Marco Haber über seine Zeit in Zypern

Heimweh nach Famagusta

Diese Woche spielen Schalke 04 und Werder Bremen gegen Teams aus Zypern. Neben Rainer Rauffmann ist der ehemaligen Bundesligaspieler Marco Haber einer der besten Kenner des dortigen Fußballs. Hier blickt er zurück auf fünf Jahre Zypern. Marco Haber über seine Zeit in ZypernImago
Heft #74 01 / 2008
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Eigentlich wollte ich nicht nach Zypern. Ich stand damals, 2002, bei Hansa Rostock unter Vertrag. Es lief allerdings nicht gut für mich. Ich hatte Probleme mit Armin Veh, dem damaligen Hansa-Trainer, und machte in sechs Monaten nur zwei Spiele. Zudem wohnte meine Frau mit unserem Sohn noch in München – ich hatte ja zuvor in Unterhaching gespielt. Nun hatte ich Gewissheit, dass mein Vertrag in Rostock nicht verlängert werden würde. Es war eine unbefriedigende Situation.

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Eines Tages rief mich mein Berater an und erzählte mir etwas von einem Angebot aus Zypern. Klar, ich wusste wo Zypern lag, im Mittelmeer, ganz schön weit weg, in der Nähe vom Libanon. Doch ernsthaft hatte mich vorher nie mit diesem Land auseinandergesetzt. Und ganz ehrlich: Ich war alles andere als euphorisch, als schließlich das Angebot von Omonia Nikosia vor mir lag, die Idee nach Zypern zu gehen, fand ich einfach absurd. Doch der Manager von Omonia ließ nicht locker, die wollten mich unbedingt haben. Ich blockte zunächst, sagte den Verantwortlichen, dass ich etwas Bedenkzeit benötigte, ich wollte erstmal ein paar Informationen sammeln – und insgeheim hoffte ich, dass sich noch was anderes ergibt.

Es gab dann sogar die eine oder andere Option in Deutschland, doch das war alles zu unsicher. Also doch Zypern? Ich nahm dann Kontakt zu Rainer Rauffmann auf, der ja zu dem Zeitpunkt schon seit vielen Jahren auf Zypern spielte. Rainer hat mich dann etwas eingestimmt auf die Kultur, auf den Fußball, auf das Leben. Nun, skeptisch waren wir immer noch. Wir sind dann erstmal runter geflogen.

Vor Ort haben sich alle Zweifel im Nu verflüchtigt. Ich war total beeindruckt von dem Land. Kurzerhand haben wir uns dann entschieden, das Risiko einzugehen, wir wollten das »Abenteuer Zypern« wagen. Ich setzte die Unterschrift unter den Vertrag, und es ging wieder nach Deutschland.

Zurück in München standen wir plötzlich vor einem Haufen Arbeit. Wir hatten wenig Zeit den Umzug zu planen, mussten viel einlagern, und ich hatte kaum eine freie Minute, mir mal in Ruhe Gedanken zu machen, mich mal zu fragen: War das überhaupt richtig? Doch vielleicht war das ganz gut so. Wir wussten ja eh nicht, was auf uns zukommt. Bleiben wir ein Jahr? Zwei Jahre? Dass es letztendlich fünf Jahre wurden, damit hatten wir vorher nicht gerechnet.

Ich bin dann zunächst alleine nach Zypern geflogen und habe uns ein Haus in einem Vorort der Hauptstadt Nikosia gesucht. Dort blieben wir bis zuletzt.  Als ich zum zweiten Mal auf Zypern ankam, war plötzlich alles anders. Es war heiß, brutal heiß. Aber es war immer noch beeindruckend, die Landschaft, die Leute, das ganze Leben. Dabei hatte ich es mir vorher ganz anders vorgestellt. Chaotischer irgendwie. Mir gefiel gleich vom ersten Moment die Offenherzigkeit der Menschen, mir gefiel es, dass sich das Leben fast nur draußen abspielt, niemand hockt in der Wohnung, alles drängt auf die Straßen. In Deutschland hat ja jeder eine Art Nest, in das er sich zurückzieht, in Deutschland lebt man viel anonymer. Auf Zypern hingegen strahlen alle Menschen Lebensfreude aus. Für unser Familienleben war all das ideal: Das Wetter, das Meer, unser Sohn kam auf eine englische Schule. Wir konnten immer etwas unternehmen.

