Mario Balotelli, die italienische Urgewalt

Wie Ali gegen Liston

Wie viele Muskeln passen auf einen Oberkörper und wer zählt sie nach? Mit seinen beiden Toren und dem doppelten Bizeps hat sich Mario Balotelli endgültig zum Star dieser EM gepost. Ein ikonisches Bild, das seinen Anfang in den Katakomben nahm.

Dartpfeile, Sportwagen, Strafzettel, Silvesterböller, Mafianähe, Why always me. Ja ja, bla bla. Die Skandale und Anekdoten von und zu Mario Balotelli sind hinlänglich beschrieben, fast ist man ihrer überdrüssig. Gerade deshalb nimmt sich das gestrige Halbfinale angenehm aus, will man endlich mal über Balotelli schreiben, ohne ihn gleich wieder als Egomanen oder Bad Boy, wahlweise auch als Querulanten oder Paradiesvogel zu stempeln. Denn gestern war gemäß dem alten Motto von Alfred Preißler entscheidend wirklich nur auf dem Platz. Und da überragte der Stürmer alle.

Seinen Lauf nahm das Schicksal, das sich für die Deutschen als kein günstiges erweisen sollte, schon im Kabinengang. Draußen kochte der Stadionanimateur die Stimmung hoch, drinnen versammelten sich die Gladiatoren, bereit zum Einmarsch in die Arena. Die Löw'schen Zöglinge blickten ernst an der Kamera vorbei, fast verkniffen. Man konnte das Fokus nennen oder positive Anspannung, aber es war eines sicherlich nicht: Über alle Maßen strotzendes Selbstbewusstsein, gepaart mit dieser Prise Lockerheit und Süffisanz. Beides braucht es indes manchmal, um dem Fußball besondere Momente abzutrotzen, und beides ließ eher sich am hinteren Ende der Katakomben feststellen.

Da stand Mario Balotelli und grinste, nein, eigentlich deutete er ein Grinsen nur an, die Mundwinkel hoben sich spöttisch, er guckte gleichsam an der Kamera vorbei, aber einmal guckte er auch direkt hinein. Als TV-Zuschauer wusste man sich von der bösen Ahnung nicht zu befreien, der Junge mit dem Hahnenkamm plane irgendeine Ungeheuerlichkeit.

Zerren und Reißen, wie ein kleines Kind

Balotelli ließ sich Zeit. Die Anfangsphase besah er sich zumeist im Mittelkreis, weil das deutsche Team drückte und drängte. Bis zur 20. Spielminute. Kollege Antonio Cassano kreiselte Boateng und Hummels schwindlig, seine Flanke senkte sich an den Fünfmeterraum. Weil ein böser Unbekannter Holger Badstuber mit Pattex an den Rasen geleimt hatte, drückte Balotelli den Ball ohne große Gegenwehr über die Linie. Es hätte aber auch keinen Unterschied gemacht, wäre Badstuber hochgestiegen. Die Art und Weise, wie der Stürmer gelauert, wie er sich in des Verteidigers Rücken geschlichen und mit zwei, drei schnellen Schritten vom Boden katapultiert hatte, ließe keinen Zweifel daran, dass Balotelli diesen Treffer wollte. Zur Erinnerung: Badstubers Mimik im Spielertunnel war irgendwo zwischen totaler Humorlosigkeit und Verstehen-Sie-Ernst gependelt. Ein solides Gesicht. Kein Grinsen.

Sein 1:0 bejubelte Balotelli wie ein kleines Kind, er spurtete in die Arme der Kollegen, riss und zerrte dabei an seinem Trikot. Fast schien es, als überlegte der Irokese von Manchester City jetzt schon, den Stoff über den Kopf zu reißen. Er tat es nicht. Weil das Tor zwar schön, aber nicht spektakulär gewesen war. Weil ein schönes, aber noch dazu spektakuläres Tor wartete. Das süffisante Grinsen. Balotelli musste es geahnt haben.

Er kam, sah - und zerschoss das Netz

In der 36. Minute hebelte Riccardo Montolivo die deutsche Abwehr aus, und während Philipp Lahm noch mit dem 50:50-Joker zwischen Manndeckung und Abseitsfalle zu entscheiden suchte, stampfte Mario Balotelli auf Manuel Neuer zu. Ähnliche Situationen hatte es im Viertelfinale gegen England en masse gegeben, erst recht natürlich im Auftaktduell mit Spanien, als sich ein einschlafender Balotelli noch von Sergio Ramos abgrätschen ließ. Gegen Deutschland wollte er sich diesen Vorwurf nicht machen lassen, nicht schon wieder. Balotelli kam, sah - und zerschoss das Netz.

Manuel Neuer, bei einem gefühlvolleren Versuch ob seiner linkischen Handballreaktionen vielleicht mit Abwehrchance, blieb so nur der leere Blick in den Knick. Mario Balotelli hatte nicht einfach nur ein Tor geschossen. Er hatte den Ball reingegrinst, süffisant und entschlossen zugleich. Das 2:0 war ein Ausrufezeichen mit 123 km/h. »Untrainierbar«, so einst die ätzende Kritik von José Mourinho am wankelmütigen, auf der Rasierklinge reitenden Balotelli. Die beiden Tore gegen Deutschland waren auch untrainierbar, auf ihre Art.

Ein einziger, jubelnder Muskel

Und als sei es damit noch nicht genug, zog er diesmal wirklich blank. Der Doppelpacker verschränkte die Arme, ballte die Fäuste, wartete auf die Kollegen. Der ganzer Körper wurde zu einem einzigen Muskel, sehnig und glatt und archaisch, und Mario Balotelli grinste, ohne zu grinsen. Genauso muss sich Muhammad Ali gefühlt haben, über Sonny Liston gebeugt, 1965. Ein ikonischer Moment dieser Europameisterschaft, vielleicht sogar der Fußballgeschichte. Das wird das Finale zeigen. Sollte Balotelli auch gegen die Spanier so urgewaltig auftreten, sprich: Tore schießen, Bälle behaupten, abschirmen und ablegen, Freistöße und Einwürfe holen, sich sogar defensiv bis zum Wadenkrampf aufreiben – dann ist er wirklich der Größte.

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