Martin Bengtsson: Erst Riesentalent, dann Intensivstation

Das Leben des Anderen

Martin Bengtsson spielte bei Inter Mailand und galt als Schwedens zukünftiger Fußballstar, als er einen Suizidversuch unternahm. Danach drehte er alles auf Null. Seit 2008 lebt er als Musiker und Künstler in Berlin. Jetzt hat erscheint Geschichte als Buch. Bengtsson 2002Pamela Spitz
Heft#113 04/2011
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Es ist alles gesagt. Vier Tage, bevor sich Martin Bengtsson die Pulsadern aufschneidet, stellt er sein Handy aus. Seiner Freundin in Stockholm hatte er eigentlich versprochen, rechtzeitig die Reißleine zu ziehen. Nur sie weiß um seine Depressionen. »Wenn es nicht mehr geht, komm bitte heim!«, hatte sie beim letzten Telefonat gesagt. Nun aber irrt der 18-Jährige über die Gänge von Inters Jugendakademie Interello, sieht eine Frau im Spiegel und hört flüsternde Stimmen, die es nicht gibt.

Dann wieder Mannschaftsbesprechung und Training. Der junge Schwede spult sein Programm ab. Dass es ihm von Tag zu Tag schlechter geht, bemerkt niemand. Seine Mitspieler haben ihn längst zum Sonderling abgestempelt. Er hört seit Tagen in voller Lautstärke den Song »Days« von David Bowie. »Es gab in dem Lied ein Geheimnis, das ich herausfinden wollte«, sagt er heute.

Am Morgen, als Martin Bengtsson sterben will, sind seine Mannschaftskameraden bereits beim Frühstück. Er macht sein Bett, zieht die Decke so glatt, als würde ein Offizier hinter ihm stehen. Auf seinem MP3-Player läuft immer noch »Days«. Bowie singt: »Don’t know what to do.« Doch er weiß jetzt, was zu tun ist. Er geht ins Badezimmer und greift nach der Rasierklinge.

»Fußball ist doch besser als Drogen, Zigaretten, Alkohol«

Ein Foto aus Kindertagen zeigt Martin Bengtsson im Trikot des AC Mailand. Die Augen schauen wach, neugierig und ein wenig zu routiniert für einen Achtjährigen. »Das ist doch schizophren«, sagt er heute, »ich vergötterte Milan – und unterschrieb später bei Inter.« Bengtsson wächst in Örebro auf, einem Städtchen 200 Kilometer westlich von Stockholm. Ein Mittelklasse-Appartment. Eine mittel-klasse Gegend. Ein kleiner Junge auf dem Sofa. Während sich die schwedische Nationalmannschaft im Sommer 1994 bei der Weltmeisterschaft in den USA bis ins Halbfinale spielt, klebt der Achtjährige am Fernsehgerät. Weil Bengtsson auch so sein möchte wie Tomas Brolin, tritt er sofort nach der WM in den lokalen Fußballklub IK Sturehov ein.

Dort stehen am Spielfeldrand die Eltern der anderen Kinder und weisen ihre Zöglinge zurecht, nur Bengtssons Vater ist nicht da. Er ist Künstler und Musiker und in jenen Jahren oft unterwegs. Seine Mutter arbeitet in Örebro als Managerin von Tanzgruppen. »Fußball ist doch besser als Drogen, Zigaretten, Alkohol«, sagen sie, »und besser, als Künstler zu werden.« Doch ihr Sohn entwickelt einen Ehrgeiz, der ihm heute Angst macht. Nachdem Bengtsson eine Dokumentation über die Ajax-Akademie gesehen hat, fragt er sich: »Was nützen mir die goldenen Füße, wenn sie nicht wie Maschinen funktionieren?«

Er ist gerade mal zwölf Jahre alt, als er seine Ernährung umstellt, weil er sich übergewichtig und schwerfällig fühlt. Nach jedem Abendbrot entleert er seinen Magen im nächsten Waldstück. Er trainiert fünfmal am Tag, spielt barfuß auf der Straße. Ronaldo soll es genauso gemacht haben, das hat Bengtsson irgendwo im Fernsehen gesehen.

