Mein Highlight 2011: Matthias Hilbrands Handygrätsche

Ein Zeichen aus dem Off

Das Jahr 2011 hatte viele große Fußballmomente, die in hellem Licht erstrahlten. Unser Autor Benjamin Kuhlhoff hingegen freute sich ganz besonders über eine Grätsche, die ihn daran erinnerte, wo der Fußball wirklich zu Hause ist. Mein Highlight 2011: Matthias Hilbrands Handygrätsche

Vorweg ein Geheimnis, das im Grunde keines ist: Der Fußball ist ein verdammt aufgeregtes Geschäft. Heute noch als Star gefeiert, kann man morgen schon der Depp vom Dienst sein, umjubelte Torjäger landen in einer Endlostorflaute und der frische Motivationstrainer wird zum Rohrkrepierer. Das passiert mitunter innerhalb von wenigen Wochen. Es geht alles schnell, machmal gar in Warpgeschwindigkeit. Und um all das Aufsehen, das der Fußball hierzulande so entfacht, vergisst man oft, warum man diesen Sport so sehr liebt.

Es sind nicht die Frisuren von Mario Gomez und auch keine verbalen Kabeleien, es ist nicht die 1.390 Trainerentlassung und schon gar nicht die 3.904 Trainerdiskussion. Und nein, es sind auch nicht die paar hundert Profikicker, die Woche für Woche in High Defintion wie Popstars inszeniert werden. Der Grund ist wesentlich simpler: Fußball ist ein einfaches Spiel für jeden. Ein Spiel, das auch ohne diese künstliche Blase überleben würde. Und genau so ist er am wundervollsten.

Denn Woche für Woche suhlen sich da draußen in Pewsum, in Selm, in Udenheim, in Zapfendorf und sonst wo in der Republik 22 ganz normale Jungs (und ja, auch Mädchen) mit Plautze und Gelfrisur auf ihrem schrottigen Dorfplatz und jagen einem Ball hinterher. Nicht, weil Werbeverträge, Modelfreundinnen und jede Menge Schulterklopfer warten. Nein, sie spielen bei Wind und Wetter, weil sie das Spiel lieben. Sie brauchen keine Spidercam und keine 50.000 Zuschauer als Ansporn, ihnen reicht eine Bratwurstbude, kühles Bier und eine lauwarme Dusche nach Spielschluss. Fußball kann so einfach sein, er wird nur oft sehr kompliziert gemacht. Mitten im Saisonendspurt 2010/2011, einer Phase in der scheinbar jeden Tag ein überlebenswichtiges Fußballgroßereignis über die Mattscheibe flimmerte, holte uns in diesem Jahr ein Mann zurück auf den Boden der Tatsachen. Sein Name: Matthias Hilbrands. Sein Verdienst: Er sendete uns ein deutliches Zeichen aus dem Off.

Der Moment, der den Fußball wieder ehrlich macht

Sonntag, 3. April 2011, 15:21 Uhr, Jemgum: Im Spitzenspiel der Kreisliga Leer empfängt der SV Ems Jemgum die Gäste von VfL Fortuna Veenhusen auf dem heimischen Sportglände unweit der Nordsee. Der Wind pfeift über den holprigen Rasen, beide Mannschaften ackern wie verrückt, sogar eine Handvoll Zuschauer ist gekommen – trotz oder gerade wegen dieses Spiels. Mitte der ersten Hälfte gibt Schiedsrichter Jan Mansholt einen Freistoß unweit des Veenhusener Strafraumes. Gerade als Jemgum-Libero Matthias Hilbrands sein beachtliches Gardemaß in Richtung des gegnerischen Sechzehnmeterraumes schleppen will, ruft ihn Auswechselspieler Uwe Kruse an den Seitenrand. In der Hand trägt er Hillbrands Mobiltelefon. Am anderen Ende der Leitung ist dessen Arbeitgeber, das Klinikum Leer, in dem Hilbrands als Hausmeister arbeitet.

Und plötzlich, mitten in diesem Spitzenspiel der Kreisliga Leer, ist Hilbrands nicht mehr als Fußballer gefragt, sondern als stinknormaler Angestellter in Bereitschaft. Es ist der Moment, der für den Amateurfußball steht wie kaum ein zweiter. Fußball ist hier unten noch Hobby und keine aufgedunsene Glitzerblase, zu der sie ein paar Stufen höher längst verkommen ist. Hilbrands klärt ein paar Details mit seinem Gegenüber: »...ja, das machen wir morgen früh«, hört man ihn sagen. Und als der gegnerische Torwart den abgefangenen Ball nahezu zeitgleich in Richtung Mittellinie schickt – und seinen Mitspieler gleich hinterher – spricht Hilbrands noch ein hastiger »Okay, tschüss«, in seinen Hörer.

Es folgt der erfrischendste Fußballmoment des Jahres: Noch mit seinem Handy in der Hand ruppt Hillbrands seinen Gegner mit einer stumpfen Grätsche um. Ein Foul, das in der Bundesliga schlagartig zu Rudelbildungen, Hahnenkampfgesten, Platzverweisen und anschließenden Moral-Diskussion geführt hätte.

»Hilli, lass so´n Scheiß!«

Hier, in der Kreisliga Leer, werden solche Sachen anders geregelt: »Hilli, lass so'n Scheiß. Geh raus und telefonier, dann ist das in Ordnung. Ich meld dich doch extra ab«, raunzt Spielertrainer Rainer Stützer seinen Telefongrätscher an. »Ich bin doch noch auf'm Platz«, kontert der beinharte Hausmeister trocken und sieht Gelb. Dann herrscht Stille.

Eine Stille, die nicht beängstigend ist, sondern normal. Man mag es der norddeutschen Gelassenheit zuschreiben, vielleicht sogar einem gewissen Stumpfsinn, der in den unteren Ligen mitunter herrschen kann. Man kann aber auch sagen: Danke, Matthias Hilbrands! Danke, dass Du uns daran erinnert hast, dass es einen Fußball abseits von Klinsi-Brennpunkten, Nationalmannschaftshype und Kloppo-Euphorie gibt. Dass der Fußball auch ohne Glanz scheinen kann. Dass Gras fressen nicht immer schlecht sein muss.

Nach der Jahrhundertgrätsche: »Sag mal, was bist du denn für einer?«

Als Hillbrands sich nach seiner Jahrhundertgrätsche schweren Schrittes auf seinen Liberoposten zurück schleppt, hat ihm auch sein Grätschopfer noch etwas zu sagen: »Sag mal, was bist du denn für einer«, keucht er in herrlich-norddeutschen Idiom. Wir kennen die Antwort: Hilbrands ist einer von unten. Ein warnender Finger, den Fußball nicht größer zu machen, als er ist. Danke für diese Botschaft aus dem Off.

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