29.10.2013

Mein Lieblings-Sammelbildchen #1

Ein verschlafener Hush-Puppie

Endlich da: Das 11FREUNDE-Panini-Album für Liebhaber, Nerds und Fußball-Verrückte! In unserer Online-Serie erinnern sich 11FREUNDE-Mitarbeiter an ihr Lieblings-Sammelbildchen – und die Geschichte dahinter. Den Anfang macht Tim Jürgens, für den ein Katalane namens Olmo Rodriguez in den späten Siebzigern zu Gott wurde.

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imago

Der feuchte Traum der 11FREUNDE-Redakteure ist in Erfüllung gegangen: Ein eigenes Panini-Album für den schönsten Bildchen aus vielen Jahrzehnten Fußball! Unseren Dauerkarten-Inhabern lag das Album in der aktuellen Ausgabe von 11FREUNDE bei, alle anderen können das Album sowie Bildertütchen im gut sortierten Einzelhandel erwerben. Infos zum Album, Anekdoten über die Bilder und alles, was ihr sonst noch wissen müsst, findet ihr unter diesem LINK!

Auf www.11freunde.de erzählen, passend zur Veröffentlichung unseres Panini-Albums, 11FREUNDE-Redakteure von ihren schönsten Erlebnissen mit Fußball-Sammelbildchen. Den Anfang macht Tim Jürgens.

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Ein Plätzchen war noch frei. Wir mussten von der Strandpromenade nur kurz über den heißen Sand des »Playa Levante« hüpfen, um unsere Badetücher auszurollen. Weit entfernt schossen brustbehaarte Latin Lovers auf Wasserskiern durch die Bucht. Zwei brünette Schönheiten in Bikini verteilten Flugblätter des Nachtklubs »Papa Whiskey«, wo es für 500 Peseten unbegrenzt Getränke und Hamburger gab. Eine spanische Mutti mit sechs Kindern – allesamt übergewichtig – kaufte beim fliegenden Händler (»Fanta, Cola, Bier«) eisgekühlte Flaschen Fanta-Naranja. Sechs Wochen schulfrei. Das bedeutete im Sommer 1978 sechs Wochen lang eine Hälfte des Tages mit meinen Eltern und den aufsässigen Brüdern in einem engen Apartment eines Wolkenkratzers namens »Loixana« – und die andere am dicht besiedelsten Ort Europas – dem Stadtstrand vom Benidorm.


Auch wenn ich erst acht Jahre alt war, kam ich mir vor wie Roger Moore in »Der Spion, der mich liebte«. Denn an der Promenade kreuzten Playboys in weißen Porsche-Cabrios und die Damen am Strand hatten allesamt nur beinahe einen feinen Hauch von Nichts an. Deutschland war als Weltmeister zur WM nach Argentinien gefahren. Und ich war mit meinem Panini-Sammelalbum schon bevor es in die Ferien ging fertig. Zumindest fast. Die Tüten enthielten für zehn Pfennig jeweils drei Bilder. Ein mühsame Aufgabe. Doch mit der kollektiven Sammelleidenschaft der Nachbarskinder war es gelungen, das Album bis auf ein einziges Bild zu vervollständigen.

Ich bot astronomische 50 Pfennig für das Bild!

Seit Tagen blätterte ich nun in diesem Mosaik herum. Das Turnier im fernen Argentinien lief bereits. Nach einem öden 0:0 im Auftaktmatch gegen Polen hatte die Elf von Helmut Schön das stolze Mexiko mit 6:0 deklassiert. Keine Frage – mein Album würde im Wert steigen, denn wer sollte dieser DFB-Elite gefährlich werden? Jetzt fehlte nur noch: Olmo. Die Jungs daheim hatten ihn bereits: Jürgen, Dietmar, Achim, Edgar. Sogar Dieter Biermann hatte ihn vor meinen Augen aus einem Tütchen geholt, überrascht festgestellt, dass es der von mir begehrte Katalane mit dem Knautschgesicht war, und ihn trotz meines Bettelns – ich bot astronomische 50 Pfennig für das fehlende Bild – breit grinsend in sein Album geklebt. 
Mein Panini-Heft verlor wegen des hektischen Blätterns schon allmählich die Fassung, die Heftbindung gab nach und nach die Seiten frei. Die Leerstelle aber füllte sich deswegen nicht. Dicht an dicht die Gesichter der mühsam zusammengekauften und getauschten WM-Akteure. Die Teams des Iran, Österreich, Italien, Tunesien… und dann der furchtbare Moment beim Umblättern auf die Seite mit der spanischen Mannschaft. Obere Reihe, zweiter von rechts, direkt neben Dani und Keeper Miguel Angel. Das Loch in der Ahnengalerie. Das Symbol meines Versagen. Der Name »Olmo« und darüber das blanke Feld des Scheiterns. 
In der Kellerbar des Wolkenkratzers war ich am Vorabend Zeuge geworden, wie Spanien im letzten Gruppenspiel gegen Schweden mit 1:0 gewonnen hatte. Antonio Olmo Rodriguez hatte mit einigen lebensbedrohlichen Grätschen den Angriff der Schweden neutralisiert – um nicht zu sagen: verjagt. Von Tiki-Taka war noch nichts zu erkennen bei den Spielern des FC Barcelona, die das Zentrum der spanischen Abwehr bildeten. Trotz des Sieges aber war die rote Furie als Gruppendritter ausgeschieden. Olmo befand sich also auf dem Weg zurück in die Heimat– und ich lag nur ein paar Kilometer südlich am Strand – und suchte ihn noch immer.

Von meinen Brüdern war nicht viel zu erwarten. Der eine sammelte gar keine Fußball-Bilder, er malte lieber die umstehenden Palmen ab. Der andere hatte einen fetten Stapel mit Panini-Dubletten dabei, die er tagein tagaus wie Mau-Mau-Karten mischte und dabei provozierend in einer Tour »Olmoolmoolmoolmoolmo« sprach. Das Bild des Katalanen hatte er so noch nicht hervorgezaubert, dafür aber einige Kopfnüsse von mir gefangen.

 
 
 
 
 
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