ManU-Dinosaurier Alex Ferguson
26.04.2008

ManU-Dinosaurier Alex Ferguson

Der alte Erneuerer

Auch wenn seine Witze die alten bleiben und so manchem Journalisten die Schamesröte ins Gesicht treiben: Im 22. Jahr als Trainer von Manchester United überrascht Alex Ferguson immer noch mit seinen taktischen Einfällen.

Text:
Ronald Reng
Bild:
Imago
Das Leben als Trainer von Manchester United ist eine ständige Herausforderung, und so nahm Alex Ferguson auch diese schwierige Aufgabe mit Enthusiasmus an: einen Deutschen zum Lachen zu bringen. Ein Reporter, nicht ganz so blond und nicht ganz so stur wie Bernd Schuster, aber doch mit der deutschen Eigenschaft gesegnet, die Dinge sehr ernst zu nehmen, interviewte ihn. Aber die letzte Frage stellte Ferguson: »Was ist mit euren deutschen Autos los, gestern streifte ich mit meinem Mercedes eine Wand und die ganze Karre ging kaputt.« - »Sie haben Probleme mit Ihrem Auto?«, stammelte der Gegenüber. »Nein«, seufzte Ferguson, »ich wollte nur einmal Dein Lachen sehen.«



Keiner lacht so breit wie er


Elf Jahre ist das her. Die Erinnerung kam in der Mittwochnacht nach dem 0:0 zwischen dem FC Barcelona und Manchester United im Hinspiel des Champions-League-Halbfinals zurück. Ferguson saß in der Pressekonferenz, und der Übersetzer erschien nicht. Der Spanien-Korrespondent des Guardian sprang spontan ein. Konzentrierte Stille ergriff den Saal, alles wartete auf die ersten Worte des Trainers. Ferguson nickte dem Übersetzer lächelnd zu und sagte ernst: »Du gefällst mir nicht.« Wenige im Saal lachten so breit wie Ferguson selbst.

Im 22. Jahr macht der Schotte Ferguson bei United seine Witze, ein einsamer Rekord an Beständigkeit. Um so beeindruckender ist es, diese Saison zu sehen, dass Ferguson mit 66 und dem ewig gleichen herben Humor sich als Trainer taktisch gravierend erneuert hat. Er schien sein Spielsystem schon in den Achtzigern gefunden zu haben. Die Jahre und die Spieler gingen ins Land, aber sein United blieb: ein Team in der 4-4-2-Formation, das wuchtig über die Flügel angriff.

Im 22. Jahr aber ist United nun Erster in England, Favorit in der Champions League und ein Vorbild für moderne Vielseitigkeit. Permanent variiert Ferguson zwischen drei Spielsystemen. Leider wählte er in Barcelona das langweiligste, ein defensives 4-5-1 mit Cristiano Ronaldo als alleinigem Stürmer. So schrieen 100 000 im Camp Nou vergeblich nach einer großen Nacht.

Am Ende rief nur noch Uniteds Owen Hargreaves nach Gottes Sohn. »Jesus!«, entfuhr es dem langjährigen Profi von Bayern München, als er auf dem Heimweg im Kabinengang im Ronaldo-Stau steckenblieb. Umringt von Massen an Massenmedien, erklärte Cristiano Ronaldo das Mini-Drama des Abends.

Sein Elfmeter hatte nach zwei Spielminuten das Tor verfehlt und war in die Dunkelheit entschwunden. »Manchmal triffst du, manchmal nicht, kein Problem, amigo«, sagte der Portugiese, der besser Spanisch als Englisch sprach, obwohl er noch nie in Spanien lebte, aber schon fünf Jahre in Manchester wohnt.

Barca auf dem Weg der Besserung


Die Versuchung für Fachleute ist immer da, solch ein intensives 0:0 als exzellentes Muster an Taktik und Tempo zu preisen. Auch diese Partie hatte was, die angedeutete Rückkehr von Barças totalem Pressing und Passspiel (das im Sturm allerdings weiterhin stottert), die Autorität von Barças Yaya Touré im Mittelfeld, die Synergie zwischen Uniteds Abwehr und Mittelfeld beim Verteidigen oder die absolute Dominanz des Flachpasses im Team des ehemaligen Flanken-Fanatikers Ferguson.

Die erste Flanke des Spiels schlug der emsig als Aushilfs-Außenverteidiger rackernde Hargreaves zwei Minuten vor Ende. Doch letztlich blieb es ein Hinspiel - die risikoarme Suche nach einer Startposition für die Entscheidung nächsten Dienstag in Manchester.

In seiner neuen Rolle als permanenter Erneuerer hatte sich Ferguson diesmal die Überraschung ausgedacht, den Weltklassestürmer Wayne Rooney im rechten Mittelfeld aufzustellen. Das Gerede, das heutige Profis in jeder Position spielen können, ist schön und gut. Doch in Wahrheit war Rooney auf fremdem Terrain so bieder wie verschenkt. Ronaldo blieb im Sturm isoliert.

Im Rückblick, werden auch solche mäßig gelungenen Taktikmanöver glorifiziert werden, falls Fergusons Altersbeweglichkeit nun den Erfolg bringt, der greifbar ist. Am Samstag naht in der Premier League im Duell Zweiter gegen Erster beim FC Chelsea die Entscheidung. In Barcelona ging Ferguson neben seinem Assistenten Carlos Queiroz zum Bus.

Ein paar Reporter baten Queiroz noch um einen Kommentar, doch er antwortete nur kurzatmig und rief dann hypernervös: »Jungs, ich muss gehen!« Denn der Assistenztrainer wusste: Dass andere die Sprüche bei United machen, findet Alex Ferguson auch im 22. Jahr gar nicht witzig.

Dieser Artikel erschien im Internetportal DerWesten

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