Manchester Uniteds Goldene Generation

Die Klasse von 1992

Anfang der 90er brachte Manchester Uniteds Jugendabteilung einen Jahrgang hervor, der bis jetzt einmalig ist. Was aus Beckham, Scholes oder Giggs wurde, weiß heute jeder. Was aber geschah mit George Switzer? Eine Spurensuche. Manchester Uniteds Goldene GenerationManchester Evening News
Heft #64 03 / 2007
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1992 war ein schreckliches Jahr für den englischen Fußball. Nachdem die Europameisterschafts-Endrunde in Schweden mit zwei torlosen Remis gegen Dänemark und Frankreich begonnen hatte, musste England im dritten Spiel gegen den Gastgeber unbedingt gewinnen, um noch ins Halbfinale einzuziehen. Beim Stand von 1:1 unternahm Trainer Graham Taylor einen letzten verzweifelten Versuch, den Sieg zu sichern und wechselte den in die Jahre gekommenen Stürmerstar Gary Lineker aus. Es sollte Linekers letztes Spiel in der Nationalmannschaft gewesen sein. Seine Körpersprache, als er vom Feld trottete, sprach Bände: Frustration, Enttäuschung und Wut nach einem weiteren missglückten Turnier. Kurz darauf schoss Tomas Brolin das 2:1 für Schweden und England war Gruppenletzter. Twenty-six years of hurt, und keine Besserung in Sicht.

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Im Klubfußball stellte sich die Lage nicht wesentlich anders dar. Der Hooliganismus, die jahrelange Verbannung aus Europa nach der Heysel-Katastrophe und sinkende Zuschauerzahlen hatten dazu geführt, dass internationale Stars die italienische und spanische Liga als Betätigungsfeld bevorzugten. Die Lage war so kritisch, dass der englische Fußballverband beschlossen hatte, eine unabhängige 1. Liga zu installieren, die Premier League. Ein Experiment, von dem keiner wusste, wie es ausgehen würde.

Im gleichen Jahr wurde auf dem Trainingsgelände »The Cliff« im Süden Manchesters ein Jugendteam gedrillt, das etwas Besonderes zu werden versprach. »Zu jener Zeit produzierte der Fernsehsender Granada alle Klubvideos für Manchester United«, erzählt Alistair Mann, der für Granada als Reporter arbeitete. »Wir sprachen oft mit dem Personal und mit Alex Ferguson, und wir bekamen immer wieder zu hören, dass dieser Jahrgang anders als die anderen sei.« Das Gerücht verbreitete sich schnell in der Gegend um Manchester. »Ich kann mich erinnern, dass viele hundert Zuschauer zu unseren Spielen kamen«, sagt Gary Neville, »die Leute hatten offenbar gehört, dass wir einen sehenswerten Fußball spielen.«

Als die Mannschaft im Finale des FA Youth Cup stand, kamen zum Rückspiel in Old Trafford fast 20 000 Menschen. Alle hofften, ein Versprechen auf die Zukunft erleben zu dürfen. Im Tor stand Kevin Pilkington, die Abwehr bestand aus John O’Kane, Gary Neville, Chris Casper sowie einem rothaarigen Linksverteidiger namens George Switzer. In Mittelfeld und Sturm wimmelte es von begabten Technikern. Außen spielten Keith Gillespie und Ben Thornley, im zentralen Mittelfeld lieferten David Beckham und Nicky Butt glaubwürdige Imitationen von Glenn Hoddle und Bryan Robson. Vorne vollführten zwei walisische Zauberer, Ryan Giggs und Robbie Savage, ihre Kunststücke. Paul Scholes saß damals noch meist auf der Bank, er hatte in seiner Jugend Probleme mit seinen Knien und den Bronchien. Phil Neville, Garys jüngerer Bruder, spielte im Jahrgang darunter.

