Mario Götze, Europas bester Nachwuchsspieler

Captain Future

Mario Götze ist zum besten Nachwuchsspieler Europas ausgezeichnet worden. 30 Journalisten bedeutender Tageszeitungen kürten den Dortmunder als Nachfolger von Mario Balotelli. In Ausgabe 117 stellten wir »Captain Future« vor. Mario Götze, Europas bester NachwuchsspielerKatrin Binner
Heft#117 08/2011
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Der Platz an der Sonne ist für ihn reserviert. Nationalspieler lümmeln auf den Sofas im Innenhof des Frankfurter Nobelhotels »Villa Kennedy« und geben Interviews. Auf den Tischen stehen Schilder mit den Namen, damit jeder Profi weiß, wo sein Platz ist. In der prallen hessischen Mittagssonne bemisst sich die Hierarchie in der Mannschaft heute nach der Menge an Schatten, die ein Spieler an seinem Platz bekommt. Die Eiswürfel im Glas von Mario Götze sind längst geschmolzen. Der Dortmunder Jungprofi rückt ungelenk seinen Stuhl ein Stück nach hinten, um den Kopf unter die Ausläufer des Schirms zu kriegen. Götze versucht, sich nichts anmerken zu lassen. Der Schweiß läuft ihm die Schläfen hinunter. Er blinzelt, er lächelt. Ein Mann auf der Sonnenseite des Lebens.

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Hinter dem 19-Jährigen liegt eine rauschhafte erste Profisaison, die mehr Geschichten produziert hat als manch veritable Laufbahn. Götze wurde Stammspieler beim BVB, als er gerade volljährig war. Er absolvierte 33 Meisterschaftsspiele, in denen es schnell nur noch um den Titel ging. Er wurde Meister und kaum hatte sich der Rauch der Feierlichkeiten verzogen, brach er zur Nationalelf auf, zu deren Kader er inzwischen gehört. Er ist die Galionsfigur der neuen Profiära, der »Generation Götze«. Ein 171 Zentimeter großer Superlativ. Der deutsche Lionel Messi.

Shootingstar-Kladderadatsch

Ziemlich viel Gepäck für einen jungen Mann, in dessen Gesicht sich gerade die letzten Relikte der Pubertät verflüchtigen. Er sagt: »Es ist nicht so einfach, das klar zu sortieren, aber generell ist es perfekt gelaufen.« Dieser Shootingstar-Kladderadatsch will gar nicht zu dem Youngster passen. So wie ihm auf dem Platz fast immer noch eine bessere Lösung als dem Gegner einfällt, um die Situation für sich zu entscheiden, hat Götze auch konkrete Ideen, was passieren muss, damit sein Erfolg von Dauer ist: »Zunächst mal möchte ich schleunigst meinen linken Fuß und mein Kopfballspiel verbessern. Und ich muss zusehen, wie im letzten Jahr verletzungsfrei zu bleiben.«

Was nach Phrase klingt, entspringt der Gewissheit, dass es im Profigeschäft auch anders laufen kann. Als er Ende 2009 zum Profikader des BVB stieß, wechselte sein zwei Jahre älterer Bruder Fabian zum FSV Mainz. Dort warf den Großen erst ein Husten zurück, anschließend konnte er aufgrund von Schulterbeschwerden nicht spielen. Er wurde ins Mainzer Reserveteam beordert und schaffte die Rückkehr in die Bundesligaelf nie mehr. Nun hat Fabian Götze bei der Zweiten des VfL Bochum unterschrieben und wohnt wieder 200 Meter von seinem Elternhaus entfernt. Ganz nach Hause wollte er nicht, zumal sich im Obergeschoss mit separatem Bad und Balkon, wo er bis zu seinem Auszug wohnte, inzwischen Mario breitgemacht hat. Und auch wenn dessen Marktwert nun bei 12,5 Millionen Euro liegen soll, denkt der Zweitgeborene gar nicht daran, das Leben daheim aufzugeben, wo Muttern die Wäsche macht und das Abendbrot auf den Tisch stellt.

