uns schauen« und »Potenziale abrufen« zu geflügelten Schlüsselworten des so simplen Spiels geworden sind, ist es fast besser, sich nur  von Zeit zu Zeit mit einem guten Gefühl an einen Mann wie Ernst Happel zu erinnern. Und damit an eine Zeit, wo sich alle Theorie noch in einen simplen Satz pressen ließ: »I brauch kane Spüler de wos an Beistrich in da Unterhosn ham.«


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