Marcus Wedau über seine Zeit in Australien

Menschwerdung down under

Nach jahrelangem Hin- und Hergewechsel in Deutschland wagte Marcus Wedau 2006 den großen Sprung: Er ging zu Queensland Roar nach Australien. Und auch wenn er mit Kröten und Schlangen kämpfte – das Wagnis ließ ihn reifen. Marcus Wedau über seine Zeit in Australien

Es war keine Schnapsidee, keine Entscheidung, die ich plötzlich und über Nacht traf. Ich hatte schon oft den Gedanken, mal im Ausland zu spielen, und häufiger dachte ich dabei an Australien. In Australien wirst du mit Fußballspielen natürlich kein Millionär, das war mir klar. Sogar in der deutschen Regionalliga kannst du mitunter mehr verdienen. Aber ans große Geld dachte ich damals, im Frühjahr 2006, nicht – das kam an vierter oder fünfter Stelle. Ich war fest entschlossen, etwas Neues zu wagen, ich wollte etwas ausprobieren, was ich mich vorher nie getraut hätte. Man kann sagen, dass der Wechsel zu den Queensland Roars die Erfüllung eines heimlichen Traums war. Und auch eine ideelle Entscheidung.

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Der Kontakt nach Brisbane kam über den Berater von Spase Dilevski zustande, mit dem ich in der Saison 2003/04 bei Rot-Weiß Essen spielte. Die australischen Vereine scannen ja nicht gezielt den deutschen Markt nach neuen Spielern, da muss man schon eine gewisse Eigeninitiative zeigen. Ich wurde dann schnell mit den Roars einig und fragte dann beim VfL Osnabrück, meinem damaligen Verein, ob die Möglichkeit bestünde, aus meinem laufenden Vertrag raus zu kommen. Sie stimmten zu.

Als ich dann in meinem Freundes- und Verwandtenkreis erzählte, dass ich fortan in Australien Fußball spielen werde, war die Verwunderung schon groß. Ich hatte das ja immer wieder mal erwähnt, doch man erzählt ja manchmal viel... Als sie dann merkten, dass es mir ernst war mit der Entscheidung, kündigten zahlreiche Freunde, schon vor meiner Abreise, ihren Besuch an.

Die letzten Tage vor dem Umzug waren natürlich stressig, aber trotzdem hauptsächlich von Vorfreude geprägt. Ich hatte keinerlei Bedenken, keine Angst. Ich war mir ganz sicher, alles richtig gemacht zu haben. Ich kannte das Land schon ein wenig, denn ich war mit einem Freund ein halbes Jahr zuvor im Urlaub »Down Under«. Und das hat mich in der Entscheidung bestätigt. Australien übte schon damals eine ganz besondere Faszination auf mich aus.

Den Umzug und die Wohnungssuche habe ich alleine gemacht. Meine Freundin kam sechs Wochen später. Ich habe anfangs bei dem Schweizer Remo Buess gewohnt. Er spielte schon seit 2005 bei den Roars. Eine eigene Bleibe fand ich aber erstaunlich schnell. Das geht in Australien viel unbürokratischer als in Deutschland.

Die Sprache öffnet Türen. Ich finde es immens wichtig, dass man sich verständigen kann. Mein Englisch war vorher nicht überragend, es war okay. Die Australier sprechen teilweise schon ein anderes Englisch, haben natürlich einen eigenen Slang. Daher frischte ich mein Englisch in den ersten Wochen etwas auf. So kam ich problemlos auch mit Einheimischen in Kontakt und suchte – sowohl in der Mannschaft als auch fern vom Fußball – nicht nur Kontakt zu Deutschsprachigen. Und das wollte ich auch. Denn die Mentalität von Australier gefiel mir immer schon – dieses Lockere, Ungezwungene, Entspannte.

Es fiel mir aber auch nicht schwer, auf die Leute zuzugehen. Ich wurde überall mit offenen Armen empfangen. Schon in den ersten Wochen gewann ich den Eindruck, dass der Zusammenhalt ein ganz anderer ist als in Deutschland. Und dieser Eindruck sollte sich bestätigen. Es gibt weniger dieses Konkurrenzdenken und diese Grüppchenbildungen, die ich aus Deutschland gewohnt war. So entwickelten sich schnell Freundschaften.

Australien ist einerseits sehr europäisch, andererseits aber auch eine vollkommen andere Welt. Das merkt man schon beim Essen: Wie in den USA gibt es sehr viel Fastfood, kein dunkles Brot, sondern fast nur Toast. Die Bohnen zum Frühstück sind wohl ein englischer Einfluss. So sehnte ich mich manchmal nach einem deutschen Frühstück. Als wir in der Vorbereitung in den Norden in einen kleinen Ort in der Nähe des Great Barrier Reefs fuhren, wurde mir dann endgültig bewusst, dass ich ganz weit weg von zu Hause bin. Wir waren dort von einem Dorfverein zu einer Art Testspiel eingeladen – eigentlich hatte das Spiel aber eher PR-Charakter. Es war ein Abendspiel unter Flutlicht. In der Kabine hüpfte mir eine fette Kröte entgegen, und als ich das Spielfeld betrat, fielen mir die Netze auf, die weitläufig um das gesamte Spielfeld gespannt waren. Ein Mitspieler grinste und sagte: »Die sollen uns vor den Schlangen schützen, die hier vom Flutlicht angezogen werden und aufs Spielfeld drängen.«