Das Team schaffte etwas, was keinem anderen bis dahin gelungen war

Trainer der Mannschaft war Eric Harrison. »Die Busby Babes waren fantastisch«, sagt er, »aber sie konnten ihr Potenzial wegen des Flugzeugunglücks 1958 in München nie ausschöpfen. Die Mannschaft von 1992 war ein fantastischer Haufen, die Spieler waren nicht nur technisch stark, sondern auch mental.« Das Team schaffte etwas, was keinem anderen bis dahin gelungen war: das Triple aus dem Gewinn der Lancashire League One, des Lancashire Youth Cup und des FA Youth Cup. Auf den Bildern von der Pokalübergabe und dem obligatorischen Siegestanz kann man eine Elf sehen, die manche für die beste Juniorenmannschaft aller Zeiten halten. Natürlich war auch die Ajax-Generation mit Kluivert, Seedorf, Overmars und den Brüdern de Boer fantastisch, gleiches gilt für das jugoslawische Team, das 1987 die Junioren-WM gewann und dem unter anderem Šuker, Prosinečki, Boban und Jarni angehörten. Doch was die Zahl der späteren Titel, internationalen Berufungen und Spiele auf höchstem Niveau angeht, kann es niemand mit Uniteds Klasse von 1992 aufnehmen.

Im November 1986 wurde Alex Ferguson Trainer bei Manchester United. Ferguson, der in Glasgow geboren wurde und als Coach des FC Aberdeen den Europapokal der Pokalsieger gewann, hatte ein hartes Stück Arbeit vor sich. Seit 1967, als Matt Busby noch im Amt war, war kein Titel mehr an United gegangen. Busbys fünf Nachfolger hatten zusammen gerade mal drei Siege im FA Cup errungen. Gleichwohl zählte ManU noch immer zu den berühmtesten Vereinen der Welt. Das lag zum einen an der besonderen Aura, die den Klub seit dem Flugzeugabsturz 1958 in München umgab, als acht der berühmten »Busby Babes« auf dem Rückweg von einem Europapokalspiel in Belgrad ums Leben gekommen waren. Außerdem stand United im Ruf, treue Fans zu haben und einen offensiven Fußball zu bieten. Fergusons Aufgabe war es nun, dem guten Leumund nationale und internationale Titel hinzuzufügen.


»Ich bin in einem Saufklub gelandet«

Sein größtes Problem waren die Spieler, die er übernehmen musste. Es gab zweifellos begabte Fußballer wie Bryan Robson, Norman Whiteside, Mark Hughes, Kevin Moran und Paul McGrath. Aber wie Ferguson bald feststellen musste: »Ich bin in einem Saufklub gelandet, nicht in einem Fußballverein.« Bald versuchte der Coach zwei der schlimmsten Hallodris, McGrath und Whiteside, zu verkaufen, doch das Interesse an den launischen Iren hielt sich in Grenzen. Überdies stand wegen der Erfolglosigkeit der vergangenen Jahre nur wenig Geld für Einkäufe zur Verfügung. Fergusons Möglichkeiten waren also ziemlich begrenzt.

So setzte er von Beginn an auf junge Spieler. Denn es schien leichter, Jugendliche zu erziehen, als mit den eingeschliffenen Gewohnheiten älterer Akteure fertig zu werden. Seine Zeit in Aberdeen hatte Ferguson außerdem gezeigt, dass der Nachwuchs aus den eigenen Reihen einen besseren Teamgeist und größere Loyalität zum Verein entwickelte. Ferguson war noch nicht lange in seinem neuen Amt, als er zur Qualität der Jugendarbeit unter dem vorigen Trainer Ron Atkinson befragt wurde. Die Antwort fiel barsch aus: »Welche Jugendarbeit? Alles, was er hinterlassen hat, war ein Haufen Scheiße.«
»Als Alex Ferguson zu United kam, wollte er das Gleiche wie in Aberdeen machen«, erinnert sich Eric Harrison. »Wir saßen in seinem Büro und ich sagte: ›Ich weiß, was ich tue, ich habe Spieler wie Mark Hughes und Norman Whiteside hervorgebracht.‹ Aber er wollte mehr und hat die Sache auf seine eigene, ganz besondere Art in die Hände genommen.«

Besonders besorgt war Ferguson darüber, dass der Lokalrivale City mehr Scouts in der Stadt hatte und alle wichtigen Jugendorganisationen unterwandert zu haben schien. Ferguson verdreifachte die Zahl der United-Scouts in Manchester und rekrutierte weitere für ganz Großbritannien. Die Nachwuchsarbeit bei United zu verbessern wurde zu Fergusons Kreuzzug, und wann immer es ihm möglich war, half er dabei, Spieler persönlich abzuwerben. »Oft besuchte er die Eltern von interessanten Leuten zuhause«, sagt Harrison. »Das erste, was er sagte, war: ›Vertrauen Sie mir, Ihr Sohn wird bei mir die beste Lehrzeit erhalten, die man sich vorstellen kann.‹ Das zweite: ›Wenn Ihr Junge gut genug ist, verspreche ich Ihnen, dass er eine Chance in der ersten Mannschaft bekommen wird.‹ Und er hielt sein Versprechen.«

