14.05.2012

Manchester City und das unglaubliche Meisterfinale

Gesprengte Ketten

Manchester City entscheidet die englische Meisterschaft nach 44 Jahren für sich – in einem der dramatischsten Saisonfinals aller Zeiten. Ein unglaubliches Spiel bringt den Titel für einen zusammengekauften Haufen, aber auch für leidgeprüfte, entfesselte Fans.

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Man sagt, dass vor dem Ableben vor dem geistigen Auge das ganze Leben noch einmal vorbeizieht. Bei Fans von Manchester City werden es wahrscheinlich diese drei Minuten sein, die am Sonntag die englische Meisterschaft entschieden. Jene Minuten, an denen es hing, ob die Blues ihren herbsten Tiefschlag oder den größten Moment erlebten. Ob sie gegen zehn Mann eines Fast-Absteigers am letzten Spieltag die Meisterschaft verspielen oder nach 44 Jahren wieder den Titel gewinnen würden.

Zwei Minuten der fünf Minuten Nachspielzeit waren vorüber, als der eingewechselte Edin Dzeko den 2:2-Ausgleich gegen die Queens Park Rangers köpfte. Doch weil der Stadtrivale und Konkurrent um die Meisterschaft, Manchester United, seinerseits sein Spiel gewann, bedurfte es für City in den verbleibenden Minuten eines »championship winning goal«, eines Treffers für die Ewigkeit. In einem Spiel, in dem sie fast über die gesamte Zeit erfolglos angerannt waren, bei 19:0-Ecken, 35:3-Torschüssen und 62 Prozent Ballbesitz. Und in dem sie, so kurios wie nur möglich, lange mit 1:2 hinten lagen.

44 Jahre Trauma

Es sind die Momente, die den Fußball unkaputtbar machen. Eine Meisterschaft, die an einem Tor hängt. Und mit ihr verbunden die Sehnsucht der Citizens, ein 44-jähriges Trauma zu verbannen. Schon während des Spiels hatten einige Fans auf den Rängen ihre Tränen nicht zurückhalten können.

In der vierten Minute der Nachspielzeit kochte dann die Fabrik der Endorphine über, als in einem letzten Angriff von City der am Boden liegende Mario Balotelli den Ball zu Sergio Agüero weiterleitete. Diego Maradonas Schwiegersohn klebte mit einem Rechtsschuss zum 3:2 seine Aufnahme fußballerischer Unsterblichkeit ins Familienalbum. Die City-Fans und -Spieler fielen übereinander her, Trainer Roberto Mancini war nicht mehr einzufangen. Zwei Worte reihte der Italiener nach dem Spiel atemlos aneinander und hätte es nicht besser ausdrücken können: »Football... incredible.«

Ego und Talent

Zwei Tore in der Nachspielzeit – auf die Manchester United eigentlich ein Patent hatte – bescherten den Citizens den Meistertitel. Ein Verein, der durch die Millionen eines Scheichs Spieler aus aller Welt gekauft hatte, die ein etwa gleichgroßes Maß an Egozentrik wie Talent aufwiesen.

Ob Mario Balotelli oder Carlos Tevez – City hätte eigentlich einen Elektriker beschäftigen müssen, weil irgendwem immer die Sicherungen durchbrennen konnten. Auch im Spiel gegen die abstiegsgefährdeten Queens Park Rangers deutete sich das Mentalitätsproblem an, das dem Team in der Saison den Vorsprung im Titelrennen gekostet hatte.

Klitschko gegen Herbert Feuerstein

Nach einer Roten Karte gegen QPR-Kapitän Joey Barton wegen einer (besser: zwei) Tätlichkeit(en) spielten die Blues ideen- und espritlos, sie schleppten sich träge gen gegnerisches Tor und kassierten in Unterzahl das 1:2. Paddy Kenny im Tor der Gäste pritschte die Bälle recht unkonventionell durch den Strafraum und die Rangers-Verteidiger köpften annähernd hundert Flanken aus der Gefahrenzone. Selbst den Anstoß nach dem 2:2 schossen sie mit Vollspann ins Aus.

Nicht mal fünf Prozent des Spiels fanden in Citys Hälfte statt, nur dreimal schoss QPR aufs Tor. Doch Manchester fand kein Mittel. Es war wie ein Boxkampf zwischen Vitali Klitschko und Herbert Feuerstein, bei dem Klitschko sekündlich ins Leere schlägt.

Doch dann sorgten die Treffer von Dzeko und Aguero in letzter Sekunde für die Wende. Citys große Helden des letzten Triumphes wie Mike Summerbee und Francis Lee trugen die Trophäe aufs Feld, der ehemalige Hamburger Vincent Kompany, Schütze des Siegtores gegen United, stemmte sie in die Luft. Es war zum einen der Triumph eines zusammen gekauften Starensembles mit unglaublicher individueller Klasse. Zum anderen aber der Kairos für die City-Fans, die in der Zeit der 44-jährigen Titelabstinenz durch die Tiefen der Drittklassigkeit gegangen waren. Ein Fan reckte unter Tränen ein Plakat in die Höhe. Darauf zu lesen war eine Anspielung auf einen Spruch, mit dem die Blues jahrelang verhöhnt wurden: »Never in my lifetime.«

 
 
 
 
 
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