Fußball ist in Australien im Kommen. Ähnlich wie in den USA galt Fußball in Australien lange als Mädchensport. Ein ungeschriebenes Gesetz lautete: Wer Fußball spielt, ist nicht hart genug für Rugby und Aussie Rules Football. Doch durch die Weltmeisterschaft und das gute Abschneiden der Australier ist Fußball heute mehr im Fokus. Gerade Kinder und Jugendliche haben nun Blut geleckt und die Vereine und der Verband vermarkten den Fußball schon recht professionell. Man versucht die Leute ins Stadion zu locken. Und die Zuschauerzahlen steigen stetig. Wir hatten einen Schnitt von 17.000 Besuchern pro Spiel. Das Finale der letzten Saison verfolgten 60.000 Fans. Dennoch steht Fußball in der Popularität immer noch hinter Football, Rugby und vielleicht sogar hinter Cricket. Vermutlich liegt das auch daran, dass Fußball in Australien keine Tradition hat, es gibt keine mit Europa vergleichbaren Fanstrukturen, die über Jahrzehnte gewachsen sind.

Im Gegensatz dazu steht Aussie Rules, ein Spiel, das eine über 150-jährige Geschichte hat. Aussie Rules – manche nennen es auch einfach Football oder »Footy« – ist vergleichbar mit dem American Football, da es auch mit einem ovalen Ball gespielt wird. Die Regeln sind aber vollkommen anders. Die australischen Kids lernen das Spiel schon in der Schule. Wir haben auch gelegentlich im Training Rugby oder Aussie Rules gespielt, allerdings sah ich dabei nicht besonders gut aus. Ich war auch mal bei einem Spiel, in Brisbane gibt es ein AFL- und ein Rugby-Team. Da geht es richtig hart zur Sache, und ich glaube, der Charakter und die Attitüde, die man in diesen Sportarten zeigt, überträgt sich auch auf den Fußball. Ich habe es in den Spielen der Fußball-A-League jedenfalls nie erlebt, dass jemand theatralisch zu Boden fällt, weil er leicht am Trikot gezupft wurde. In der australischen Fußballliga will sich niemand die Blöße geben. Und ich glaube, dass diese Einstellung vom Rugby und Aussie Rules rührt. Dort ist es das oberste Gebot, Stärke zu zeigen.

Wirklich Zeit, um das Land zu erkunden, hatte ich dem Jahr nicht. Durch die Spiele kommt man ein bisschen rum, doch es ist ein ähnliches Dilemma wie in Deutschland: Man sieht das Hotel und hat nach und vor dem Spiel kaum Zeit. Oftmals ist es noch extremer: Wir spielten auch in Perth, an der Westküste, und da fliegst du ja fast sechs Stunden hin. Und in Neuseeland hatten wir auch Spiele. Das war eine ähnliche Odyssee. Vor Weihnachten hatten wir mal eine Woche frei, da bin ich mit meiner Freundin zum Tauchen ans Great Barrier Reef gefahren – das war schon sehr beeindruckend. Die spielfreien Wochenenden haben wir genutzt, um mal nach Sydney oder Melbourne zu fliegen. Ab und zu hatten wir auch Besuch aus Deutschland, mein Vater war mal da, und wir erkundeten die Umgebung rund um Brisbane.



Wenn ich heute zurückblicke, vermisse ich schon ein paar Sachen. Natürlich das Wetter, aber auch die Entspanntheit der Leute, vor allem im Straßenverkehr. Ich habe das Gefühl, dass man mehr aufeinander achtet. Die Menschen gehen mit einem Lächeln durch die Straßen. Vielleicht liegt das auch an der Abgeschiedenheit des Landes. In Australien steht das Leben im Vordergrund, nicht der Besitz. Daher lebt man oft etwas einfacher, verzichtet auf das Superauto, auf die Supervilla. Dafür lebt man in Australien auch exklusiver.

Nun will ich Deutschland nicht schlecht reden, ich lebe gerne hier. Und auch in Australien ist nicht alles Gold, was glänzt. Doch ich würde jedem Profi einen solchen Schritt empfehlen. Und wenn es nicht Australien ist, dann ein anderes Land. Doch es ist auch klar: Wer in Deutschland gut im Geschäft ist, wird es gar nicht in Erwägung ziehen nach Australien zu gehen. Es ist finanziell einfach nicht lukrativ. In der A-League spielen meist solche Spieler, die zuvor in Europa in den zweiten oder dritten Ligen kickten. Oder auch solche, die längst über ihrem Zenit sind. Einige Zeit spielte etwa Romario in Adelaide. Er machte vier Spiele und schoss ein Tor. Sicher, das war eine Art Marketing-Gag. Doch auch andere ehemalige brasilianische Topstars wechselten nach Australien, zum Beispiel Juninho Paulista, der früher bei Celtic, Middlesbrough oder Atlétco Madrid spielte, und dann für den Sydney Footballclub aktiv war. Oder auch der ehemalige Porto- und Sporting-Star Mário Jardel.

Ich bin mittlerweile nach Deutschland zurückgekehrt. Es war eine Hals-über-Kopf-Heimkehr. Doch im Grunde war das alles zweitrangig. Wichtig ist, dass es meiner Tochter gut geht. Sie war der Hauptgrund für unsere Rückkehr nach Deutschland. Meine Freundin und ich wollten, dass sie in Deutschland zur Welt kommt. Und meine Freundin hat sich in dem Jahr in Australien nicht so wohl gefühlt wie ich. Daher kann ich auch nicht sagen, ob wir noch mal zurückgehen. Ich weiß aber, dass ich, wenn ich heute spontan nach Brisbane fahren würde, immer irgendwo unterkommen könnte. Und wer weiß, vielleicht fühlen wir uns eines Tages doch bereit für einen zweiten Versuch.

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