Für einen Verein, dessen Personalpolitik zuletzt nicht gerade von Kontinuität geprägt war, bedeutete dies fast eine Revolution. Nicky Butt und Ryan Giggs, die zunächst für Manchester City spielten, aber noch keine Profiverträge unterschrieben hatten, kamen rasch von den Blauen zu den Roten. Beide waren von Kindesbeinen an Fans von United. Dass Fergie sie persönlich bat, reichte ihnen, um den Verein zu wechseln.

»Bring du mir das Rohmaterial, dann bring ich dir die Spieler«

Doch Ferguson beschränkte sich nicht auf die Umgebung von Manchester. David Beckham wurde in Leytonstone im Osten Londons entdeckt, Robbie Savage kam aus Wrexham, Keith Gillespie aus Belfast. »ManU hatte eine Fußballschule in Belfast«, sagt Gillespie, der damals 16 Jahre alt war, »und ein Scout lud mich ein, dort an einem Jugendturnier teilzunehmen. Ich wusste es damals nicht, doch Alex Ferguson kam nur wegen mir dorthin, und nach dem Turnier haben wir uns getroffen. Ich war schon immer United-Fan, deshalb war es kein schwerer Entschluss, als sie mich fragten, ob ich nach Manchester ziehen und in der Juniorenmannschaft spielen wollte.« Die Talente strömten nun also in den Verein, jetzt mussten sie nur noch geformt werden. »Als Alex und ich dieses Treffen hatten«, erzählt Eric Harrison, »sagte ich zu ihm: ›Bring du mir das Rohmaterial, dann bring ich dir die Spieler.‹«

Harrison führte das erfolgreiche Nachwuchsteam mit harter Hand, und fast alle Spieler liebten ihn dafür. Als er bei United aufhörte, bekam er eine Golftasche, in deren Seitentaschen jeder seiner Schützlinge 2000 Pfund in bar gesteckt hatte. »Er war ein großartiger Trainer«, sagt Keith Gillespie, »und er ähnelte Alex Ferguson in dem Sinne, dass er sehr hart, aber auch gerecht war. Man wollte auf keinen Fall bei ihm in Ungnade fallen. Wenn wir siegten, geizte er nicht mit Lob, aber wenn wir verloren oder schlecht spielten, schimpfte er mächtig und ließ uns wissen, dass wir noch überhaupt nichts erreicht hatten.«

Wenn er ›Hüpfen!‹ sagte, antworteten sie ›Wie hoch?‹


Harrison gibt zu, dass er es liebte, den Jungs Feuer zu machen: »Das Wichtigste in diesem Alter ist nicht die Qualität des Spielers. Die größte Herausforderung besteht darin, den Anforderungen psychisch gewachsen zu sein.« Neil Whitworth, damals Kapitän von Uniteds Reserve, weiß, dass sich hinter diesen Worten noch ein paar andere Dinge verbergen. Er sagt: »Ferguson führte, indem er einem Angst machte. Erwachsene mögen es nicht, wenn man sie anschreit. Mit jungen Spielern, die noch auf dem Weg nach oben sind, kann man das machen. Ich erinnere mich, wie Danny Wallace und Ferguson einmal nach dem Training in der Umkleide gestritten haben. Ferguson sagte Wallace, er solle sich zum Teufel scheren, Wallace sagte das gleiche. Da warf sich Ferguson auf Wallace und andere mussten einschreiten, es war der totale Wahnsinn. Danach dauerte es nur Tage, bis Wallace den Klub verlassen musste. Ferguson konnte es einfach nicht akzeptieren, wenn ihm jemand widersprach. Und mit Beckham und den anderen hatte er eine loyale Truppe. Wenn er ›Hüpfen!‹ sagte, antworteten sie ›Wie hoch?‹«

Im Frühjahr 1993, acht Monate nach dem Nachwuchs-Triple, unterschrieb die gesamte Elf Profiverträge. Nun stellte sich die Frage: Würden sie sich im Seniorenbereich durchsetzen? Für einige gab es die Antwort bereits in der ersten Saison.


