Markus Merk im türkischen Fernsehen

Süpermarkus rettet die Liga

Ex-Schiedsrichter Markus Merk ist Experte beim türkischen Sender »Lig TV«. Seine Analysen sollen helfen, dass der Fußball im Land wieder konkurrenzfähig wird. Wir haben ihn auf seiner Reise nach Istanbul begleitet. Markus Merk im türkischen FernsehenSerkan Taycan
Heft#110 01/2011
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Der Mann mit dem akkuraten Kurzhaarschnitt ist zurück in Istanbul. Er eilt zur Passkontrolle, vorbei an verschleierten Frauen und Männern in weißen Umhängen, mit langen Bärten und nackten Füßen. Bloß keine Zeit verlieren, der Fahrer wartet bereits. Letzten Sonntag war der Flughafen voller Mekka-Heimkehrer, diesmal geht es schneller. Der junge Beamte am Schalter nimmt den Pass entgegen, und ein Lächeln huscht über sein strenges Gesicht. Er verlässt seine Glaskabine und besteht darauf, Markus Merk nach Landessitte zu begrüßen. Obwohl sich der Grenzer und der ehemalige Schiedsrichter vorher noch nie gesehen haben, küssen sie sich gegenseitig auf die Wangen.

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Von Merks Hotelzimmer aus sieht man über den Bosporus, unzählige Minarette und das Stadion von Besiktas. Der Mann aus Deutschland trinkt wie jeden Sonntag einen schwarzen Tee mit zwei Stücken Zucker und bereitet sich auf die abendliche Live-Sendung vor. Dazu gehört auch ein Haarschnitt bei Hotelfriseur Erkan. Dann geht es los zum Studio, wo sich in den nächsten Stunden alles um das Istanbuler Lokalderby zwischen Galatasaray und Besiktas dreht. Es wird also viel zu besprechen geben, in der Sendung am Sonntagabend und bestimmt auch in der am Montag.

Markus Merk hat 50 A-Länderspiele gepfiffen, war dreimal Weltschiedsrichter des Jahres. Deutschland hatte wohl nie einen besseren Unparteiischen als ihn, aber das alles spielt bei »Lig TV« nur eine Nebenrolle. Merk war anfangs zwar als Experte für Schiedsrichterfragen eingeplant, aber inzwischen hat sich seine Zuständigkeit dramatisch erweitert. Der 48-jährige Pfälzer soll den Zuschauern, Schiedsrichtern und Funktionären erklären, was sie an ihrem Nationalsport verbessern müssen. Er kann diese Rolle deshalb einnehmen, weil er völlig unabhängig ist. Merk ist keinen Einflussnamen der mächtigen Vereinspräsidenten ausgesetzt und kann offen ansprechen, was in der Süperlig schief läuft. Und so geht es bei seinen Auftritten um nicht weniger als um die Rettung des türkischen Fußballs.

Ralf Zumdick über Markus Merk: »Er ist hoch angesehen« >>

»Lig TV« krempelt die Sportart in jeder Hinsicht um. Erstmals sind in dieser Saison alle Spiele der ersten türkischen Liga live zu sehen, und das völlig exklusiv: Kein anderer Sender darf bewegte Bilder zeigen. 2,8 Millionen Türken haben »Lig TV« mittlerweile abonniert. Im Sommer hat der Medienkonzern »Digiturk« für seinen Sportkanal ein hochmodernes Sendezentrum errichten lassen. Das futuristische Konzept des Studios vor den Toren der Stadt stammt von der BBC in London. Alleine die Großleinwand hat 400.000 Dollar gekostet.

Merk läuft durch das riesige Großraumbüro, in dem die vielen jungen Mitarbeiter vor Flatscreens sitzen. Die zweite Halbzeit des Stadtderbys steht bevor, aber es ist noch etwas zu erledigen. »Ich brauche die umstrittenen Szenen vom Fenerbahce-Spiel von gestern«, sagt er zu seinem Dolmetscher, der auch sein Mädchen für alles ist. Ohne Firat Isbir wäre Markus Merk in der Türkei nicht möglich. Wenn »Maraton« direkt nach Abpfiff des Live-Spiels beginnt, verwandelt Isbir sich in Markus Merk. Simultan übersetzt er ihn ins Türkische, was eine große Konzentrationsleistung ist, denn die längste Live-Ausgabe der Sendung dauerte vier Stunden und 17 Minuten. Kürzer als dreieinhalb Stunden ist kaum eine.

