Mein Highlight 2011: Hansas Aufstieg
26.12.2011

Mein Highlight 2011: Hansas Aufstieg

Aufstieg mit Schönheitsfehler

Wo möchte man als Fan den Aufstieg seines Verein am liebsten erleben? Bei einem Auswärtsspiel am anderen Ende der Republik oder im heimischen Stadion? Egal, Hauptsache man ist dabei. Doch genau das hat Hansa Rostock seinen Fans nicht ermöglicht.

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Was tut man nicht alles, um als Fan beim Aufstieg seines Vereins dabei zu sein. Nicht, dass ich meine eigene Hochzeit verschoben oder das Begräbnis meiner Oma geschwänzt hätte, aber eine Auswärtsfahrt über 730 Kilometer ist auch nicht zu verachten. Und so fühlte ich mich ein bisschen heroisch, als ich 20 Stunden nach meiner Abfahrt in Berlin das Saarbrücker Ludwigsparkstadion erreichte. Zwei Stunden vor Spielbeginn betrat ich den Gästeblock und ließ mich verzaubern von diesem in Würde gealterten Stadion, in dem die Grashalme auf den Tribünen sprossen und ringsherum nichts als Bäume zu sehen waren. Die April-Sonne lachte erwartungsoll und ich war mir sicher: Heute ist ein guter Tag, um aufzusteigen!

Die erste Aufstiegschance nutzen

Fünf Spieltage vor dem Ende der Saison sollte Hansa Rostock also hier, am anderen Ende der Republik, die erste Möglichkeit zur Rückkehr in die zweite Liga erhalten. Überragend hatte der Verein das erste Drittliga-Jahr der Vereinsgeschichte gemeistert. Ein neuer Vorstand hatte Ruhe in den Verein gebracht, die Mannschaft begeisterte mit Offensivfußball, holte so viele Siege wie nie zuvor, und die Fans strömten in Massen zu Spielen gegen Werder Bremen II oder den VfR Aalen. Auch an diesem Tag fanden sich im äußersten Südwesten 2.000 Hanseaten ein, in der Überzeugung, dass die Mannschaft die erste Aufstiegschance nutzen würde.

Als der Schiedsrichter die Partie abpfiff, stand es 3:0. Für Saarbrücken. Die Hansa-Fans reagierten gelassen. Bevor sich der blau-weiß-rote Tross zerstreute, bekam die Mannschaft ihren Abschiedsapplaus. Alle wussten: Es blieben fünf weitere Spiele, um die fehlenden zwei Punkte einzufahren oder auf einen Ausrutscher der Verfolger zu warten. Ich wusste: Auch bei der nächsten Aufstiegsmöglichkeit vier Tage später im heimischen Ostseestadion würde ich dabei sein. Und ist es nicht sowieso viel schöner, in einem Heimspiel den Aufstieg perfekt zu machen? Vor der Fahrt nach Saarbrücken hätte ich die Frage mit Nein beantwortet, doch beim Gang aus dem Stadion, war ich genau davon überzeugt.

Kaffeefahrt ins Glück

Was ich noch nicht wusste, ist, dass weder das eine noch das andere Realität werden würde. Völlig überraschend verlor Hansa auch sein Mittwochs-Heimspiel gegen Sandhausen. Ein Unentschieden hätte für den Aufstieg genügt. Die Party wurde abgesagt. Diesmal wusste ich: Beim nächsten Spiel werde ich nicht dabei sein. Ich war enttäuscht. Wenigstens war es keine verzweifelte Enttäuschung, wie ich sie die Jahre zuvor schon so oft erleben musste. Mir war der Aufstieg an diesem Abend genommen worden, doch der Mannschaft war er kaum mehr zu nehmen.

Am darauf folgenden Samstag befand sich die Mannschaft auf der Autobahn Richtung München, wo sie Tags darauf gegen die Amateure des FC Bayern antreten sollte. Währenddessen verfolgte ich eher unaufmerksam die Partie des Aufstiegskonkurrenten Wehen Wiesbaden. Plötzlich war das Spiel zu Ende, Wehen hatte verloren, Hansa war durch. Als die Nachricht zur Mannschaft durchdrang, machte sie gerade eine Kaffeepause an einer Autobahn-Rastätte. Trainer Peter Vollmann beschrieb später die Situation: »Wir haben uns auf einem Parkplatz in den Armen gelegen. Die Menschen um uns herum wussten gar nicht, was da los war. Das war schon kurios.«

Die Mannschaft freute sich, ich freute mich. Aber es fehlte etwas. Hansa war aufgestiegen ohne das Stadionerlebnis, ohne sich in den Armen liegenden Fans und halbnackten und tanzenden Spielern. Einfach so. Ich schickte eine SMS: »Der FCH ist wieder da«. Das drückt in etwa aus, was ich fühlte. Ich war glücklich, stolz auf meinen Verein, aber es fehlte die Ausgelassenheit, die Ekstase eines Stadionerlebnisses.

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