George Switzer hat noch immer rötliches Haar, obwohl es im Vergleich zu den älteren Fotos schon dunkler geworden ist. Das Gesicht ist dicker, grober und hat mehr Bartstoppeln. Er wohnt in einem schlichten Reihenhaus in Eccles im Süden von Manchester. Nachdem er zuvor bei einem Hersteller von Auspuffrohren gearbeitet hat, ist er jetzt als Kurierfahrer angestellt und liefert Haushaltswaren in Manchester und Umgebung aus. »Vor einigen Tagen hatte ich eine Lieferung nach ›The Cliff‹«, sagt Switzer, »das war sehr seltsam. Ich traf dort unseren damaligen Platzwart und wir haben uns eine Weile unterhalten. Es kommt mir nicht so vor, als wäre das alles schon 15 Jahre her.«

Die Mannschaft von 1992 wurde »O-Saft-Helden« genannt, weil sie einen Gegenpol zu den jahrelangen institutionalisierten Saufgelagen der Senioren in Old Trafford darstellte. Jetzt aber trinkt Switzer keinen Orangensaft, sondern nippt an einer Tasse englischem Tee, während er von den alten Zeiten erzählt: »Als wir 1993 Profis wurden, erhielt ich nur einen Einjahresvertrag, während die anderen für drei oder vier Jahre unterschrieben. Das ließ mich vermuten, dass sie ein wenig an mir zweifelten.« Als sich das Jahr dem Ende zuneigte, wurde Switzer zu Alex Ferguson gerufen. »Er sagte, ich sei zu klein für einen Außenverteidiger, und dass sie mir keinen neuen Vertrag anbieten wollten. Er umarmte mich, gab mir seine Telefonnummer und sagte, ich solle anrufen, wenn ich etwas bräuchte. So ließen sie mich nach zehn Jahren bei United einfach gehen, ich bekam nicht einmal ein Abschiedsspiel.« Seinen Sinn für Humor hat Switzer offenbar nicht verloren. Es klingt nicht die geringste Verbitterung durch, wenn er berichtet, wie ihm das genommen wurde, was ja einmal sein Kindheitstraum gewesen sein muss. »Ich fuhr nach dem Gespräch mit Fergie direkt nach Hause, wo meine Familie auf mich wartete. Als ich erzählte, was passiert war, verstummten alle. Die folgenden zwei Wochen konnte ich an nichts anderes denken. Es war nicht leicht, den besten Verein der Welt zu verlassen. Danach konnte es nur noch abwärts gehen.« Und so kam es auch. Switzer unterschrieb einen Vertrag beim Zweitligisten Darlington, doch nach einer traurigen Saison am Tabellenende zog er zurück nach Manchester und begann, bei den Semiprofis von Hyde United zu spielen.

»Papa, später spiele ich mal bei United, nicht wahr?«

Wir werden von Switzers fünfjährigem Sohn Keenan unterbrochen. Wie zu erwarten, ist er verrückt nach Fußball und sein Lieblingsfilm ist der, der die größte Stunde seines Vaters zeigt, als er zusammen mit einigen der größten Namen des englischen Fußballs den FA Youth Cup entgegennimmt. Es wäre geradezu unhöflich, nicht danach zu fragen, ob wir den Film sehen können, und Keenan stürzt aus dem Esszimmer, holt das Video und steckt es in den Recorder. Als die Bilder zu flimmern beginnen, sagt er: »Papa, später spiele ich mal bei United, nicht wahr?« »Wir werden sehen«, antwortet George Switzer.

Ähnlich wie Switzer bekam auch Robbie Savage nie eine Chance im A-Team von United, und 1993 ließ ihn der Klub gehen. Savage indes traf es nicht so hart, da er seitdem eine solide Profikarriere mit fast 400 Ligapartien und 39 Spielen für die walisische Nationalmannschaft absolviert hat. Er ist immer noch Stammspieler im Mittelfeld der Blackburn Rovers, hat ein stattliches Bankkonto und all die anderen Dinge, die sich für einen Fußballer in der Premier League schicken.