Gesundheitlich geht es ihm von Tag zu Tag schlechter, und er bekommt Zweifel an dem Ziel Fußballprofi. Doch dann klopft Erstligist Örebro SK an. Plötzlich geht alles ganz schnell, Bengtsson debütiert mit 16 Jahren in der höchsten schwedischen Spielklasse. »Es blieb keine Zeit, um nach links oder rechts zu schauen.«

Martin trägt Dreadlocks: eine Rebellion im Kleinen

Der Mittelfeldspieler wird in die Jugend-Nationalmannschaft berufen. Seinen inneren Zwiespalt erkennt er nur verzerrt. »Es gab in Örebro von Anfang an diese klare Linie zwischen den Alten und den Jungen. Als Junger hattest du zu gehorchen wie bei der Armee«, sagt er. In einem Trainingslager auf Zypern erfährt ein älterer Mitspieler von der Höhenangst des Nachwuchsstars und kündigt fürs Ende der Woche ein Bungee-Jumping an. Bengtsson erlebt Tage voller Angst. Noch in der Nacht vor dem Sprung wacht er schweißgebadet auf und beschließt, mit einem Boot die Insel zu verlassen. Am nächsten Tag erfährt er, dass alles ein Scherz war. Nun steht er als fehlbarer Held da, der diesem Männlichkeitsritual nicht gewachsen gewesen wäre. Lachen darüber kann er auch nicht, als ihm ein junger Mitspieler in Aussicht stellt: »Martin, nächstes Jahr können wir dann die Nachwuchsspieler foppen.« Martin trägt fortan Dreadlocks, hört Punkmusik, es ist eine Rebellion im Kleinen, die von seinen Mitspielern skeptisch beäugt wird.



Es wäre Zeit innezuhalten, doch erneut geht alles viel zu schnell. Weil Bengtsson als Kapitän des U18-Nationalteams brilliert, unterbreiten ihm Chelsea, Ajax und Inter Angebote. Er entscheidet sich für Mailand. Die Ankunft im Interello verläuft wie im Traum. Schon im ersten Training lässt er Marco Materazzi alt aussehen, anschließend nimmt ihn Coach Alberto Zaccheroni zur Seite: »Ich glaube, du machst es.« Die »Gazzetta dello Sport« schwärmt, Martin Bengtsson sei der kommende Star der Serie A.

Bengtsson kauft sich ein Auto – er hat aber keinen Führerschein

Dem Glanz auf dem Platz steht die Monotonie des Alltags gegenüber. Der mittlerweile 17-Jährige lebt in einem kleinen Internatszimmer mit Dachluke. Seine Pläne, in Mailand die italienische Kultur kennenzulernen und zur Schule zu gehen, verwirft er: »Es gab nichts außer Fußball. Wenn wir nicht trainierten oder spielten, hingen wir vor der Playstation oder schauten uns alte Partien auf dem hauseigenen Inter-Channel an.« Mit seinen Mitspielern läuft er durch die Stadt, kauft sich Dinge, die er nicht benötigt. Kleidung von Dolce & Gabbana oder die neuesten Handymodelle, die er seinen Freunde schickt, um zu zeigen: Ich habe es geschafft. Ein Auto legt er sich auch zu, dabei hat er nicht mal einen Führerschein.

In der Sommerpause 2004 verliebt sich Bengtsson beim Heimatbesuch in Schweden in ein lebenslustiges Mädchen. Mit ihr besucht er ein Musikfestival, auf dem er Morrissey sieht. Neue Eindrücke. Schlüsselerlebnisse, sagt er heute. »Meine Freundin wusste nichts über Fußball, anfangs nicht einmal, dass ich bei Inter spiele.« Es ist ihm fast peinlich, ihr davon zu erzählen.

»Ich wollte beides sein: Kurt Cobain und Roberto Baggio«

Zur neuen Saison wird Interello zur Kaserne. Weil drei Spieler beim Kiffen erwischt werden, dürfen die Nachwuchsspieler das Gelände nur noch sporadisch verlassen, nachts werden die Türen abgeschlossen. Bengtsson kauft sich eine Gitarre und beginnt, Songs und Gedichte zu schreiben: »Ich glaubte mit einem Mal, ich könnte beides sein: Kurt Cobain und Roberto Baggio.«

Doch der Fußball hat für solche Ideen keinen Platz. Als er von einem Freundschaftsspiel mit der U18-Nationalmannschaft zurückkehrt, hat eine Putzfrau das kreative Chaos aufgeräumt und alle Songs, Gedichte und Bilder weggeworfen. »Das Zimmer eines Profifußballers sieht nicht so aus!«, schimpft sie. Die Mitspieler zucken mit den Achseln. »Schreib neue Songs«, sagen sie. »Es war doch mein Tagebuch«, antwortet Bengtsson. Sie zucken noch einmal mit den Achseln. Zwei Wochen später telefoniert er zum letzten Mal mit seiner Freundin. Als er auflegt, ist ihm klar: Ich kann so nicht heimkehren, als Verlierer und Gescheiterter. Dann stellt er sein Handy aus.