Der 33-Jährige ist in Frankfurt aufgewachsen, hat in Darmstadt seinen Übersetzer-Magister erworben und war später als Dolmetscher für das türkische Militär im Kosovo-Krieg. Er durfte auch schon die Bundeskanzlerin im türkischen Fernsehen übersetzen. Firat Isbir hat entscheidend dazu beigetragen, dass die Zweifel von Senderchef und Moderator Şansal Büyüka verschwunden sind. Der Mann, der den türkischen Fußball revolutioniert, zweifelte, dass eine Sendung mit einem Experten funktionieren würde, der die Landessprache nicht spricht. Nach über 30 gemeinsamen Sendungen sagt er jedoch: »Ich kann mir inzwischen gar nicht mehr vorstellen, die Sendung noch ohne Markus zu machen.«

Pro Show kommen 1500 E-Mails

Wenn Merk auftritt, können die Zuschauer Fragen stellen, und im Schnitt kommen pro Show 1500 E-Mails – aus Buenos Aires, Los Angeles oder Berlin. Merk will bei deren Beantwortung nicht belehrend klingen, deshalb schweigt er manchmal, wenn sich Mustafa Denizli zu Wort meldet und zu einem seiner ausschweifenden Monologe ausholt. Seit vier Wochen hat der erfolgreichste türkische Klubtrainer auch noch einen Bildschirm, auf dem er Spielszenen markieren kann. Der osmanische Udo Lattek macht davon ausgiebig Gebrauch. »Ich kann gar nichts mehr erkennen«, sagt Moderator Büyüka. Merks Kommentar ist kurz und trocken: »Picasso!«

Wie groß sein Einfluss ist, zeigt die Tatsache, dass zuletzt bei sechs türkischen Klubs die Rasenflächen ausgetauscht wurden, nur weil Merk nachdrücklich dafür plädiert hatte. Längst sehen die Menschen in der Türkei in dem Deutschen eine Art Fußballheiligen. Das bekommt Merk zu spüren, als er am freien Montagmittag in Istanbul unterwegs ist. Ständig rufen ihm Fußballfans zu: »Markus, willst du einen Tee mit mir trinken?« Oder: »Markus, ich habe dir ein Geschenk für deine Frau eingepackt.«

Mittwochs im Camp Nou, donnerstags Sprechstunde

Merk ist stolz auf diese Wertschätzung, Schiedsrichtern passiert so etwas ja eher selten. Mit dem Pfeifen hat er vor zwei Jahren aufgehört, obwohl er die Altersgrenze noch nicht erreicht hatte. »Mir fehlt das nicht«, sagt er. Seine Zahnarztpraxis hat er sogar schon 2004 verkauft, die Belastung war einfach zu groß geworden. Früher pfiff er Mittwochabends im Camp Nou oder in Old Trafford und war anderntags trotzdem morgens zur Sprechstunde zurück. »Das war Harakiri«, sagt er. Inzwischen ist Merk ein gutgebuchter Redner zum Thema Motivation für Manager und Führungskräfte. Im Frühjahr wird er in Teheran sprechen, und für den Herbst hat ihn die Universität von Harvard eingeladen. Neulich war er aber auch mal in einem Autohaus in Münster, zusammen mit Michael Rummenigge und Ansgar Brinkmann.

Als im Sommer die Verhandlungen für »Lig TV« begannen, war Merk besonders wichtig, dass beide Parteien jederzeit aussteigen könnten, wenn es schiefginge. Die erste Sendung absolvierte er im Juli und erfuhr erst nach einer Stunde zufällig, dass man live auf Sendung war. Er und sein Dolmetscher hatten gedacht, es handele sich um einen Testlauf, aber der Sender wollte keine Zeit verlieren. Anschließend warb er mit dem deutschen Experten auf überdimensionalen Plakaten in ganz Istanbul. Die meisten Zuschauer glauben auch deshalb längst, Markus Merk lebe inzwischen in der türkischen Metropole.

»Lig TV«-Chef Büyüka: »Markus vergisst gar nichts!«

Als Schiedsrichter war Merk fasziniert von der Herausforderung, dem Druck der Massen standzuhalten. Als TV-Experte sagt er: »Ich weiß, wie dünn das Eis werden kann.« Deshalb wartet er erst einmal ab. Merk füllt seine schwarze Mappe weiter mit A 5-Zetteln, er schreibt sich während jeder Sendung zwei, drei Thesen seiner beiden Kollegen auf. Im richtigen Moment, und manchmal kommt dieser erst Wochen später, kann er sie wieder damit konfrontieren. »Markus vergisst gar nichts«, sagt »Lig TV«-Chef Büyüka.