Mehr Freizeit als in Deutschland hatte ich allerdings nicht, man soll nicht glauben, dass Fußball auf Zypern nichts als ein Freizeitkick ist. Training war jeden Tag, eine längere Vorbereitung ist ebenso Usus. Während wir früher mit Kaiserslautern oder Unterhaching immer in den Süden geflogen sind, sind wir mit dem Team von Omonia stets vor der Hitze geflohen. Ab in den Norden.

Schon in der Vorbereitung wurde ich von der Mannschaft sehr gut aufgenommen, es war alles sehr herzlich. Auch in der Stadt wussten die Leute, wer ich bin, die waren alle gespannt. Es gab ja vorher viele Informationen über die Presse. Und ich hatte bis zuletzt stets ein gutes Verhältnis zu den Fans und zu den Einheimischen. Ich glaube, ich war schon sehr beliebt. Es lief aber auch einfach super, gleich von Anfang an. Wir wurden in der ersten Saison Meister, ich spielte gut. Auf der sportlichen Ebene konnte ich nicht klagen.

Doch im Privaten war es zunächst etwas schwieriger. Ich habe anfangs den Kontakt zu den deutschen Spielern gesucht. Stefan Brasas spielte seinerzeit auch bei Omonia Nikosia, er half mir schon bei der Haussuche. Wir unternahmen viel zu viert – Stefan mit seiner Freundin und ich mit meiner Frau. Wir waren fast ständig zusammen. Und dann wurden wir noch gemeinsam Meister. Wir hatten eine verdammt gute Zeit. Leider ging Stefan nach einer Saison wieder zurück nach Deutschland. Doch die Begegnung mit ihm war für mich die wohl wichtigste während meiner Zeit auf Zypern. Wir haben auch heute noch Kontakt. Er ist ein richtiger Freund geworden.

Holger Greilich, der auch bei Omonia spielte, ging ebenfalls schon nach kurzer Zeit wieder nach Deutschland. Ihm gefiel es auf Zypern nicht so sehr. Auch Rainer Rauffmann beendete wenige Monate, nachdem ich bei Omonia angefangen hatte, seine Karriere. Es war aber nicht so, dass wir Außenseiter waren oder fremd. Vor allem nachdem Stefan und seine Freundin zurück nach Deutschland sind, intensivierte sich unser Kontakt mit den Nachbarn, mit den Zyprioten. Heute haben wir auch viele Freunde auf Zypern, die rein gar nichts mit Fußball zu tun haben.

Doch eigentlich gibt es solche Leute recht selten – auf Zypern liebt jeder Fußball. Die Leute sind total fanatisch, wie so oft auf Inseln – ich hatte das ja bereits auf Gran Canaria bei Las Palmas kennen gelernt. Jeder, egal ob Kleinkind oder alter Mann, hat seinen Club. Man wird in seinen Verein hineingeboren – zumeist in Omonia. Jeder zweite Zypriot ist Omonia-Anhänger. Der Verein hat die größte Tradition und die meisten Erfolge. Danach kommt der große Stadtrivale Apoel.

Beide Vereine teilen sich ein Stadion, das ungefähr 23.000 Zuschauer fasst. In dem Jahr, als wir Meister wurden, hatten wir einen Schnitt von 12.000 Besuchern, wenn man ganz Zypern betrachtet, liegt der Schnitt aber wohl unter 5.000. Die Derbys gegen Apoel sind aber fast immer ausverkauft. Ich kannte das aus Kaiserslautern, da ist die Hütte ja auch immer voll, doch ich muss zugeben, dass ich vor dem ersten Nikosia-Derby richtig nervös war. Die eine Hälfte des Stadions ist komplett grün gefärbt – die Farbe von Omonia –, die andere Hälfte in orange. Und dann diese südländische Atmosphäre. Da kribbelt es natürlich schon.

Ich wechselte im dritten Jahr zu Anorthosis Famagusta. Da sind wir im ersten Jahr wieder Meister geworden. Zuletzt war ich dann bei Nea Salamis Famagusta, einem sehr kleinen Verein. Das war ein Katastrophenjahr, ein verlorenes Jahr. Schon bei den großen Vereinen läuft ja vieles sehr amateurhaft ab, aber ich habe mich mit der Zeit damit arrangiert. Bei Nea Salamis waren gewisse Strukturen und Abläufe aber nicht mehr zu ertragen. Das war mitunter schlimmer als in einem Kreisklassenverein.

