Martin Jol sucht das Weite

Ohne Mumm am Markt

Trainer Martin Jol verlässt den HSV, weil er mehr Mut bei Transfers vermisst. Nun müssen die Norddeutschen nach nur einem Jahr schon wieder auf Trainersuche gehen. Slomka, Labbadia, Bilic oder Laudrup sollen Kandidaten sein. Martin Jol sucht das WeiteImago Dem Fußballlehrer Lucien Favre muss der Standort Hamburg wie das Paradies erscheinen. Favres Klub Hertha BSC hat im Sommer einen Transferüberschuss von fünf Millionen Euro zu erzielen, und wenn es nach dem Willen der Berliner Fans geht, soll die neue Mannschaft so viel Erfolg haben wie in der vergangenen Saison, mindestens. Beim Hamburger SV stehen 16 Millionen Euro zum Einkaufen zur Verfügung, das Stadion ist fast immer ausverkauft und im internationalen Wettbewerb spielen die Hamburger auch noch.

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Martin Jol aber empfindet Hamburg als ebenso wenig paradiesisch wie Adam den Garten Eden. Am Dienstag hat der Holländer den Klub verlassen, laut Selbstauskunft geht er »als Freund«, vor allem aber hoch zufrieden. Ajax Amsterdam bietet ihm künftig, was der HSV nicht bieten wollte: alleinige Kompetenz im sportlichen Bereich. Jol wird in Amsterdam sein, was Felix Magath in Wolfsburg war und dessen Nachfolger Armin Veh sein wird. Trainer und Manager in einer Person, ganz so, wie es in englischen Klubs schon immer gehandhabt wird. Der HSV hingegen muss nach nur einem Jahr schon wieder auf Trainersuche gehen. »Es muss schnell gehen«, sagte Aufsichtsratschef Horst Becker, »der neue Trainer muss schließlich seine Vorstellungen einbringen.« Mirko Slomka, Bruno Labbadia, Slaven Bilic oder Michael Laudrup sollen Kandidaten sein.

Beim HSV hatte Jol gleich zwei vereinsinterne Gegenspieler. Für die Akquise neuen Personals ist Sportdirektor Dietmar Beiersdorfer zuständig, aber auch der Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann spielt gern mit beim großen Spiel, das der Trainer lieber allein gestalten wollte. Dass er das Experiment in Hamburg trotz sportlicher Erfolge nach einem Jahr beendet, liegt vor allem aber an der Transferpolitik des Klubs.

Jol vermisste Aggressivität und Mut. Im Januar, als nach dem 20 Millionen Euro schweren Transfer von Nigel de Jong zu Manchester City plötzlich viel Geld da war, scheuten die Hamburger das Risiko einer prompten Reinvestition – mit dem damals durchaus nachvollziehbaren Argument, dass der Markt mitten in der Saison nichts Gescheites hergebe. Warum der Hamburger SV dann aber seinen Kader mit einem Ersatztorwart aus Marokko, einem verteidigenden Unsicherheitsfaktor aus Dänemark und vier mittelmäßigen Mittelfeldspielern verwässerte, das hat bis heute niemand verstanden. Man darf davon ausgehen, dass Jols Anteil an diesen Transfers eher bescheiden war.

Zur kommenden Saison wollte der Trainer mehr. Doch sein Argument, nach dem sportlicher Erfolg über wirtschaftliche Konsolidierung gehe, fand bei Beiersdorfer und Hoffmann kein Gehör. Und zu einem Teammanager mit alleiniger Entscheidungsgewalt mochten sie ihn erst recht nicht machen.

Diese Situation kannte Martin Jol schon von seinem vorherigen Arbeitgeber. Zwar gilt die englische Premier League als Vorbild aller neuen Manager-Trainer in der Bundesliga. Bei Tottenham Hotspur aber stand Jol immer im Schatten des Sportdirektors Damien Comolli. Im Londoner Norden war zwar reichlich Geld vorhanden, aber über die Verwendung entschied allein der umtriebige Comolli, der es nach Gutdünken ausgab, ohne seinen Trainer zu fragen.

Gegen Jols Willen investierten die Spurs im Sommer 2007 allein 35 Millionen Euro in mittelmäßige Stürmer wie Darren Bent und Younes Kaboul, auch der acht Millionen Euro teure Wechsel des Berliners Kevin-Prince Boateng kam ohne Zustimmung des Trainers zustande. So hatte Jol zwar die teuerste Mannschaft der Vereinsgeschichte, aber es war eine Mannschaft, die er so nicht gewollt hatte. Im Oktober 2007 standen die Spurs auf einem Abstiegsplatz und Jol musste gehen.

Hamburg sollte ein Neuanfang sein, aber es wurde eine Fortsetzung von Tottenham mit geringeren Mitteln.

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