Mario Balotelli besiegt die Stadt seiner Albträume

Das Kiew-Syndrom

Mario Balotelli hatte bislang keine gute Beziehung zu Kiew: Im März 2011 spielte er zweimal mit Manchester City gegen Dynamo – dabei misslang alles. Gestern überwand er sein Trauma.

Mario Balotelli hatte alles versucht. Er schoss aus der Distanz, er wühlte im Strafraum, er bereitete für seine Mitspieler Kopfbälle vor und für sich selbst einen Fallrückzieher. Einmal hätte er alleine auf Joe Hart zulaufen können, doch da verstolperte den Ball. Als es ihm zu viel wurde, trat er gegen den rechten Pfosten des englischen Tores. Dieses verdammte Metall, dieses verdammte Spiel, dieses verdammte Kiew.

Balotellis Erinnerungen an Kiew: Eine Slapstickeinlage und die Rasen-Allergie

Es ist etwas mehr als ein Jahr her, da traf Manchester City in der Europa League auf Dynamo Kiew. Das Hinspiel fand unweit vom NSK Olympiyski, im Waleri-Lobanowski-Stadion, statt. Es wurde für Mario Balotelli ein Tag, den er vermutlich aus seinem Kalender gestrichen hat. Schon das Aufwärmprogramm geriet zu einer Slapstick-Nummer. Der Italiener benötigte eineinhalb Minuten, um sich ein handelsübliches Trainingsleibchen anzuziehen. Anschließend gelang ihm im Spiel wenig. Er musste in der 57. Minute das Feld verlassen. Der Grund: Eine Allergie gegen den Kiewer Rasen.

Beide Ereignisse wurden medial in epischer Breite aufbereitet. Die Leibchen-Szene hat bis heute sechs Millionen Klicks auf Youtube erzielt. Sein Mitspieler Edin Dzeko parodierte sie sogar ein paar Tage später. Doch Balotelli hat bekanntermaßen ein ausgeprägtes Ego, er würde die Dinge schon wieder zurechtrücken. Allein, das Rückspiel verlief noch fataler. Balotelli musste dieses Mal schon nach 36 Minuten runter – er hatte Goran Popov mit einem Kung-Fu-Tritt niedergestreckt.

Balotelli sagte vor dem Spiel: »Ich habe keine Angst«

Nun, im EM-Viertelfinale, kehrte Mario Balotelli nach Kiew zurück, und zumindest am Rasen sollte nicht scheitern. Der ist im Olympiastadion schließlich edelste Uefa-Auslegeware, das weiß Balotelli. Auch abseits des Platzes überließ er nichts dem Zufall. Er ging in die Medien-Offensive und erschien einen Tag vor dem Spiel unangekündigt auf einer Pressekonferenz. Als er dort neben Trainer Cesare Prandelli und Innenverteidiger Andrea Barzagli saß, glänzte alles an ihm. Am linken Handgelenk eine goldene Uhr, am rechten ein silbernes Kettchen, dazu jeweils zwei Brillis in den Ohrläppchen. Er sagte Sätze wie: »Schön für Joe Hart, dass er zwei Balotellis kennt.« Oder: »Ich habe keine Angst.« Und die anwesenden Journalisten warteten auf den Zusatz: »Gucken Sie sich mein Tor gegen Irland an.« Doch Balotelli sprach ihn nicht.

Gegen Irland hatte er in der 90 Minute mit einem sehenswerten Seitfallzieher das 2:0 erzielt. Danach jubelte er nicht, danach schimpfte er, denn er hatte zuvor lange auf der Bank gesessen und war von den irischen Fans provoziert worden. »Figli di puttana«, soll er deshalb gebrüllt haben. Das heißt: Hurensöhne. Weil Balotelli weiterschimpfen wollte, hielt ihm Leonardo Bonucci den Mund zu. Später bedankte sich Balotelli bei seinem Mitspieler. Nach dem Spiel ging er shoppen – alleine, im Schlepptau nur seine Bodyguard-Entourage. »Er ist ein Typ, der sehr spontan ist«, sagte Bonucci einen Tag später. Das ist außerordentlich nett formuliert. Er hätte auch sagen können: Er ist ein Typ, der erst redet und dann wieder redet – nur meistens das Nachdenken vergisst.

Die meisten Balotelli-Geschichten handeln von Geld, Autos oder Frauen

Mario Balotelli ist 20 Jahre alt. Mit Geschichten über ihn könnte man bereits jetzt drei Biografien füllen. Die meisten handeln von Geld, Autos oder Frauen. Einmal fand ein Polizist 5000 Pfund im Handschuhfach seines Wagens und fragte nach dem Grund für diese hohe Summe fragte. Balotelli sagte: »Weil ich sehr reich bin.« Andere Male bewarf er Nachwuchsspieler von Manchester City mit Dartpfeilen, brach in ein Frauengefängnis ein und ließ sich von Mafiabossen ein berüchtigtes Drogenviertel von Neapel zeigen. Diese Dinge tat er nicht, weil er sehr reich ist, sondern »aus Neugier«, wie er später gleichgültig erzählte. Was wollten die Leute überhaupt von ihm? Die Aufregung versteht er bis heute nicht. Vor wenigen Monaten präsentierte er nach einem Tor gegen Manchester United ein Shirt unter seinem Trikot. Darauf prangte der Satz: »Why always me?«

Und warum immer Kiew? Mario Balotelli stand wieder in der Startelf der Squadra, er hatte durchgehalten, keine Rasenbeschwerden, keine Kung-Fu-Tritte, keine Schimpftiraden, selbst mit dem Leibchen hatte alles geklappt. Doch nun, nach 120 Minuten, stand es 0:0, und Mario Balotelli wirkte mit seiner blondierten Kamm-Frisur ein wenig wie ein Loveparade-Teilnehmer von 1995. Würde Italien gegen diese harmlosen Engländer ausscheiden? Würde Kiew die Stadt seiner Alpträume bleiben? Mario Balotelli trat zum Elfmeterpunkt und schoss den Ball in die linke untere Ecke des Tores. Dann ballte er die Fäuste und streckte sie in den Himmel von Kiew.

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