Markus Babbels wichtigste Lektion

Der Fahr-Schüler

Markus Babbel hat die Doppelbelastung durch den DFB-Trainerlehrgang indirekt für sein Scheitern als Trainer des VfB Stuttgart verantwortlich gemacht. Wir erinnern an die Zeit, als er die Hälfte seines Lebens im Auto verbrachte. Markus Babbels wichtigste Lektion

370 Kilometer liegen zwischen Stuttgart und Köln – eine verdammt lange Distanz für jemanden, der nichts hat, worüber er nachdenken könnte. Markus Babbel hingegen wird wahrscheinlich nicht langweilig, wenn er die A3 hinauf- und hinunterprescht, hin und her zwischen seiner Arbeits- und seiner Ausbildungsstelle. Er ist Trainer des VfB Stuttgart und zugleich Teilnehmer am Trainerlehrgang des DFB in Köln.

Der Schüler als Chef, der Chef als Schüler – ein Paradoxon, das wohl nur die Bürokratie des größten Sportverbands der Welt hervorbringen kann. War es ein Fehler, sich auf diese Doppelbelastung einzulassen? Ist er zu weit weg von seiner Mannschaft, die neu zusammenwachsen muss? Büßt er an Autorität ein? Ist Pogrebnjak der richtige Nachfolger für Gomez? Was läuft falsch?

[ad]

Auf seinen langen Fahrten immer etwas zum Grübeln griffbereit zu haben, ist wahrscheinlich der einzige Vorteil der Situation, in der der Trainernovize derzeit steckt. Nach kometenhaftem Aufstieg in der vergangenen Saison, als er in einer Mischung aus Juniorprofessoren-Charme und Spielertrainer-Glaubwürdigkeit den VfB in die Champions League katapultierte, steht Babbel plötzlich am Abgrund. Der schlechteste Saisonstart seit 34 Jahren, Sportdirektor Heldt ruft den Abstiegskampf aus, und schon kursieren Namen potentieller Nachfolger. Dass auch Marcel Koller genannt wird, der sich selbst von den Kummer gewohnten Bochumern eine zu defensive Spielauffassung vorwerfen lassen musste, wird Babbel nicht gefallen – ist sein Konzept kontrollierter Offensive etwa schon so weit abgewickelt?

Phrasen, die keine sein sollen

In finstere Gedanken versunken, trinkt er einen Kaffee am Autobahndreieck Karlsruhe. Schwarz. In der Einsamkeit der Raststätten schmiedet er Sätze wie diese: »Ich bin überzeugt davon, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Das ist keine Phrase, die ich da dresche: Ich bin wirklich davon überzeugt.« Oder auch: »Wir werden den VfB wieder dahin bringen, wo er hingehört: nach oben.«

Tatsächlich wurde Armin Veh mit einem sehr ähnlichen Kader 2007 Deutscher Meister, Babbel selbst führte das Team zuletzt auf den dritten Platz. Auch in der Hinrunde 2008/09 steckte der VfB in einer Krise, dümpelte auf dem zehnten Platz jenseits seiner Ambitionen umher. Am 24. November übernahm Babbel das Traineramt von Veh – und startete eine phänomenale Siegesserie. Er war der Messias vom Neckar.

Jetzt müsste er es wieder sein, mit dem Unterschied, dass er dies Mal auch sich selbst retten müsste. Das aber ist im Fußballgeschäft beinah so schwer, als wollte man sich selbst hochheben. Auch entfachen Antrittsreden leider nur einmal das Feuer des Neubeginns, das gräulich-fahle Gesicht eines Trainers, der das Abstiegsgespenst gesehen hat, ist der Bote des Spätherbstes vieler Amtszeiten. Und liegt es denn in seiner Macht, die Wende herbeizuführen? Ist Gomez überhaupt zu ersetzen? Wer soll hinten rechts spielen? Was ist mit den Leistungsträgern los? Kehrt der Erfolg zurück, wenn Hitzlsperger seine Form wiederfindet?

Möglicherweise wird Markus Babbel dann schon nicht mehr im Amt sein. Eine Niederlage heute Abend gegen Sevilla, ein schlechtes Spiel gegen Hannover, dann kommen die Bayern – und zwischendurch pendeln, pendeln, pendeln. 370 Kilometer hin, 370 Kilometer zurück. Im kleinen dunklen Raum, der durch die Nation rast, weiß selbst der Optimist nicht mehr, was gut ist und was schlecht. Kaffee am Dreieck Karlsruhe. Schwarz. Und all diese Fragen: Wird er nach nur einem Job als Trainer gelten, der zwar einmal retten, aber nicht konsolidieren kann? Als Feuerwehrmann? Wie Berger, Neururer, Schafstall?

Markus Babbel muss zum Unterricht. Lektion: »Die Aufgabe des aeroben Energiesystems beim Fußball«. Wie das Leben wirklich funktioniert, lernt er derzeit woanders.

Hinweis: Wenn Du feststellst, dass hier extremistisches Gedankengut verbreitet wird, Nutzer diskriminiert werden oder Diskussionen einen unschönen Ton annehmen, dann informiere uns bitte per Mail! Wir werden dann gegebenenfalls eingreifen. Diskussionen bei 11FREUNDE sollen sportlich und sauber ablaufen! Diskriminierung und Intoleranz werden von uns nicht akzeptiert! Niemals! Danke für deine Hilfe!