Von Savage und Switzer abgesehen, haben alle aus dem Team von 1992 in der ersten Mannschaft gespielt, wenn auch mit unterschiedlichem Erfolg. Der linke Flügelspieler Ben Thornley erlitt 1994 eine schwere Knieverletzung, er wurde 1998 nach Huddersfield verkauft. Chris Casper wechselte im gleichen Jahr von United zu Reading, brach sich aber in einem Spiel gegen Wrexham das Bein und musste seine Karriere im Alter von 24 Jahren beenden. Kevin Pilkington, John O’Kane und Keith Gillespie hatten ihre kurzen Momente im Rampenlicht, bevor sie sich in alle Himmelsrichtungen zerstreuten.

Somit bleiben die übrig, die man die »Elite« nennen kann – Beckham, Scholes, Butt, Gary Neville und Ryan Giggs. Fragt man Eric Harrison, was sie von den anderen unterschied, antwortet er, sie seien »echte Profis« mit einer »fantastischen Technik« gewesen. Fragt man Neil Whitworth, entsteht ein differenzierteres Bild. Der ehemalige Kapitän der ManU-Reserve hat nur ein einziges Spiel im A-Team bestritten. Whitworth sieht gequält aus, als er seine Geschichte erzählt: »Ich weiß noch, dass ich mir vor Nervosität fast in die Hosen gemacht habe. Ich war 19 und hatte mich mein Leben lang nach diesem Moment gesehnt, aber als es soweit war, war es einfach nur schrecklich.« Whitworth steht vom Sofa auf und geht zehn Meter weg. »Sagen wir, Paul Ince steht da, wo du jetzt stehst, und schreit, er will den Ball haben. Weil es in meinem Gehirn wie verrückt ratterte, habe ich ihn weder gesehen noch gehört, sondern nur den Ball nach außen geschoben.«

Whitworths Haus im Süden Manchesters macht deutlich mehr her als Switzers. Auf dem Flachbildfernseher läuft das Ligaspiel zwischen Manchester United und dem FC Liverpool. Paul Scholes absolviert sein 500. Spiel für den Verein, schießt ein Tor und wird zum »Player of the Match« gewählt. Während wir so auf dem Sofa sitzen und das Spiel schauen, drängt sich eine unvermeidliche Frage auf: Was war eigentlich der Unterschied zwischen Paul Scholes und Neil Whitworth. »Das frage ich mich oft selbst«, antwortet Whitworth nachdenklich, »er war bei seinem Debüt sicherlich genauso nervös, aber der Unterschied war, dass er damit umgehen konnte.« Neil Whitworth wurde später an einige nordenglische Vereine ausgeliehen, bevor er in Schottland beim FC Kilmarnock landete. Aber während seiner vier Jahre in Old Trafford konnte er aus nächster Nähe die Entwicklung einer Gruppe von Jungs verfolgen, die das Bild des englischen Fußballs verändern sollte.


Seine erste Irritation erlebte Whitworth 1991, als der ganze Verein nach Rotterdam reiste, um ManU im Finale des Europapokals der Pokalsieger gegen den FC Barcelona zu erleben. United gewann durch zwei Tore von Mark Hughes mit 2:1, was Ferguson seinen ersten europäischen Titel mit Manchester bescherte. Dennoch erinnert sich Whitworth an die Reise mit gemischten Gefühlen: »Als wir zum Stadion kamen, waren viele Fans vor Ort, um einen Blick auf die Spieler zu erhaschen. Niemand interessierte sich im Geringsten für mich. Die Leute stürzten sich auf Nicky Butt und David Beckham, sie sollten Autogramme schreiben und für Fotos posieren. Damals dachte ich: ›Moment mal, ich habe schon in der A-Mannschaft gespielt, während diese Jungs nur zum Juniorenteam gehören.‹ Es war deprimierend.« Es war ein Gefühl, das sich wiederholen sollte, nicht nur für den Kapitän der Reservemannschaft. »Ich fand, dass ich fußballerisch genauso gut wie ein Chris Casper war«, sagt Whitworth, »doch weil er Teil einer bestimmten Gruppe war, wusste ich, dass er mir vorgezogen werden würde.« Eine Sicht der Dinge, die Eric Harrison bestätigt: »Alex Ferguson wollte die Juniorenmannschaft zusammenhalten. Dadurch hat er die Karriere anderer Spieler gebremst. Doch nur deshalb waren David Beckham und Gary Neville auf dem rechten Flügel so gut – sie hatten jahrelang zusammengespielt.«

