Manni Kastl im Interview

»Happel war wirklich witzig!«

Nach nur sechs Jahren in der Bundesliga hängte Manni Kastl mit 27 seine Schuhe an den Nagel. Fortan beutelte ihn das Schicksal. Wir sprachen mit Kastl übers Pokern, das anstehende Insolvenzverfahren und Ernst Happel. Manni Kastl im Interviewimago

Manfred Kastl, wie geht’s Ihnen?

Es ging mir schon besser. Sie wissen ja vermutlich, was gerade los ist.  

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Zuletzt war zu lesen, Sie hätten Ihr Vermögen verspielt.  

Das stimmt so nicht. Es ist eine Verkettung von vielen Geschichten und Schicksalsschlägen. Ich gebe Ihnen mal einen kurzen Abriss: 1992 habe ich mit dem Fußball aufgehört, zwei Jahre später baute ich dann mein Hotel in ein Pflegeheim um, weil meine Mutter an Krebs erkrankt war. 1998 haben meine Frau und ich uns scheiden lassen, doch es war zunächst kein Geld da, um diese Scheidung zu bezahlen. Und 2004 hatte ich als Beifahrer einen schweren Autounfall. Der Fahrer steuerte das Auto gegen einen Baum, ich lag mehrere Wochen im Koma. Von der Versicherung kriege ich bis heute aber kein Schmerzensgeld. Über mein Vermögen ist Anfang 2008 ein Insolvenzverfahren eröffnet worden.  

Und nun klagen Sie an?

Ach, wissen Sie: Ich sage nicht, dass ich alles richtig gemacht habe in meinem Leben. Doch gewisse Dinge werden einfach falsch dargestellt. Ich habe das Pflegeheim, mit dem ich Geld verdiene, habe aber zugleich ein privates Schicksal, das dieses Geld auffrisst.

Warum wurde die Insvolvenz denn ausgelöst?
 
Ich musste Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Und konnte es nicht.

Die Banken wollen Ihnen nun kein Geld geben?

Nein. Nicht mal meine Hausbank, der ich bis zum Tag der Isolvenz keinen einzigen Cent schuldig geblieben bin. Dabei habe ich stets alle, wirklich alle Raten pünktlich bezahlt.

Welchen Grund gibt die Bank an?

Haben Sie meinen Namen mal gegoogelt?

Natürlich.

Es gibt unzählige Einträge und Berichte über meine Poker-Leidenschaft. Und ja, es stimmt, ich habe eine zeitlang gepokert. Am Anfang war das ein reines Hobby von mir, dann lud man mich zu einem Poker-Turnier ein. Ich hatte Glück und gewann. Die folgenden Turniere wurden im Fernsehen übertragen und plötzlich war mein Name fest mit dem Poker-Sport verbunden. Und plötzlich hieß es, ich würde mein Geld beim Pokern verspielen.

Das stimmt nicht?

Nein. Das sind ja keine illegalen Glückspielturniere. Das sind offizielle Pokerturniere gewesen, da spielt man gegen eine kleine Startgebühr mit und gewinnt, wenn man Glück hat,  Sachpreise oder kleinere Geldbeträge. Doch sein Haus und Hof kann man da sicherlich nicht verspielen. Im Übrigen spielen da auch Anwälte und Banker mit, also genau die Leute, die mir nun misstrauen. Sie stufen mich aufgrund dieser Poker-Spielerei als kreditunwürdig ein.

Pokern Sie heute noch?

Selten. Vielleicht mal, wenn ich irgendwo eingeladen werde. Das ist schade, denn Poker war eine Art Hobby. Ich gehe ja auch mal ins Kino, ins Schwimmbad. Das sind Dinge, die zu meiner Lebensqualität beitragen.

Um Hilfe bei ehemaligen Mitspielern oder Managern bitten Sie nicht?

Nein, ich wollte das immer alleine schaffen. Das rührt von früher – schon in meiner Jugend hat mir nie jemand einen roten Teppich ausgebreitet.

Ihre Eltern haben Sie nicht in Ihrem Wunsch unterstützt Fußballprofi zu werden?

Finanziell fehlten ihnen die Mittel. Zudem hat es meine Eltern anfangs weniger interessiert – zumindest bis zu dem Zeitpunkt als ich Profi wurde. Ich kam ja aus recht einfachen Verhältnissen...

Ihr Vater war Flachdachisolierer, Ihre Mutter Schweißerin...

Richtig. Ich musste mir anfangs durch Nebenjobs selber meine Fußballschuhe und Trainingsanzüge verdienen. Während andere Kinder in Adidas-Trikots zum Training gefahren wurden, kam ich – ganz egal ob der Platz 20 oder 30 Kilometer entfernt war – mit dem Bus oder der Straßenbahn.

