Martin Bengtsson: Erst Riesentalent, dann Intensivstation

Das Leben des Anderen

Martin Bengtsson spielte bei Inter Mailand und galt als Schwedens zukünftiger Fußballstar, als er einen Suizidversuch unternahm. Danach drehte er alles auf Null. Seit 2008 lebt er als Musiker und Künstler. Dies ist seine Geschichte.

Bengtsson 2011Pamela Spitz
Heft#113 04/2011
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HINWEIS: Diese Reportage erschien erstmals in 11FREUNDE #113

Es ist alles gesagt. Vier Tage, bevor sich Martin Bengtsson die Pulsadern aufschneidet, stellt er sein Handy aus. Seiner Freundin in Stockholm hatte er eigentlich versprochen, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Nur sie weiß um seine Depressionen. »Wenn es nicht mehr geht, komm bitte heim!«, hatte sie beim letzten Telefonat gesagt. Nun aber irrt der 18-Jährige über die Gänge von Inters Jugendakademie Interello, sieht eine Frau im Spiegel und hört flüsternde Stimmen, die es nicht gibt.

Dann wieder Mannschaftsbesprechung und Training. Der junge Schwede spult sein Programm ab. Dass es ihm von Tag zu Tag schlechter geht, bemerkt niemand. Seine Mitspieler haben ihn längst zum Sonderling abgestempelt. Er hört seit Tagen in voller Lautstärke den Song »Days« von David Bowie. »Es gab in dem Lied ein Geheimnis, das ich herausfinden wollte«, sagt er heute.

Am Morgen, als Martin Bengtsson sterben will, sind seine Mannschaftskameraden bereits beim Frühstück. Er macht sein Bett, zieht die Decke so glatt, als würde ein Offizier hinter ihm stehen. Auf seinem MP3-Player läuft immer noch »Days«. Bowie singt: »Don’t know what to do.« Doch er weiß jetzt, was zu tun ist. Er geht ins Badezimmer und greift nach der Rasierklinge.

»Fußball ist doch besser als Drogen, Zigaretten, Alkohol«

Ein Foto aus Kindertagen zeigt Martin Bengtsson im Trikot des AC Mailand. Die Augen schauen wach, neugierig und ein wenig zu routiniert für einen Achtjährigen. »Das ist doch schizophren«, sagt er heute, »ich vergötterte Milan – und unterschrieb später bei Inter.« Bengtsson wächst in Örebro auf, einem Städtchen 200 Kilometer westlich von Stockholm. Ein Mittelklasse-Appartment. Eine mittel-klasse Gegend. Ein kleiner Junge auf dem Sofa. Während sich die schwedische Nationalmannschaft im Sommer 1994 bei der Weltmeisterschaft in den USA bis ins Halbfinale spielt, klebt der Achtjährige am Fernsehgerät. Weil Bengtsson auch so sein möchte wie Tomas Brolin, tritt er sofort nach der WM in den lokalen Fußballklub IK Sturehov ein.

Dort stehen am Spielfeldrand die Eltern der anderen Kinder und weisen ihre Zöglinge zurecht, nur Bengtssons Vater ist nicht da. Er ist Künstler und Musiker und in jenen Jahren oft unterwegs. Seine Mutter arbeitet in Örebro als Managerin von Tanzgruppen. »Fußball ist doch besser als Drogen, Zigaretten, Alkohol«, sagen sie, »und besser, als Künstler zu werden.« Doch ihr Sohn entwickelt einen Ehrgeiz, der ihm heute Angst macht. Nachdem Bengtsson eine Dokumentation über die Ajax-Akademie gesehen hat, fragt er sich: »Was nützen mir die goldenen Füße, wenn sie nicht wie Maschinen funktionieren?«

Er ist gerade mal zwölf Jahre alt, als er seine Ernährung umstellt, weil er sich übergewichtig und schwerfällig fühlt. Nach jedem Abendbrot entleert er seinen Magen im nächsten Waldstück. Er trainiert fünfmal am Tag, spielt barfuß auf der Straße. Ronaldo soll es genauso gemacht haben, das hat Bengtsson irgendwo im Fernsehen gesehen.

Gesundheitlich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter, und er bekommt Zweifel an dem Ziel Fußballprofi. Doch dann klopft Erstligist Örebro SK an. Plötzlich geht alles ganz schnell, Bengtsson debütiert mit 16 Jahren in der höchsten schwedischen Spielklasse. »Es blieb keine Zeit, um nach links oder rechts zu schauen.«

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