»Es stimmt, ich bin verbittert«

Während Switzer über seine missglückte Karriere in Old Trafford lachen kann, schmerzt es Whitworth noch immer. Als im Fernsehen der Schlusspfiff ertönt und die Kamera dem »Player of the Match« auf seinem Weg vom Platz folgt, lehnt sich Whitworth im Sofa zurück. »Es stimmt, ich bin verbittert. Aber wenn ich gerecht sein soll, sprechen die Resultate für sich. Sieh sie dir an«, sagt er und deutet auf den Fernseher, »sie haben eine großartige Karriere und das Vertrauen, das Alex Ferguson in sie hatte, vollauf gerechtfertigt.« Für Whitworth geht es schlussendlich um Hingabe: »Ich habe einmal Gary Neville nach dem Training beobachtet. Ein Typ warf ihm immer wieder Bälle zu, damit er das Köpfen trainieren konnte. Ich erinnere mich, dass ich dachte: ›Warum zum Teufel macht er das?‹ Einige Wochen später versuchte ich es selbst, und es war schier unglaublich, wie viel besser ich im Köpfen wurde. Beckham machte es genauso mit seinen Freistößen, er trainierte wie ein Verrückter. Nun haben sie die Belohnung für all die Schinderei bekommen.«

Ihren Durchbruch erlebte die Generation Beckham ab 1995. In der Premier League hatten die Blackburn Rovers United die Meisterschaft im letzten Moment entrissen. Danach verließen innerhalb weniger Wochen Mark Hughes, Paul Ince und Andrej Kantjelskis Old Trafford. »Viele Fans dachten, Alex Ferguson sei verrückt geworden«, lacht Eric Harrison, »sie waren drei legendäre Spieler im Klub, aber Alex wusste genau, was er tat. Er hatte es seit Jahren geplant. Er hatte die jungen Leute sowohl im Spiel als auch im Training beobachtet und wusste, dass sie es schaffen würden.«

Als United in der ersten Partie der Saison 1995/96 mit Spielern wie Beckham, Butt, Scholes und den Neville-Brüdern von Aston Villa deklassiert wurde, urteilte der frühere Liverpooler und schottische Nationalverteidiger Alan Hansen als Experte der BBC: »Man kann keinen Titel nur mit jungen Spielern gewinnen. Er muss noch drei oder vier etablierte Kräfte ins Boot holen.« Ein klassischer Fauxpas, und eine Aussage, die Hansen bis heute verfolgt. Neun Monate später hatte United nämlich das Double gewonnen.
Heute haben die Spieler, die damals nach dem Spiel gegen Aston Villa so niedergeschlagen vom Feld schlichen, zusammen über 300 Spiele für die englische Nationalmannschaft absolviert. Und sie haben Manchester United zu sechs Meisterschaften, einem Champions-League-Titel und diversen Pokalsiegen verholfen. Weitere Nationalspieler der Klasse von 1992 sind Ryan Giggs, Robbie Savage (beide für Wales) und Keith Gillespie (für Nordirland). All diese Jungs wurden innerhalb von zwei Jahren geboren.

»Meiner Meinung nach war das Juniorenteam von 1992 nicht normal«


Eigentlich stand ja immer ManUs Erzrivale, der FC Liverpool, im Ruf, die besten Nachwuchsspieler hervorzubringen. Und in den 90ern kamen in der Tat starke Leute wie Michael Owen, Robbie Fowler und Steve McManaman aus den eigenen Reihen. Doch zwischen Owen und McManaman liegen sieben Jahre, und die Zahl ihrer addierten Länderspiele und Titel verblasst im Vergleich zu den Kameraden von Manchester United. »Meiner Meinung nach war das Juniorenteam von 1992 nicht normal«, glaubt Alistair Mann, »und es ist sehr unwahrscheinlich, dass sich etwas Ähnliches in einem anderen Klub oder anderen Land wiederholen wird.« Eric Harrison pflichtet ihm bei: »Normalerweise schaffen es nur zwei oder drei Spieler einer Altersgruppe in die erste Mannschaft, und da muss man noch Glück haben. Dass es gleich so vielen gelingt, und sie dann auch noch alle ins Nationalteam kommen, ist schier unglaublich.«

