Malik Fathi im Interview

»Moskau ist einfach nur geil«

Vor einem Jahr wechselte Malik Fathi als einer der ersten deutschen Fußballer nach Russland zu Spartak Moskau. Wir sprachen mit ihm über den russischen Winter, das Nachtleben in Berlin und seinen Kontakt zu Jogi Löw. Malik Fathi im InterviewImago Herr Fathi, wie ist das Wetter in Moskau?

Wir haben hier genau null Grad und leichten Schneeregen.

Also noch sehr winterlich?

Nein, winterlich bedeutet hier minus zehn Grad.

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Sie sind jetzt seit etwas mehr als einem Jahr in Russland. Wie haben Sie sich seitdem eingelebt?

Ganz gut, ich habe auch schon ganz ordentlich russisch gelernt. Moskau ist riesengroß und bietet viele interessante Plätze: tolle Restaurants, Theater, Zirkus... Wir haben hier ein Riesenprogramm, du kannst eigentlich alles sehen, ähnlich wie in Berlin.

Sie nehmen das volle Kulturprogramm mit?

Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, ich wäre so krass kultiviert, aber wenn ich hier etwas mache, dann macht es auch richtig Spaß.

Sind Sie alleine ins Ausland gegangen oder mit der Familie?

Meine Freundin ist mit nach Russland gekommen, pendelt aber gerade noch zwischen Moskau und Berlin. Meine Mutter besucht mich oft, und Freunde kommen hierher, wenn sie es zeitlich schaffen.

Wie fühlt es sich an, wenn man gerade in die neue Saison gestartet ist, während die Bundesliga bereits in die entscheidende Phase geht?

Ich habe mich darauf eingestellt und meine innere Uhr geht jetzt nach dem russischen Fußballjahr. Letztes Jahr war das schon ein bisschen komisch, als ich praktisch mitten in der Saison aus Deutschland gekommen bin und hier im März neu angefangen habe.

Wie haben Sie sich in den ersten Tagen verständigen können?

Es war ziemlich schwer, weil hier der Großteil kein Englisch spricht, nicht nur in der Mannschaft, in ganz Moskau. Auf der anderen Seite war ich dadurch eher gezwungen russisch zu lernen.

Mit Martin Stranzl steht ein weiterer ehemaliger Bundesligaprofi im Aufgebot von Spartak Moskau. Ihr engster Vertrauter im Team?


Mit Martin bin ich befreundet, und wir teilen uns bei Auswärtsspielen ein Zimmer. Er hat mir vor allem am Anfang viel geholfen, er konnte ja schon russisch sprechen. Dann kommt noch Ivan Saenko dazu. Wir reden viel, lachen viel und denken an die Bundesliga zurück. Saenko hatte es natürlich einfacher, bei den russischen Kollegen war er gleich mittendrin.

Wie lange haben Sie gebraucht, um sich ins Team zu kämpfen?

Ich bin nach Moskau geflogen und habe drei Tage später sofort gespielt. Nach einer Bänderverletzung am dritten Spieltag war ich kurz außer Gefecht, aber schon drei Spiele später war ich wieder in der Stammelf. Bis auf zwei Spiele nach dem Trainerwechsel habe ich dann immer gespielt.

Vier Millionen Euro hat sich Spartak ihre Verpflichtung kosten lassen. Spüren Sie deswegen einen besonderen Leistungsdruck?

Davon habe ich bis jetzt noch nichts gespürt. Klar sind vier Millionen für einen Abwehrspieler eine Menge Geld, aber es gibt andere Spieler, die viel mehr gekostet haben.

Hat es Sie enttäuscht, dass Hertha nicht mehr um Ihren Verbleib gekämpft hat?

Hertha bin ich sehr dankbar. Sie hatten ja gerade mit mir verlängert und einen Tag später habe ich Dieter Hoeneß darum gebeten, nach Moskau gehen zu dürfen.

Warum wollten Sie Berlin verlassen?

Ich hatte schon länger das Bedürfnis, etwas Neues zu erleben und eine neue Sprache zu lernen. Ich wollte einfach mal rauskommen aus Berlin, obwohl ich die Stadt liebe.

Wie kam es zur Entscheidung, ausgerechnet nach Moskau zu gehen?

Das war alles eine Nacht- und Nebelaktion. Zwei Wochen vorher habe ich nicht im Traum daran gedacht, nach Moskau zu gehen. Ich bin auch eigentlich gar nicht der winterliche Typ, sondern ich liebe die Sonne. Spartak hat mir aber die Chance auf was Neues gegeben und mir das Ganze schmackhaft gemacht. Dieter Hoeneß war natürlich dagegen, auch weil ich gerade erst verlängert hatte. Doch mit dem Angebot aus Moskau und meinen Überredungskünsten haben wir uns geeinigt.

Ihr ehemaliger Mitspieler Sejad Sahilovic hat uns im Interview gesagt, dass er ein bisschen viel unterwegs war in Berlin und sich nicht wirklich auf Fußball konzentrieren konnte. Ging es Ihnen ähnlich?

Nein, das war eine komplett andere Situation. Ich habe ja in Berlin fast immer gespielt, während Sejad erst in der Mannschaft war und dann wieder gar nicht berücksichtigt wurde. Ich war auch kein Musterprofi, der nur zu Hause geblieben ist, aber ich wusste eben, wann man es besser bleiben lässt.

Vermissen Sie die alte Heimat?