Und ohne Adidas Trikot.

Meine Trikots hatten nur zwei Streifen und waren von »Quelle«. Ganz klar, Kinder wie ich waren eher Außenseiter. Doch für mich zählten eh immer andere Dinge. Ich sagte mir stets: Es gibt Wichtigeres als den dritten Streifen. Was zählt ist, wie gut du Fußballspielen kannst.

Diese Außenseiterrolle hat Sie angespornt?


Genau. Und ich bin durch diese Erfahrungen bis zuletzt bodenständig geblieben.

Was war das eigentlich für ein Gefühl, als Mitte der 80er Jahre – Sie waren 20 Jahre alt – der große HSV bei Ihnen anfragte?

Ich hatte vorher schon Probetrainings bei Bayreuth und Waldhof Mannheim gemacht. Ich war auf dem Weg, das wusste ich. Ich hatte eine Menge Tore für Fürth gemacht und es war zu dem Zeitpunkt für mich nicht so ungewöhnlich, dass ein Erstligaverein bei mir anklopfe. Dennoch: Es war natürlich ein großer Schritt für mich.  

Sie spielten beim HSV mit Größen wie Dietmar Jakobs, Manni Kaltz oder Uli Stein. Wie empfing man Sie?


Ich wechselte zum HSV, als dort eine Art Umbruch stattfand. Die junge Garde kam – Thomas von Heesen oder ich. Die alten HSV-Spieler nahmen das zur Kenntnis und zeigten sich wirklich offen. Sie nahmen mich gut auf.

Zudem waren es die letzten beiden Jahre von Grantler Ernst Happel.

Das stimmt. Er war im Spielerkreis übrigens nicht dieser Grantler. Nach außen bewahrte er ein Image – das Image des miesgelaunten Denkers. Doch im inneren Kreis hatte Happel durchaus etwas Lustiges an sich.

Kaum vorstellbar.

Sein subtiler Witz und Wiener Schmäh passten vielleicht nicht in das gängige Bild des deutschen Humors. Doch Sie können mir glauben: Happel war wirklich witzig! Natürlich war er auch dieser Disziplinfanatiker, den man aus den Medien kannte. Daher kam er mit Spielern wie Schatzschneider oder Wuttke überhaupt nicht zurecht.

Und mit Ihnen?

Wir hatten eigentlich nie Probleme.

Nach 37 Spielen und 17 Toren verließen Sie den HSV aber. Waren die Erwartungen des HSV höher? Suchte man beim HSV immer noch nach dem legitimen Hrubesch-Nachfolger?

Der HSV hatte damals finanzielle Probleme. Es mussten Spieler verkauft werden. Auf der Liste standen Kastl und Beiersdorfer ganz oben. In Leverkusen bekamen Michael Meier und Reiner Calmund davon Wind. Ich wollte eigentlich gar nicht weg, ich fühlte mich ja pudelwohl in Hamburg. Doch Meier und Calmund riefen dann an und machten mir die Sache schmackhaft.

Das Image von Bayer Leverkusen war damals nicht das beste. Was sprach für einen Wechsel?

Darüber dachte ich gar nicht nach. Klar, der Klub war als der »Pillen-Klub« verschrien, doch die Mannschaft wurde 1988 Uefa-Pokal-Sieger. Dann kam Rinus Michels und zeitgleich...

...drehte sich in Hamburg das Trainerkarussel.

Genau. Nach Happel kamen Willi Reimann, Volker Schock und Josip Skoblar. Dr. Klein war nicht mehr Präsident. Gewisse Größen, die vorher das Zepter beim HSV schwangen, waren plötzlich nicht mehr da. Und vor diesem Hintergrund war ein Wechsel im Grunde die richtige Entscheidung. Auch wenn mir die Stadt und die Leute sehr ans Herz gewachsen waren.

Wenn Sie auf Ihre aktive Zeit zurückblicken: Gibt es dort Momente, die sich häufig vor Ihrem geistigen Auge wiederholen?

Das DFB-Pokal-Endspiel 1987 mit dem HSV war schon ganz besonders. Auch weil ich 90 Minuten auf dem Platz stand. Wir gewannen 3:1. Zwar hieß der Gegner Stuttgarter Kickers – es war dieses typische Spiel »David gegen Goliath« –, doch gegen diesen David, der zuvor die Bundesligisten Eintracht Frankfurt und Fortuna Düsseldorf ausgeschaltet hatte, musste man auch erstmal gewinnen. Schöne Erinnerungen habe ich auch an den letzten Spieltag der Saison 1992. Wir wurden mit dem VfB in letzter Sekunde Deutscher Meister. Frankfurt hätte nur in Rostock gewinnen müssen...

