Mein Lieblings-Sammelbildchen #3

Turbo

Passend zur Veröffentlichung des 11FREUNDE-Panini-Albums erinnern sich Redakteure an ihren schönsten Fußball-Sticker-Moment. Alex Raack denkt an den unverschämt schnellen Stefan Reuter, einen legendären Diebstahl und einen bescheuerten Spitznamen.

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Ich weiß schon gar nicht mehr, wie der Gegner damals hieß. Teutonia Uelzen vielleicht oder Eintracht Lüneburg. Mit solchen Größen durften sich der ruhmreiche SV Garßen, Vorzeigeverein in einem Dorf bei Celle, in der A-Jugend-Bezirksliga an jedem Wochenende messen. Ich war damals noch jung und schön und schnell. Vielleicht auch nur jung und schnell. Als gelernter Libero mal Manndecker, Vorstopper oder im defensiven Mittelfeld. Ein Allrounder würde man heute sagen.

In der irgendeiner Halbzeitpause irgendeiner Partie gegen irgendeine Mannschaft aus Uelzen oder Lüneburg wurden mir meine Qualitäten zum Verhängnis. Wir lagen zurück, wir hatten mies gespielt – bis auf einen. Meinte jedenfalls unser Trainer. Mit bebendem Schnauzbart setzte er zu seiner Motivationsrede an, packte mich unvermittelt an der Schulter und donnerte mit fester Stimme: »Nehmt euch mal ein Beispiel an Turbo!«

»Du wirst Turbo genannt?«

Turbo? So hatte mich noch keiner genannt. Neben mir saß mein bester Kumpel Arne, ich wusste ganz genau, was in seinem Kopf vor sich ging: »Turbo? Turbo!? Das werde ich dir für den Rest deines Lebens aufs Brot schmieren!« Was er bis heute tut. Keine bierselige Runde, in der nicht die »Turbo«-Posse aufgewärmt wird, kein SMS-Verkehr, in dem nicht irgenwann »Machs gut, Turbo!« auftaucht.

Heute bin ich älter und langsamer. Als ich neulich einem 11FREUNDE-Kollegen, mit dem ich regelmäßig auf dem Bolzplatz stehe, von meinem Spitznamen erzählte, schoss ihm fast das alkoholfreie Weißbier beim Mittagessen aus der Nase. »Du? Turbo!?« Sein hämisches Lachen schmerzte wie Liebeskummer in meiner Seele. Der Schweinehund. Angeblich soll er ja mal zwei Wochen lang vom großen Thorsten Legat trainiert worden sein, aber das muss inzwischen auch 1000 Jahre her sein.

Turbo also. Dabei gehört dieser Beiname zu meiner fußballerischen Sozialisation wie die zweiteilige Chronik der WM 1974 oder die Aufzeichnung des 1990er-Halbfinals gegen England.

Als die WM in Italien beging, war ich sechseinhalb Jahre alt. Matthäus´ Solo gegen Jugowslawien, Klinsmanns heldenhafter Auftritt gegen Holland, die Rotze in Völlers Lockenpracht, Illgners Paraden gegen England, Brehmes Elfmeter im Finale – das war mir damals alles ehrlich gesagt gar nicht so bewusst. Passend dazu dachte ich jahrelang, dass ich das Endspiel mit meiner Familie in einer Pizzeria einer italienischen Küstenstadt gesehen hätte, voller dunkelhaariger Einheimischer, die andauernd bewundernd »Kliiiiiinnsmaaaaaaannnn!« oder »Maaathaaauuuus!« durch den Raum brüllten. Bis ich erfuhr, dass wir in jenem Sommer Urlaub auf Menorca gemacht hatten und die dunkelhaarigen Einheimischen vermutlich Spanier oder betrunkene Deutsche waren.

>>>> »Wir kleben Dir eine!« – Hier gibt es weitere Infos zum 11FREUNDE-Panini-Album!

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