Ja, sehr. Zu Beginn war ich viel damit beschäftigt, mich erst einmal an alles zu gewöhnen, da stand das etwas im Hintergrund. Aber spätestens nach einem Jahr vermisst man Berlin. Selbst die Dinge, die mir damals langweilig vorkamen, vermisse ich jetzt. Berlin ist einfach eine geile Stadt und liegt mir richtig am Herzen.

Gab es Momente, in denen Sie den Wechsel bereut haben?

Nein. Sportlich war es zwar so, dass ich mit der vergangenen Saison nicht zufrieden war, aber da war keiner von Spartak zufrieden. Nach einer schwachen Saison sind wir nur auf dem achten Platz gelandet. Für mich war das sportliche ja nicht der Hauptgrund für meinen Wechsel. Sicher habe ich mir auch gedacht: Spartakt ist immer international vertreten, was man von Hertha damals nicht sagen konnte. Für mich gab es aber andere, genauso wichtige Aspekte für den Wechsel: eine neue Stadt sehen, eine neue Sprache lernen und neue Erfahrungen zu sammeln. Deswegen würde ich es nie bereuen, dass ich hier bin.

In welchen Punkten unterscheidet sich die russische von der deutschen Liga?

Die Platzbedingungen sind schlechter als in Deutschland, bedingt durch das Wetter. Jedoch rüsten die Vereine alle nach, genug Geld ist ja vorhanden. Fußballerisch gesehen wird in Russland meiner Meinung nach schneller gespielt als in Deutschland. Der Schwerpunkt liegt auf One-Touch-Football und offensiver Ausrichtung, dadurch fallen mehr Tore. Es wird mit mehr Risiko gespielt und in der Abwehr gibt es noch taktische Defizite. Die ausländischen Trainer achten aber darauf, dass die Mannschaften kompakter auftreten und nicht mehr nur Hurra-Fußball spielen.

Wie kommen Sie als Verteidiger mit der offensiven Spielweise klar?

In der letzten Saison standen wir hinten nicht so gut und es war schwierig für die Defensive, doch wir haben uns verbessert. Gegen Zenit St.Petersburg (1:1, Anm. d. Red.) hat man am ersten Spieltag gesehen, dass man mit uns rechnen kann.

Wie läuft die Zusammenarbeit mit Trainer Michael Laudrup?

Es ist sehr interessant. Er trainiert jedes Mal mit und es ist faszinierend, wie ballsicher er ist und was er für ein Auge hat. Laudrup ist eher ein ruhiger Typ, der versucht, bei uns Ordnung reinzubringen.

Malik Fathi, schauen Sie jetzt ein bisschen wehmütig nach Berlin, wenn Sie sehen, dass Hertha an der Tabellenspitze steht?

Es kotzt mich an, dass wir da nicht schon vor einem Jahr standen (lacht). Aber für Hertha freue ich mich sehr. Es ist beeindruckend, was der Verein auf die Beine gestellt hat und wie effektiv die Mannschaft spielt. Für mich ist das natürlich eine riesige Motivation, dass ich mir mit Spartak den Arsch aufreiße und dann in der Champions League auf Hertha treffe.

Haben Sie das der Mannschaft zugetraut?

Wo sie jetzt steht, auf keinen Fall, selbst die Champions League hätte ich ihnen vorher nicht zugetraut. Wir waren immer zu unkonstant, so wie mit Spartak letztes Jahr. Was der neue Trainer bewirkt hat, kann man nur bewundern.

Telefonieren Sie ab und zu noch mit den alten Kollegen?

Mit Sofi (Sofian Chahed, Anm. d. Red.) habe ich noch Kontakt. Zu den Anderen eher weniger, obwohl ich mir immer wieder sage: Eigentlich müsste ich die mal anrufen. Ich habe auch große Lust mit denen zu quatschen, aber ich bin nicht so der »Telefonierer«.

Können Sie sich vorstellen, nach Berlin zurückzukehren?

Natürlich, ich will sowieso nach Berlin zurück – und wenn das mit Hertha irgendwann noch einmal passt, kann ich mir das schon gut vorstellen.

Seit Ihren zwei Länderspielen 2006 fanden Sie keine Berücksichtigung mehr. Hat der Wechsel nach Russland Ihre Chancen auf eine neuerliche Berufung verringert?

Dadurch, dass wir nicht in der Champions League spielen und im Uefa-Cup rausgeflogen sind, ist es so, dass das Augenmerk mit Sicherheit nicht auf mich gerichtet ist. Das interessiert mich momentan aber auch nur zweitrangig. Wichtig ist, dass wir uns mit Spartak nächstes Jahr wieder für die Champions League qualifizieren, wodurch ich auch wieder ins Blickfeld der Nationalelf kommen könnte.

Stehen Sie in Kontakt mit Jogi Löw?

Nein.

Malik Fathi, Kevin Kurany hat kürzlich ein Angebot von Lok Moskau bekommen. Würden Sie anderen deutschen Spielern den Schritt in die russische Liga empfehlen?

Es kommt ganz auf jeweilige Situation an. Die Liga wird immer stärker, die internationalen Erfolge der russischen Teams sprechen für sich und auch die Nationalmannschaft hat eine starke EM gespielt. Der russische Fußball ist auf jeden Fall im Kommen. Die finanziellen Mittel sind vorhanden – und eine Stadt wie Moskau ist einfach nur geil.

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