Sein Vater ist Professor für Datentechnik

Mit seinem Vater, einem Professor für Datentechnik an der Uni Dortmund, hat er lange diskutiert, ob er die Schule vorzeitig abbrechen kann. Für die Götze-Sprösslinge stand nie zur Debatte, dass sie nicht das Abitur machen. Vor gut einem Jahr aber entschieden Vater und Sohn gemeinsam, dass Mario nach dem Fachabi aufhören darf, um sich ganz auf die Profikarriere zu konzentrieren. Bis zuletzt redete der Hochschuldozent auf den Jungen ein, ob das eine Jahre nicht doch noch drin sei. Fabian habe das Abi doch auch gebaut. Am Ende aber dämmerte Jürgen Götze, dass die Dreifachbelastung aus Profialltag, Abistress und Juniorennationalelf auf Dauer kein Zustand ist. Der Professor sagt: »Ein Junge in dem Alter braucht auch Erholungszeit.« Das Fachabitur allerdings war eine feste Auflage des Vaters, damit auch Mario die Chance behält – 
im Falle eines Falles – noch ein Studium zu absolvieren. Ein bisschen unheimlich ist dem Akademiker der sportliche Erfolg seines Juniors nämlich schon: »Als ich zwanzig war, wollte ich Tennisprofi werden, heute bin ich fünfzig und kann guten Gewissens sagen, dass mir mein Leben an der Hochschule auch viel Spaß macht. Deswegen kann ich mir auch immer noch ein anderes Leben für Mario vorstellen, wenn er großes Verletzungspech hätte.«



Rationalität und Demut, über die offenbar auch der hochbegabte Filius verfügt. Mario Götze gilt als zurückhaltend und überlegt, aber dennoch als Mann, der klare Vorstellungen hat. Bei der Nationalmannschaft loben sie ihn, dass er sich erst mal in Ruhe ein Bild von der Situation gemacht hat, ohne ansatzweise den jungen Wilden raushängen zu lassen. Er selbst sagt, er habe sich gefreut, bei der DFB-Elf die Bayern-Spieler, die 2010 im Champions-League-Finale gestanden haben, oder Mesut Özil oder Sami Khedira kennenzulernen. Dirk Reimöller, der den heranwachsenden Götze vor sieben Jahren bei der Westfalenauswahl trainierte, sagt: »Es klingt fast profan, aber Mario spielt einfach Fußball. Der hat Spaß daran, sich mit den Besten auf dem Platz zu messen.« Von seinem Platz in der Hitze blickt Götze nun hinüber, dorthin wo Philipp Lahm im Schatten mit einem Journalisten plaudert und sagt: »Ich treffe hier auf Leute, die ich bisher nur aus dem Fernsehen kannte – und denen begegne ich  mit viel, viel Respekt.« Mario im Wunderland.

Ein Alleingang wie ein Roadmovie

Als er nach einem Alleingang, der fast einem Roadmovie gleichkam, in der Rückserie das vorentscheidende Spiel gegen Hannover 96 drehte, widmete er den Treffer dem Ersatzmann Dede. Einem Profi, der beim BVB spielt, solange Götze denken kann. Die Szene, als der alternde Brasilianer dem Jungspund um den Hals fällt, ist in dieser magischen Saison der Dortmunder Wiederkehr ein Symbol für die innere Geschlossenheit der Meisterelf gewesen. Sie ist aber auch ein Beweis für den guten Instinkt des 19-Jährigen. Ohne lange zu überlegen, macht Götze einfach vieles richtig. Als er in der Hinrunde das Gefühl bekam, das Interesse der Medien könne ihn zu sehr vom Fußball ablenken, gab der Verein auf seine Initiative eine Interviewsperre bekannt. Trainer beschreiben ihn als einen, der vor großen Spielen sehr sensibel mitunter sogar nervös reagiert. Der ehemalige U 17-Nationalcoach Marco Pezzaiuoli, der mit Götze 2009 den EM-Titel holte, sagt: »Aber wenn er auf den Platz geht, ist diese Nervosität wie weggewischt.« Sein Talent gibt ihm das Selbstbewusstsein, um auch unter größtem Druck durch den Gegner oder vor 80 000 Zuschauern die Nerven zu behalten.