»Du kannst jede Frau der Welt ficken!«

Martin Bengtsson wacht erst in der Notaufnahme eines Mailänder Krankenhauses wieder auf. Grell flackerndes Licht. Kalte Wände. Eine Psychologin schreit ihn an: »Du hast alles, was du willst: Autos, Geld, und du kannst jede Frau der Welt ficken! Du bist Spieler von Inter Mailand!« Noch heute rätselt Bengtsson über diesen Ausbruch. »Manchmal denke ich, dass ich auch ihren Traum zerstörte, dass es nichts Schöneres auf der Welt gäbe, als Profi bei Inter zu sein.« Der Klub meldet wenige Tage später, seine Nachwuchshoffnung habe einen epileptischen Anfall gehabt, sich bei einem Sturz am Handgelenk verletzt und sei zur Erholung nach Schweden geschickt worden.

Seit 2008 lebt Martin Bengtsson in Berlin. Er ist Musiker und nennt sich Waldemar. In einem Regal, das in seiner Einzimmerwohnung als Raumtrenner dient, stehen Bücher von Noam Chomsky, Charles Bukowski und eine Biografie von Barack Obama, daneben CDs von The National, The Smiths, Nirvana und das Computerspiel »Pro Evolution Soccer«. An der Wand: Bleistiftskizzen, Songfragmente, Acryl-Cut-Ups. Ein Leben auf 30 Quadratmetern. Ein Leben nach der Fußballkarriere.

Aus den Boxen erklingt ein Lied seiner neuen Platte. »Wenn ich Musik mache, bin ich jemand anderes«, sagt der heute 24-Jährige. Waldemar zeigt Brusthaar, trägt eine Jacke im Leopardenmuster, silberne Leggins und schminkt sich die Augenlider. Verschlafen soll das aussehen, Drei-Nächte-durchgemacht-Style, David-Bowie-Style. Später tritt Waldemar in einer kleinen Bar um die Ecke auf. Er spielt neue Songs, einige klingen sehr düster und erinnern ein wenig an Nick Drake. Am Ende des Konzerts spielt er »Mental Hospital« und singt: »Keep all the demons away«. Das Lied hat er 2004 in seinen letzten Tagen in Mailand geschrieben. Die Dämonen sind bis heute nicht verschwunden, er befindet sich wegen seiner Depression immer noch in Therapie.

»Der verlorene Sohn ist zurück!«


Nach seinem Selbstmordversuch hat er seine Fußballkarriere nicht gleich beendet: »Am liebsten hätte ich alles sofort hingeschmissen. Aber mein Körper schrie danach, dass ich weiterspielen muss.« Er unterschrieb einen Vertrag für die zweite Mannschaft in Örebro. Bengtsson spielte so gut, dass eine Zeitung schrieb: »Der verlorene Sohn ist zurück!« Noch am selben Tag beschloss er, dass es sein letztes Spiel gewesen sein sollte.

Es folgten Jobs als Moderator und Redakteur einer Zeitung. 2007 veröffentlichte er seine Biografie »I skuggan av San Siro«, »Im Schatten von San Siro«. Das Buch verkaufte sich in Schweden über 20.000 Mal und wurde als Theaterstück aufgeführt. Vor drei Jahren stieg Martin Bengtsson dann am Kottbusser Tor in Berlin-Kreuzberg aus der U-Bahn – das harte Pflaster gefiel ihm. Es versprach ihm vielleicht nicht das bessere, aber zumindest das ehrlichere und aufregendere Leben. Bengtsson eröffnete eine Galerie, malte, schrieb Artikel, Gedichte und Songs. Dennoch sagt er heute: »Ich bin kein Musiker, kein Schreiber, kein Journalist, kein Künstler.« Es ist ein Leben ohne sklavischen Fokus auf eine Sache, es fühle sich gut an, so unperfekt, so menschlich.

Rückkehr nach Mailand im Mai 2010

Zum letzten Mal kehrte Martin Bengtsson vor einem Jahr nach Mailand zurück. Waldemar spielte ein Konzert in einer kleinen Bar, es waren nur wenige Gäste gekommen, und das Konzert fing außergewöhnlich früh an. Als er die Bar verließ, waren die Straßen wie leergefegt. Es war der 22. Mai 2010 um kurz nach 22 Uhr, und irgendwo im fernen Madrid schoss Diego Milito für Inter Mailand gerade sein zweites Tor gegen den FC Bayern.

Gewinnspiel

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Gewinne »Freistoss ins Leben« – Die Geschichte von Martin Bengtsson

Die Geschichte von Marin Bengtsson ist bereits in Schweden als Buch erschienen. Unter dem Titel »I skuggan av San Siro« wurde sie zum Bestseller. Jetzt erscheint Martin Bengtssons Geschichte auch auf deutsch. Seit vergangener Woche ist das Buch »Freistoss ins Leben« (Berliner Verlag) im Handel erhältlich. 11FREUNDE verlost fünf Exemplare des hervorragenden Buches. Schreib einfach bis zum 30. Mai 2012 eine Mail mit dem Betreff »Freistoss« an verlosung@11freunde.de. Unter allen Einsendungen verlosen wir fünf Bücher.

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