Manchester-City-Fan Ric Turner

»Dankt den Investoren!«

Manchester City galt stets als das Gegenmodell zu Manchester United. Der »Arbeiterverein« war konstant erfolglos, die Fans schienen trotzdem glücklich. Nun schwimmt man im fremden Geld. Ein Grund, Kritik zu äußern, ist das nicht. Manchester-City-Fan Ric TurnerImago Ric Turner, jahrelang konnte man eine klare Trennlinie zwischen den Fans von Manchester City und Manchester United ziehen. Kann man das heute, nachdem der einstige »Arbeiterverein« Manchester City von einem Scheich mit Millionen voll gepumpt wird, immer noch?

Nun, das einstige Bild hängt vielleicht bisschen schief, doch nicht erst seit der Übernahme. Die Grundhaltung der City-Fans ist aber dieselbe geblieben: Der gemeine Manchester-City-Fan charakterisiert sich durch Selbstironie, durch Bescheidenheit, aber auch durch eine eher pessimistische Grundhaltung. City-Fans sehen sich als Märtyrer. Der United-Fan hingegen ist schnodderig, ja, mitunter arrogant. Manchester City versteht sich insofern immer noch als die Antithese zu United.

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Und das Gros der City-Fans hat immer noch einen Working-Class-Background?

Teilweise. Natürlich hat der Anstieg der Ticketpreise dazu geführt, dass diese Fans kaum noch ins Stadion gehen können. Der Verein zieht nun mehr und mehr Fans aus der Mittelschicht an.

Kann man die Stadt Manchester in City- und United-Fans aufgliedern?

De facto ist es so, dass es in der Stadt entweder United-Fans oder City-Fans gibt – ungefähr zu gleichen Teilen. Kaum jemand, der in Manchester lebt, ist Fan eines anderen Vereins. City-Fans gibt es vornehmlich im Süden der Stadt, während United-Fans eher im Norden von Manchester angesiedelt sind. Na ja, und Manchester United hat natürlich Fans auf der ganzen Welt, diese typischen Erfolgsfans.

Manchester City hatte über Jahre eine Art Underdog-Image.

Das stimmt. Und gerade aufgrund dessen hatte City immer eine sehr treue Fanbasis. Bei anderen Vereinen, die in der Versenkung, in den unteren Ligen verschwinden, gehen die Zuschauerzahlen oftmals rapide zurück. Doch als Manchester City 1998 in die dritte Liga  abstieg, hatten wir immer noch einen Schnitt von 30.000 Fans.
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Vergleichbar mit einem Klub wie dem FC St. Pauli in Deutschland?

Vielleicht. Auch Citys Fankultur hatte in den 80er Jahren ihre Hochphase, wir brachten damals zum Beispiel als erste Fans aufblasbare Bananen in die Stadien.

Wie war die Reaktion der Fans, als zunächst der ehemalige thailändische Premier Thaksin Shinawatra und jetzt der Scheich Sulaiman Al Fahim den Verein aufkaufte?

Eigentlich waren die meisten Fans froh über diese Übernahme, denn vor zwei Jahren schauten wir in eine sehr sehr düstere Zukunft. Plötzlich kommen da zwei Investoren hintereinander, beide beladen mit einem Haufen Geld, und schufen so etwas wie einen neuen Verein. 

Kaum vorstellbar, dass es keine Kritik gab.

Es gibt ein paar Wenige, die ihre Zweifel an der Entwicklung und über die Integrität der neuen Besitzer äußern. Aber wir sind realistisch: Um in der Premier League, im modernen Fußball, auf einem hohen Niveau zu bestehen, brauchst du Geld. Und wir waren bereit, Geld von jedem zu akzeptieren – ungeachtet dem Hintergrund des Geldgebers.

Alles super also?

Was heißt schon: alles super?! Oft höre ich Sätze wie: »Der moderne Fußball ist Dreck.« Und ja, es stimmt, der moderne Fußball ist Dreck. Das kann ich von ganzem Herzen unterschreiben. Gerade in England ist die Fankultur am Boden, im Stadion ist es dir mittlerweile fast verboten deinen Verein richtig zu supporten, es gibt viel zu viele Vorschriften. Die Atmosphäre ist deshalb unglaublich schlecht. Und wie schon gesagt: Der Durchschnittsfan, der Fan, der früher lautstark sein Team nach vorne peitschte, wird aufgrund explodierender Preise aus dem Stadion gedrängt.

Wieso wehrt man sich nicht?

Es ist unglaublich schwierig geworden, die Vereinspolitik zu beeinflussen. Gerade nach den Übernahmen der Klubs ist es fast unmöglich geworden. Die Gruppe, die momentan Manchester City besitzt, ist kaum an den Interessen der lokalen Fans interessiert – sie denkt global. Sie wollen den Verein Manchester City zu einer weltweit bekannten Marke machen.

Ruiniert eine solche Sichtweise nicht den Fußball?

Ich glaube, der Fußball wurde schon lange vor solchen Übernahmen ruiniert. Gerade in England ließ die Vorherrschaft der vier großen Klubs – Manchester United, Arsenal London, Liverpool und Chelsea – die anderen Klubs wettbewerbsunfähig erscheinen. Die Liga bekam einen sterilen Charakter. Heute aber können Klubs wie Aston Villa oder Manchester City endlich wieder konkurrieren. Dank den Übernahmen. 

Gibt es dennoch einen Punkt, an dem du sagst: »Halt! Bis hierhin und nicht weiter!«?

Wenn Manchester United von jemandem übernommen wird, der mehr Geld als Al-Fahim hat.

In Deutschland gibt es die 50+1-Regel, die besagt, dass der Verein in einer Aktien- oder Kapitalgesellschaft immer 50 Prozent plus eine Stimme halten muss. Insofern ist es externen Investoren nicht möglich, Klubs aufzukaufen. Wünschst du dir ebensolche  Verhältnisse
für die Premier League zurück?

Das Ideal für mich ist vielmehr das spanische Modell – ich denke da an den FC Barcelona oder Real Madrid. Dort besitzen die Fans die Klubs und die Vorstände werden demokratisch gewählt werden. Aber das wird in England nie passieren.

Glaubst du diese unkritische Haltung zur Übernahme beruht auch auf der Tatsache, dass Manchester City seit 1968 keine Meisterschaft mehr gewonnen hat? Dürsten die Fans einfach nach einem Erfolg?

Ich bin 31 Jahre alt und seit ich Fan von City bin, hat die Mannschaft nicht einen einzigen Pokal gewonnen. Ich glaube, den meisten City-Fans geht es ähnlich wie mir: Es ist ihnen egal, durch welche Mittel der Klub die Meisterschaft gewinnt, sie wollen die Mannschaft ganz einfach überhaupt einmal einen Pokal gewinnen sehen. 

Bald ist Manchester City also nicht mehr die Antithese zu United. Der Klub wird zur Kopie.

Ja, dessen sind wir uns bewusst. Und natürlich ist das besorgniserregend. City wird plötzlich Fans auf der ganzen Welt haben, diese Erfolgsfans, diese »Glory Hunters« werden im Stadion sitzen. Der Klub Manchester City wird sich wandeln – zu einem Klub mit Eigenschaften, die wir eigentlich immer gehasst haben.

Ric Turner ist 31 Jahre alt und war 1985 zum ersten Mal bei einem Spiel von Manchester City. Er ist der Gründer des Fanclubs Bluemoon.


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