Er bewundert Lionel Messi und Zinedine Zidane und bedauert Ronaldinho und Adriano, die es nicht geschafft haben, ihr Talent in eine langfristige Karriere in umzumünzen. Er versucht, es besser zu machen. Götzes Konstanz in der zurückliegenden Saison aber ist auch die Folge akribischer Vorbereitung. Als er in den Jugendmannschaften wegen seiner Statik immer wieder mit Muskel- und Gelenkblessuren zu kämpfen hatte, verfiel er nicht ins Grübeln, sondern setzte sich mit dem Problem proaktiv auseinander. Während andere in die Ferien gingen, verbrachte er die freie Zeit im Reha-Zentrum in Donaustauf, um seinen Körper zu stählen und weiteren Verletzungen vorzubeugen.



Als Kind spielte er Baseball, Basketball und Tennis

Es gibt Trainer, die für sich gern veranschlagen, das Talent Götze entdeckt zu haben. Doch die Liebe zum Ball wurde ihm in die Wiege gelegt. Bei den Auslandssemestern des Vaters in den USA spielte er schon als Kleinkind Baseball, Basketball und Tennis. Westfalen-Coach Dirk Reimöller ist überzeugt: »Spieler wie Mario werden nicht von einem Trainer entdeckt, solche Ausnahmetalente entdecken sich selbst.« Jürgen Götze, der die besonderen Momente auf dem Platz von seinem zweiten Sohn schon seit der E-Jugend kennt, hat sich ein Moment unwiderruflich ins Gedächtnis eingebrannt: Mario, obwohl vom Alter her noch B-Jugendlicher, saß beim Spiel der A-Jugend des BVB gegen den VfL Bochum auf der Bank. Er war mal wieder längere Zeit verletzt gewesen. Bochum führte zur Halbzeit 3:0, und Trainer Peter Hyballa wechselte ihn ein. Götze ging aufs Feld, schoss zwei Tore und bereitete ein drittes vor. Der BVB gewann 4:3. Als ihn der Vater nach dem Schlusspfiff euphorisch fragte, wie er das denn bitte hingekriegt hätte, antwortete der Sohn mit kecker Beiläufigkeit: »Ich habe dem Trainer gesagt, ich sei fit, aber er hat mich nicht spielen lassen. Da wollte ich dem mal zeigen, was ich kann.«

Götze ist kein »Straßenfußballer«, er ist ein »Wohnstubenkicker«. Seit jeher gibt es im Reihenendhaus der Familie im Dortmunder Stadtteil Lücklemberg ein zwanzig Quadratmeter großes Teppichfeld mit zwei kleinen Toren. Der Platz, wo der Vater noch regelmäßig mit seinen drei Söhnen kickt – auch Felix Götze, 13, spielt bereits in der BVB-Jugend –, der Ort, wo die Jungs enge Ballführung und ihren Fintenreichtum schärften, liegt im Kellergeschoss.

Mario Götze – der Platz an der Sonne

Kellerkind Mario sonnt sich inzwischen im Glanz der Nationalelf. »Zehn Minuten«, sagt ein DFB-Sprecher. Zehn Minuten bleiben, um Fotos von Mario Götze zu machen, dann erwartet Jogi Löw seinen Eleven pünktlich zum Mittagessen. Andere Spieler sind für solch enge Terminvorgaben dankbar. Medienarbeit ist für die meisten nur eine lästige Pflicht. Doch Götze ist noch neu hier. Ihm ist anzusehen, dass er sich wegen der kompromisslosen Regelauslegung des Pressebeauftragten ein Schmunzeln verkneifen muss. Am Ende bleibt er 19 Minuten beim Shooting und flitzt dann wie von der Tarantel gestochen zum Essen. Mario Götze ist kein Spielverderber. Der Platz an der Sonne ist ihm sicher. Auch wenn der demnächst wohl im Schatten liegt.

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