Mein Lieblings-Sammelbildchen #2

Fuck the system!


Passend zur Veröffentlichung unseres Panini-Albums erzählen 11FREUNDE-Redakteure von ihren schönsten Erlebnissen mit Fußball-Sammelbildchen. Heute erinnert sich Benjamin Kuhlhoff, wie er für ein paar Sticker die Gesundheit seines gesamten Heimatdorfes riskierte.

imago

Die Freuden der Dorfjugend in den späten achtziger Jahren beschränkten sich im Grunde auf drei Dinge: stundenlang über Autos reden, stundenlang Fußball spielen und stundenlang Bier trinken. Da ich im Sommer 1988 aber erst sechs Jahre alt war, und damit noch deutlich zu jung für zumindest zwei dieser drei Aktivitäten, erweiterte ich meinen Lebensinhalt um einen weiteren Sinn: stundenlang Fußball gucken. Und da man als Kind aus dem südlichen Osnabrücker Landkreis ohnehin nicht allzu viele Tellerränder kannte, über die man hätte schauen können, verfiel ich schnell einem Irrglauben: Ich hielt die Erste Herren meines Heimatvereins SC Glandorf für die mindestens beste Mannschaft der Welt! Ich vergötterte sie, was sicher auch daran lag, dass mein Vater in der Blüte seiner fußballerischen Leistungsfähigkeit stand und die Abwehrreihen der Kreisliga Süd reihenweise an den Rand des Nervenzusammenbruchs führte. Und dann war da noch Dieter, der sogroßewiebreite Mittelfeldmotor. Oder Hellu, die Katze zwischen den Pfosten. Und Louie, der Libero mit dem Patent auf Außenristpässe ins Nirwana. Sonntag für Sonntag saß ich am Dorfsportplatz und träumte davon, eines Tages mal in die Fußstapfen dieser Weltfußballer treten zu können.

Schwalben vor der Kassenauslage

Das schien jedoch erst einmal meilenweit entfernt, denn im Sommer 1988 wartete ja auch noch die Europameisterschaft im eigenen Land. Trotz meines Alters wusste ich bereits, dass so ein Turnier einer guten Vorbereitung bedurfte. Also warf mich im Supermarkt bei jeder sich bietenden Gelegenheit theatralisch vor die Kassenauslage, um meiner Mutter zu signalisieren, wie dringend ich Panini-Sticker-Nachschub brauchte. Meine Erfolgsquote war durchaus beachtlich und so füllte sich mein Album schneller als gedacht. Umso mehr freute ich mich über die geniale Marketing-Idee der Firma Coca-Cola, die dem regulären Panini-Album noch ein Extraposter beilegte, auf dessen Rückseite Nationaltrainer Franz Beckenbauer flehte »Sei mein Co-Trainer bei der EM«. Und da man dem Kaiser auch seinerzeit keinen Wunsch ausschlagen konnte, beschloss ich parallel auch die sogenannten Mini-Paninis für dieses Poster zu sammeln. Allerdings befanden sich diese Mini-Sticker lediglich auf den Hälsen von Ein-Liter-Glasflaschen des Herstellers. Das Problem verschärfte sich dadurch, dass Softdrinks in unserem Haushalt zu dieser Zeit in etwa so verpönt waren wie Vegetarier oder die Zeugen Jehovas. Ich musste andere Wege finden, um Franz Beckenbauer als Co-Trainer zur Seite zu stehen. Ladendiebstahl war keine echte Option. Was sollte ich also tun?

Blutwerte aus der Hölle

Eines Sonntags fiel es mir dann wie Schuppen von den Augen. Ich lümmelte nach Spielschluss am Tresen der legendären Vereinsgaststätte »14« herum und beobachtete, wie meine Helden aus der Ersten Herren ihren Erfolg bejubelten, als der Wirt plötzlich eine Ein-Liter-Cola-Flasche auf den Tisch stellte. Darauf: ein Mini-Panini-Sticker. Ich riss ihn ab, blickte in die auffordernden Augen von Olaf Thon und war infiziert. Von da an sah ich es als meine persönliche Pflicht, den Absatz von Softdrinks an Sonntagnachmittagen im Großraum Glandorf auf Rekordhöhen zu treiben. Nach den Spielen rannte ich wie besessen durch die Gaststätte, fragte Tisch für Tisch, ob Interesse an Cola, Fanta, Sprite oder Mezzo-Mix bestünde und setzte das Gesicht eines Musterschülers auf. Und während das halbe Dorf klein beigab und sich so die Blutwerte versaute, kassierte ich nach jeder leeren Flasche neue Sticker beim Wirt ein. Es funktionierte prächtig.

Und so konnte ich jeden Sonntagabend mit glühenden Augen mein Poster auffüllen. Hansi Dorfners Igelfrisur, Thomas Bertholds wissendes Grinsen, der strenge Blick von Matthias Herget, Franco Fodas Föhnwelle – sie alle strahlten mit einem gewissen Stolz von meiner Wand herab. Auch ich klopfte mir auf die Schulter. Ich hatte es geschafft, das perfide Sammelsystem eines Süßwarenriesen ohne finanzielle und gesundheitliche Schäden zu überlisten. Ich war ein kleines Sammelgenie!

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