Mehr als Hurrafußball

Neue deutsche Sachlichkeit

Die Mannschaft von Joachim Löw sucht nach der Balance aus Verwegenheit und Vernunft. Nach den Siegen gegen Portugal und Holland ist sie auf dem Weg dorthin einen wichtigen Schritt voran gekommen.

Joachim Löw schlich sich von hinten an. Unschuldig auf einem Kaugummi kauend, seinen Blick ins Irgendwo gerichtet, schritt der Bundestrainer im kessellauten Stadion von Charkiw auf dem Balljungen zu, der ihm den Rücken zugekehrt hatte. Plötzlich stieß Löw sein Linke vor und stupste dem jungen Ukrainer den unterm Arm eingeklemmten Ball nach vorn weg. Der Junge war sichtlich entrüstet, bis er verschreckt zur Seite sah und dort den deutschen Trainer erblickte. Löw lächelte ihn an und legte ihm seine Linke auf die Schulter. Der Balljunge lächelte, Löw fing den Ball ein, kickte ihn mit der Hacke zum Balljungen zurück, und richtete seine Augen wieder aufs Wesentliche.

Die Szene spiegelte eine Leichtigkeit, die seine Mannschaft noch immer nicht zum Vortrag gebracht hat bei dieser EM. Und das sogar durchaus gewollt. Natürlich wolle man gern nach vorne spielen und Tore schießen, wie es Lukas Podolski nach seinem 99. Länderspiel sagte. »Aber unser Fokus liegt auf der Defensivarbeit. Das will der Bundestrainer so, das ist die Vorgehensweise.«

Ein schönes, ein leichtes Tor

Nur für einen Moment schien es, als habe die Mannschaft sich über diese Vorgehensweise hinweggesetzt. Es war der Moment, der zur deutschen Führung führte. Es war das Tor zum 1:0 von Mario Gomez, eines, wie es schöner, wie es leichter nicht sein kann. Dieses Tor, das die Fußballästheten aus Holland in ihrem Innersten traf, versetzte die deutsche Elf in die Lage, sämtliche Hemmungen abstreifen zu können, mit der sie sich noch im EM-Auftaktmatch gegen Portugal zu einem 1:0-Sieg gewerkelt hatte. Aber auch nur eigentlich. Denn darum geht es gar nicht mehr.

Nein, es ist lange nicht das Aufgedrehte, das Mitreißende, was noch das Spiel der Deutschen durch die WM 2010 in Südafrika bis ins Halbfinale ausgezeichnet hatte. Gegen die Holländer lugten lediglich Versatzstücke jenes Spielstils hervor, mit dem die Deutschen vor zwei Jahren überrascht und den sie in den Monaten danach verinnerlicht und kultiviert haben. Diese Art Hurrafußball, mit dem Außenseiter auffallen, mit dem die Deutschen ohne ihren alten Anführer Ballack erst England (4:1) und anschließend Argentinien (4:0) wegfegten: das vertikale Passspiel, die kurzen Ballkontaktzeiten und die hohe Ballzirkulation. Dieser Stil wird inzwischen überlagert von einem anderen – von der neuen deutschen Sachlichkeit.

Kein Rückfall, sondern Fortschritt

Mats Hummels, der neue deutsche Star der Innenverteidigung, sprach hinterher davon, dass man nicht das große Risiko eingehe, wie er es aus Dortmund kenne. »Wir spielen mit etwas weniger Leuten in der Offensive und sind noch etwas mehr auf Absicherung bedacht.« Nein, das deutsche Spiel ist nicht aufregender, nicht verwegener geworden. Aber es ist stabil erfolgreich. Der WM-Dritte von Südafrika steht nach zwei Spielen mit zwei schnörkellosen Siegen da. Vizeweltmeister Holland dagegen hat nach zwei Spielen null Punkte und muss ernsthaft fürchten, nicht versetzt zu werden.

Die neue deutsche Sachlichkeit, mit der Portugal und Holland bespielt und besiegt wurden, die alles andere als Laufkundschaft in Sachen Fußball darstellen, ist keinesfalls ein Rückfall in alte Zeiten, in denen der Deutsche breiig und vornehmlich quer in die Breite rumpelte. Dieser Stil fußt, so widersprüchlich es sich auch anhören mag, auf dem spielerischen Potenzial der Mannschaft. »Beim Turnier wird jene Mannschaft weit kommen, die defensiv gut ist«, sagte Bastian Schweinsteiger.

Sackgasse in Südafrika

In der Offensive habe man genügend Qualität, also Spieler, die etwas anzustellen wüssten. Daher müsse man schon in Ballbesitz auf Sendung haben, was passieren könnte, wenn der Gegner den Ball bekommt. Als Vorbild gilt den Deutschen auch hier das von Spielern des FC Barcelona durchsetzte Spanien. Ihr sehenswerter wie erfolgreicher Fußball ist mittlerweile entschlüsselt. Er ist weit mehr als offensives Spektakel der Marke Erlebnisfußball. »Ich hoffe, dass wir unseren Stil noch besser durchbringen«, sagte Schweinsteiger. Mit anderen Worten: Deutschland arbeitet mehr gegen den Ball, als dass es mit ihm tanzt. Genau darin liegt die Fortentwicklung.

So schön und mitreißend die Siege vor zwei Jahren am Kap auch waren, sie führten am Ende in eine Sackgasse. Den Spaniern war man erneut nicht gewachsen. Auch wenn es enger war als im EM-Finale weitere zwei Jahre zuvor in Wien. Löw bastelt versessen. Der 52-Jährige will, dass sich seine Mannschaft weiter vervollkommnet, dass ihr Spiel jene Tiefe und Schwere bekommt, die Spanien kaum bezwingbar macht. Auf diesem Niveau aber geht es nur langsam. Er will sich und seine Mannschaft nicht noch einmal vorführen lassen. Es geht ihm darum, die Balance aus Verwegenheit und Vernunft zu finden.

Auch der Bondscoach lobt und schwärmt

»Jetzt war es wichtiger, einen Akzent zu setzen im zweiten Spiel«, sagte Löw bescheiden. Sein Kollege aus Holland, Bert van Marwijk, ging da einen deutlichen Schritt weiter. Es sei nie schön, das zuzugeben: »Aber Deutschland hat wirklich eine sehr gute Mannschaft. Es ist lange her, dass Deutschland so viele gute Spieler hatte – mit allem, was dazugehört: Kraft, Kreativität, Torgefahr. Ich glaube, dass sie eine große Chance haben.« Löw will, dass das Spiel mehr Tiefe und Schwere bekommt.

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