Das kommt gut an bei denen, die heute in der Süperlig spielen und noch Babys waren, als Merk seine ersten Bundesligaspiele leitete. Baris Özbek ist in Castrop-Rauxel geboren, kickte in der Jugend bei Rot-Weiss Essen und lag in der deutschen U 21 mit Mesut Özil auf einem Zimmer. Er spielt seit dreieinhalb Jahren für Galatasaray und wurde 2008 türkischer Meister. »Das Niveau der Sportsendungen in der Türkei war unterirdisch. Ich habe mir früher nie welche angeschaut«, sagt er. Die Experten diskutierten vor allem das Privatleben der Spieler, urteilten ausschließlich im Sinne ihres Lieblingsklubs und zweifelten aus Prinzip selbst unstrittige Elfmeter an. »Merk hingegen geht auf die einzelnen Spieler ein, das kommt bei uns in der Mannschaft sehr gut an«, sagt Özbek.

Auch die Stimme des deutschen Schiedsrichters steht dieser positiven Wahrnehmung nicht mehr im Weg, denn sie hat sich überraschend verändert. In Deutschland hat sie ihm früher viel Spott eingetragen. Sobald er samstags zur Platzbesichtigung das Stadion betrat, äfften Fans seine Piepsstimme nach. Merk erklärt sie als Folge eines Unfalls. Er kann in zwei Tonlagen sprechen, seitdem er als Kind mit dem Kehlkopf auf einen Metallkorb gestürzt war. Eine davon, die tiefere, kippte aber stets nach wenigen Sekunden in die höhere Tonlage.

Er wusste jahrelang nicht, dass er etwas daran ändern konnte, hatte seine Stimme längst als Behinderung akzeptiert, als bei einer Schiedsrichterversammlung das Mikrophon ausfiel. Merk musste fortan ohne technische Unterstützung sprechen. Er mühte sich, und verblüffenderweise ging es besser, als er dachte. Kurz darauf wurde sein Sohn geboren wurde, und da Merk ihm spätere Hänseleien ersparen wollte, trainierte der frischgebackene Vater vier Wochen lang seine Stimmbänder. Anschließend musste er sich mit »Markus Merk« am Telefon melden, damit seine Freunde nicht fragten: »Können wir mal bitte den Markus sprechen?«

Inzwischen geht es in der Sendung um ein Zitat von Bernd Schuster, das für sehr viel Aufregung gesorgt hat. Der deutsche Trainer hatte sinngemäß behauptet, dass er in der Türkei keinen modernen Fußball spielen lassen könne, weil sich die Süperlig auf dem Niveau der sechziger Jahre befände. Eine Steilvorlage für eine lange Diskussion. Mustafa Denizli, der Besiktas vor Schuster trainiert hat und deutlich erfolgreicher war als der blonde Engel, fragt Merk: »Was sagst du dazu? Das ist doch dein Landsmann!« Merk nimmt den Ball auf und findet eine versöhnliche Formel: »Er ist ja eigentlich gar kein Landsmann. Er spricht doch nicht einmal Deutsch.« Das stimmt wirklich, denn Schuster gibt in der Türkei alle Interviews auf Spanisch.

Merk soll die Türken Geduld und Toleranz lehren

Merk signalisiert mit der Bemerkung auch, dass er die Empfindlichkeiten der Türken versteht. Doch Büyüka fürchtet trotzdem, dass Merk irgendwann keine Lust mehr auf den anstrengenden Trip haben könnte. Dabei braucht er den Deutschen für seine Kulturrevolution noch länger. »Es gibt zwei Sachen, die türkische Fans nicht verstehen: Toleranz und Geduld«, sagt er. Und Merk soll ihnen diese Tugenden beibringen.

Am Dienstagmorgen um 4.15 Uhr checkt Markus Merk im Hotel aus. »See you next week«, ruft er beschwingt durch die Hotelhalle. Noch vor dem ersten Ruf des Muezzins, nach gerade mal zwei Stunden Schlaf, verlässt der Missionar bereits wieder die Stadt. Einige Menschen am Flughafen grüßen ihn. Als er sich in der langen Zick-Zack-Schlange vor der Passkontrolle einreihen will, ruft jemand: »Markus!« Es ist ein Mann in grüner Uniform, der ihn freundlich zu seinem Eingang herüberwinkt, wo niemand wartet. Über dem Beamten hängt ein Schild: »Zugang nur für NATO-Mitarbeiter und Diplomaten«.

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