Der Fußball hat sich in den letzten 15 Jahren verändert. In der Premier League wimmelt es von ausländischen Spielern, was die Situation der einheimischen Talente erschwert. »Heutzutage bestehen sogar die Reserveteams größtenteils aus ausländischen Spielern«, sagt Harrison. »Ich frage mich, wie die englischen Talente da eine Chance erhalten sollen.« Was nicht bedeutet, dass die Vereine nicht in ihren Nachwuchs investieren. Sie stecken sogar immer mehr Geld in die Ausbildung junger Spieler und binden immer Jüngere. Keenan Switzer, George Switzers sommersprossiger Sohn, hat schon einen Vertrag mit Manchester City. Er ist fünf. »Als ich bei United spielte«, sagt Switzer und grinst dabei, als ob er einen Witz reißen würde, »pflegte ich meiner Mutter zu sagen, dass ich ihr ein großes Haus mit Swimming-Pool kaufen würde, wenn ich Stammspieler bin und einen fetten Vertrag an Land ziehe. Jetzt habe ich Keenan gesagt, dass er das eben regeln muss.«


Im Handeln der Klubs liegt ein seltsamer Widerspruch. Während die Vereine ihre Netze immer weiter auswerfen, bieten sie ihrem Nachwuchs immer weniger Möglichkeiten, es ganz nach oben zu schaffen. Hinzu kommt, dass englische Trainer heute ihren Job im Durchschnitt 18 Monate behalten. Warum sollte ein Coach seinen Rauswurf riskieren, indem er die jungen Spieler ihre ersten Erfahrungen machen lässt, wenn nur sein Nachfolger Vorteile daraus zieht? Wenn man den Druck auf einen Trainer in der Premier League berücksichtigt, ist es unwahrscheinlich, dass jemand zukünftig so viel Zeit und Energie auf die Nachwuchsförderung verwenden wird wie der frühe Alex Ferguson. Es gibt jedenfalls keine offensichtlichen Erben von Fergies Jungs. Bei Middlesbrough spielen einige, die 2004 den FA Youth Cup geholt haben, und Stuart Downing ist mehr oder weniger fester Bestandteil der englischen Nationalelf. Und dennoch: kein Vergleich zu Eric Harrisons Mannen.

»So lange die Beine mitmachen, werde ich weiterspielen«

George Switzer hat zu Beginn der laufenden Saison bei Salford City gespielt, dann aber lief ihm ein jüngerer linker Verteidiger den Rang ab, und er wechselte zum Irlam FC. »In meinem Alter muss man regelmäßig spielen dürfen«, sagt er. Sein alter Freund David Beckham würde ihm da sicher zustimmen, auch deshalb wird er nach Los Angeles gehen. Ryan Giggs spielt nicht mehr in der walisischen Nationalelf, Scholes und Beckham nicht mehr in der englischen. Gary Neville ist der einzige, der noch übrig ist, doch es ist offensichtlich, dass sich die Karrieren der Goldenen Generation dem Ende zuneigen.
George Switzer plant definitiv nicht, kürzer zu treten. Außer beim Irlam FC spielt er noch in der Sunday League. »Ich kann nur lachen, wenn ich höre, dass die Spieler heute zu viele Matches absolvieren müssen«, sagt Switzer und schüttelt den Kopf. »Ich bin samstags und sonntags im Einsatz. Außerdem spiele ich unter der Woche auf dem Kleinfeld. Und es geht mir gut. So lange die Beine mitmachen, werde ich weiterspielen.«

Der Tag, an dem wir uns treffen, ist sein 33. Geburtstag. Weil ich zufällig davon wusste, habe ich ein Geschenk mitgebracht, auch wenn es ziemlich fantasielos ist: ein Sechserpack Bier. Switzer nimmt das Geschenk höflich entgegen, stellt die Dosen aber sofort in den Kühlschrank. »Ich kann heute Abend nichts trinken«, erklärt er, »ich habe morgen ein Spiel.« Völlig enthaltsam sogar an seinem Geburtstag. 15 Jahre sind vergangen, und noch immer befolgt sogar der einzige Spieler, der es nicht zum Fußballprofi gebracht hat, die Regeln, die Harrison und Ferguson ihm eingetrichtert haben. »Schau dir einen Kerl wie Gary Neville an«, sagt Switzer. »Er hat soviel für seinen Körper getan, dass er noch immer auf höchstem Niveau spielen kann.«

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