Manni Breuckmann über den Spieler der Saison

Ein Angreifer der Sonderklasse

Wenn am Freitag im Hamburg »Die 11«, der hübsche Preis der 11FREUNDE-Redaktion, an ausgewählte Fußballer, Trainer, Fans und Manager vergeben wird, steht er ganz oben auf dem Podium: Marco Reus. Eine Laudatio von Manni Breuckmann.

Illustration: Bartosz Kosowski
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Schwer zu sagen, in welchem Spiel der abgelaufenen Saison mich Marco Reus am meisten begeistert hat. In den Spitzenspielen gegen den FC Bayern? Oder wird doch vor allem sein rauschhafter Auftritt gegen Werder Bremen in Erinnerung bleiben, als Reus drei von fünf Toren schoss, eines schöner als das andere? Nein, diese Spielzeit war das Gesamtkunstwerk eines Spielers, der in den letzten zwei Jahren eine wirklich atemberaubende Entwicklung gemacht hat. Als hängende Spitze, als kongeniales Duo mit Mannschaftskollege Mike Hanke, als Spielgestalter und kaltblütiger Torjäger war er die Überraschung der Bundesliga schlechthin.

Dass Borussia Mönchengladbach, just erst knapp dem Abstieg entronnen, zwischenzeitlich sogar für den Meistertitel in Frage zu kommen schien und nun tatsächlich hoffen darf, nächstes Jahr in der Champions League zu spielen, war natürlich der Erfolg einer über sich selbst hinauswachsenden Mannschaft und des umsichtigen Trainers Lucien Favre, wurde aber ebenso völlig zurecht an Marco Reus festgemacht, der der Dynamik und der Kombinationsfreude des Gladbacher Spiels die nötige Struktur und Effektivität gab.

Reus ist Weltmeister des Doppelpasses

Das Spiel des Marco Reus ist dabei auch Ausweis eines erfreulichen Trends. Nämlich, dass immer mehr Mannschaften ihr Heil in der Offensive suchen, anstatt an der perfekten Verteidigung zu werkeln. Die herausragenden Vertreter dieses neuen Angriffsgeistes waren in der abgelaufenen Saison Borussia Mönchengladbach und Borussia Dortmund, der bisherige und der künftige Klub von Marco Reus. Beide Mannschaften verteidigen aggressiv nach vorne, wollen sich verlorene Bälle rasch und energisch zurückholen. Um sie dann Spielern wie Marco Reus zukommen zu lassen, die Bälle in hohem Tempo annehmen, weiterleiten und verwerten können. Er ist ein Weltmeister des Doppelpasses, seine Kombinationen mit Mike Hanke sind wunderschön anzuschauen – und er schießt aus allen Lagen aufs Tor. All das macht Marco Reus zu einem Angreifer der Sonderklasse.

Zu Reus Entwicklung hat sicher beigetragen, dass er trotz seines jungen Alters auch schon die Tiefen des Fußballgeschäfts kennengelernt hat. Bis zur U 17 wurde er bei seinem Stammverein Borussia Dortmund als Talent mit großer Perspektive gehandelt und fand sich plötzlich, nach zehn Jahren beim BVB, in der zweiten Mannschaft des Provinzklubs Rot Weiss Ahlen wieder, die vor ein paar hundert Zuschauern in der Oberliga kickte. Später, nun schon in der Bundesliga, wandelte er mit Borussia Mönchengladbach eine Saison lang am Abgrund zur zweiten Liga. Das hat ihn abgehärtet und ihm zugleich einen realistischen, einen unsentimentalen Blick auf die Dinge verschafft. Er hat in dieser Zeit begriffen, dass im Fußballgeschäft auch großen Talenten nichts zufliegt und dass nur der Erfolg haben wird, der hart an sich arbeitet. Nur ein Ausweis für diese harte Arbeit sind die sechs Kilo Muskelmasse, die Reus zugelegt hat und die sein Durchsetzungsvermögen entscheidend verbessert haben.

Nach dem Tritt von Jones schwieg er einfach

Reus ist darüber hinaus aber auch ein echter Sportsmann. Als ihm der Schalker Jermaine Jones im Pokalspiel im Dezember 2011 auf den ohnehin schon lädierten Fuß trat, schäumte der Boulevard und erwartungsfroh reckten die Reporter ihm nach dem Spiel die Schaumstoffmikrofone entgegen. Doch wo viele die Gelegenheit zum verbalen Infight genutzt hätten, schwieg Reus, wohl auch, weil er sich wirklich so sehr für den Sport und wenig für das mediale Theater drum herum interessiert. Überhaupt ist Marco Reus ein angenehm unkomplizierter Charakter, intelligent und selbstbewusst, zugleich aber auch sensibel genug, um nicht wie mancher Berufskollege bei jeder sich bietenden Gelegenheit anzuecken. Ein Musterprofi im besten Sinne.

Dass Reus nun zu Borussia Dortmund zurückkehrt, ist die richtige Entscheidung, auch wenn er womöglich bei der Borussia ein bisschen weniger Geld verdient als beim FC Bayern. Es ist die richtige Entscheidung, nicht einmal unbedingt, weil er in Dortmund geboren ist und die Jugendmannschaften des BVB durchlaufen hat. Man kann schließlich auch weitab des ersten Bolzplatzes glücklich werden. Sondern weil er bei der Borussia die besten Bedingungen vorfindet, um sich weiterzuentwickeln. Wie Lucien Favre in Gladbach, der ihn aufgebaut, seine Talente gefördert und ihm Verantwortung gegeben hat, ist auch Jürgen Klopp ein Coach, der einen besonderen Zugang zu den Spielern besitzt, der zudem eine klare Vorstellung davon hat, welche Rolle Marco Reus in der nächsten Saison in der Dortmunder Meistermannschaft spielen soll. Dass die Borussen auch im nächsten Jahr in der Champions League spielen und sich diesmal vielleicht ein bisschen geschickter anstellen werden, wird Reus’ Entscheidung für Dortmund sicher nicht abträglich gewesen sein. 

Reus hat das Zeug zum Weltklassespieler

Vielleicht, eigentlich sogar ziemlich sicher, wird auch Dortmund nur eine Zwischenstation für Marco Reus sein. Er hat das Zeug zum Weltklassespieler. Und wenn er, um eine alte Floskel zu bemühen, von Verletzungen verschont bleibt, kann er seinen Blick bald über die Bundesliga hinaus richten, nach England und Spanien. So wie es Mesut Özil und Sami Khedira vorgemacht haben.

So lange dürfen sich  BVB und Bundesliga an einem Ausnahmespieler erfreuen, den die Jury völlig zu Recht zum Spieler der Saison gekürt hat. 

PS: Der Mann hat Geschmack. Sein Lieblingsitaliener ist auch der meine, »Michelangelo« in Mönchengladbach. Ich las allerdings auch, sein Lieblingsgericht sei Gulasch mit Rotkohl und Kartoffelpüree. Zumindest hier ist also noch ein klein wenig Luft nach oben.

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