Die Stadt Famagusta liegt übrigens im nördlichen Teil von Zypern, der von türkischen Truppen besetzt ist. Daher siedelte der Verein nach Larnaka um. Die Geschichte des Landes hat mich schon interessiert. Richtig tief eingestiegen bin ich aber nicht, auch wenn ich mir gerne Geschichten um den Zypern-Konflikt von Freunden und Bekannten erklären ließ. Im täglichen Leben bekommt man davon aber weniger mit. Ich habe zwar in der Hauptstadt gelebt, die ja auch zweigeteilt ist – man sieht die Grenze, gelegentlich auch UN-Blauhelme – doch es ist nicht so, dass die gesamte Stadt durch diesen Konflikt geprägt ist.

Im Nachhinein ärgert es mich etwas, dass ich kein Griechisch gelernt habe. Eigentlich ist das ja unfassbar, ich habe fünf Jahre dort gelebt. Vielleicht war ich etwas zu gemütlich, mit Englisch kommt man fast überall weiter. Aber ich hatte ja auch nicht sonderlich viel Zeit, nach dem Training oder den Spielen wollte ich Zeit mit meiner Familie verbringen und nicht noch Sprachunterricht nehmen.

Trotz der kleinen Sprachbarriere habe ich viel von der Kultur und dem Land mitgenommen. Vieles habe ich regelrecht aufgesaugt. Und es gibt auch einiges, was ich in Deutschland vermisse. Mit der Zeit habe ich auch festgestellt, dass man in Ländern wie Zypern nur glücklich werden kann, wenn man sich mit bestimmten Gewohnheiten arrangiert. Es gibt vieles, was man in Deutschland nicht kennt und was der gemeine Westeuropäer auf Dauer nicht akzeptieren will. Vor allem Dinge, die die Arbeitsmoral betreffen. Da ist vieles Laissez-Faire, oft heißt es: »Avrio, avrio!« Morgen, Morgen! Und Morgen ist dann manchmal erst nächste Woche. Das kann man natürlich disziplinlos nennen, doch es ist einfach so. Man wird es nicht ändern. Doch vielleicht ändert sich nun auch einiges: Zypern ist ja seit 2004 Mitglied in der EU. Außerdem merkt man den englischen Einfluss, die Verkehrssprache ist Englisch, und es gibt viele englischsprachige Schulen.

Gerade aufgrund dieser besonderen Mentalität schrecken wahrscheinlich viele Spieler vor einem Engagement auf Zypern zurück. Sicherlich bekommen viele Spieler Angebote oder Anfragen aus Zypern. Doch vielleicht fehlt ihnen der Mut. Viele wollen es einfach nicht akzeptieren, dass die Uhren auf Zypern anders ticken, dass da Gehälter mal verspätet gezahlt werden, dass 12 Uhr schnell mal zu 15 Uhr wird, dass vieles auf den nächsten Tag verschoben wird. Natürlich soll man nicht alles hinnehmen, doch man kann sich mit vielen Dingen arrangieren. Und man muss, wenn man sein Leben lang in Deutschland gespielt hat, einfach ein paar Abstriche in Kauf nehmen, zugleich bekommt man aber auch viel zurück.

Nach dem Jahr bei Nea Salamis Famagusta war ich mir nicht sicher, ob ich auf Zypern bleiben wollte. Das Jahr brachte einfach zu viele Enttäuschungen mit sich. Daher hoffte ich auf ein einigermaßen lukratives Angebot aus Deutschland. Ich war da aber ganz Realist, die Bundesligazeit war für mich vorbei: Denn welcher Erst- oder Zweitligaverein holt sich einen Spieler, der fünf Jahre auf Zypern spielte – somit von der Fußballlandkarte komplett gelöscht war – und mit 35 Jahren zurück nach Deutschland kommt? So freute ich mich, dass ich ein Angebot vom FSV Oggersheim bekam, einem Regionalligaverein.

Und danach? Ich habe meinen B-Trainerschein gemacht, die Ausbildung zum A-Schein folgt. Ich würde mir auch zutrauen, noch mal als Trainer zurück nach Zypern zu gehen, zumindest wenn ich ein vertrautes Trainerteam dabeihätte.

Heute habe ich übrigens mit einem Freund aus Nikosia telefoniert. Da sind immer noch 30 Grad, und die Leute suchen sich ein angenehmes Schattenplätzchen in der Altstadt von Nikosia. Und ich stehe gerade in meinem Wohnzimmer vor dem Fenster und schaue nach draußen. Es ist grau in grau.

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