Der Eintracht wurde ein Elfmeter verweigert.

Das stimmt. Und wenn man sich die Fernsehbilder anguckt, muss man zugeben: Das war einer.

Ihre kurze Karriere war aber nicht nur von solchen erfolgreichen Momenten geprägt. Sie klopften zum Beispiel immer wieder an die Tür der Nationalmannschaft, durften aber nie eintreten. Warum?


Ich machte unter Berti Vogts mehrere Länderspiele für die U21. 1988 hätte ich mein Debüt in der A-Nationalmannschaft in einem Spiel gegen Dänemark geben sollen, doch ich verletzte mich am Knie.

War die Verletzung auch der Grund für Ihr frühes Karriereende?

Nein. Ich erholte mich bald wieder. Und spielte dann ja noch beim VfB Stuttgart. Und nachdem mein Vertrag in Stuttgart ausgelaufen war, hatte ich Anfragen von Chelsea London und Hertha BSC vorliegen, doch Dieter Hoeneß, der damalige VfB-Manager, hatte die Ablöse für mich auf 1,5 Millionen Mark festgelegt. Viel zu hoch! Die Gespräche mit den interessierten Vereinen kamen jedes Mal, wenn diese Summe genannt wurde, zu einem raschen Ende.  

Sie reden heute verbittert über Dieter Hoeneß.

Das Verhältnis ist auch nicht mehr zu kitten. Der Mann tut einfach Dinge, die er bei anderen verurteilt. Doch was soll ich jetzt andere Fässer aufmachen oder wild herumbrüllen? Ich habe selber genug Probleme und will nicht für alles, andere verantwortlich machen. De facto war aber auch aufgrund dieser Ablöse meine Karriere zu Ende.  

Schwer zu glauben.

Nun, ich sage nicht, dass dies der einzige Grund war. Ich habe bestimmt auch viele falsche Entscheidungen getroffen. Das lag vielleicht auch an meiner juvenilen Naivität, an Unwissenheit. Doch wie heißt es: Unwissenheit schützt vor Strafe nicht. Wie schon gesagt: Ich eröffnete ein Pflegeheim und kümmerte mich vornehmlich um meine Mutter. Zugleich hörte ich auf, professionell Fußball zu spielen. Heute würde ich sagen, ich hätte beides machen können: Fußball spielen und ein Pflegeheim eröffnen.

Hatten Sie keine Berater?

Nein, damals war das nicht üblich. Viele Spieler waren ihre eigenen Berater. Die Spielergeneration der 70er und 80er Jahre war oftmals auf sich allein gestellt. Namen wie Gerd Müller oder Eike Immel dienen ja als die idealen Beispiele.

Dennoch: Sie verdienten damals auch überdurchschnittlich. Braucht man wirklich einen Berater, der einem sagt: »Aber nicht sofort alles verjubeln!«?

Das Gehaltsgefüge war nicht vergleichbar mit heute, aber es stimmt, das Gehalt war schon hoch. Doch der Umgang mit diesem Geld wurde niemandem beigebracht. Erinnern Sie sich nur an diese so genannten Bauherrenmodelle. Was da für Geld hinein gesteckt wurde – ohne dass die Spieler den blassesten Schimmer vom Geschäft gehabt hätten.  

Sind Sie neidisch auf die heutige Spielergeneration?


Nein. Ich gönne es den Spielern, der Markt gibt die Gehälter ja her. Es ist okay so. Und fast jeder Bundesligaspieler, der heute mit einem durchschnittlich dotierten Fünfjahresvertrag ausgestattet ist, wird vermutlich ausgesorgt haben. Früher sagte Manni Kaltz immer: »Wenn du vom Geld, das du als Fußballprofi verdienst, später noch leben willst, dann musst du mindestens zwölf Jahre gespielt haben.« Sich auf seinem Geld ausruhen, das konnten damals vielleicht eine Handvoll Spieler.

Wann können Sie sich endlich wieder ausruhen?

Ich hoffe bald. Ich habe jetzt einige Termine. Ich habe die Hoffnung nicht aufgegeben, dass eine Bank mir vertraut. Vielleicht findet sich ja auch eine Art Sponsor. Und ich hoffe, dass ich eines Tages vielleicht wieder in das Fußballgeschäft zurückkehre. Als Trainer, als Scout, ganz klein wieder anfangen. Das wäre ein Traum.

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