Malen und Uhren reparieren: Teambonding im Fußball
07.01.2014

Malen und Uhren reparieren: Teambonding im Fußball

Zusammen ist man weniger allein

Sie fahren Kajak, malen Acrylbilder oder nehmen Uhren auseinander, um sie danach wieder zusammenzusetzen. Teambonding heißt das. Es schafft das Gefühl von Vertrauen und Gemeinschaft – zumindest bis zum ersten Fehlpass.

Text:
Bild:
imago

Es waren Tage voller Harmonie. Während andere Kinder über Trimm-Dich-Pfade ächzten und sich Medizinbälle zuwarfen, wurde meine D-Jugendmannschaft in der Winterpause 1987 regelmäßig von unserem Trainer zu Aktivitäten abseits des Sportplatzes eingeladen. Im lilafarbenen Vereins-Seidenblouson sangen wir Hand in Hand traditionelle Lieder von Hafenarbeitern, spielten Tischtennis oder schauten gemeinsam Filme. »Rocky IV« zum Beispiel. Oder »American Fighter I«. Frei nach dem Motto: Von Michael Dudikoff lernen, heißt siegen lernen. Damals nannte sich das Mannschaftstreffen und hatte was von Pfadfinderabenden am Lagerfeuer. Heute heißt das Teambonding und klingt nach Zukunft und Erfolg. Es beruht auf der simplen Erkenntnis, dass ein Team zwar immer eine Gruppe ist, doch eine Gruppe nicht immer ein Team.

Bald erfuhr ich, dass solcherlei Maßnahmen nicht nur in D-Jugendmannschaften durchgeführt werden, sondern auch und vor allem in global operierenden Unternehmen mit dem Blick fürs Große. Der heißeste Scheiß in Sachen Teambindung war, so fand ich heraus, das Drachenbootfahren. Dabei werden Arbeitnehmer zur Stärkung des Wir-Gefühls in ein überdimensioniertes Kanu gestopft, um dann mit zahlreichen anderen Mitarbeitern, die sie am Tag zuvor noch verflucht haben, die Flüsse ihrer Stadt entlangzufahren. An den Ufern: Mitleidige Blicke von Seniorengruppen und Touristen. Im Boot: Gitte vom Empfang und Herr Schlotz vom Vertrieb. Mit Hass gepaddelt!

It smells like Teamspirit!

Die verantwortlichen Abteilungsleiter, die in den frühen 2000er Jahren solcherart Ausflüge anleierten, konnten indes gar nicht anders, als davon überzeugt zu sein. Schließlich lockten die Organisatoren von Kajaktouren oder Freeclimbing-Abenteuern mit Wörter wie »hervorragend« und »ideal«, mit »Teambuilding« und »Teambonding«. Ein besonders beliebter Drachenbootanbieter wirbt noch heute mit einer flotten Dreierkombination: »Trommeln, im Einklang paddeln, Geschwindigkeit aufnehmen.« Wenn man es nun schafft, diese drei Schlagwärter in die tägliche Büropraxis zu transportieren – ach, wie schön! It smells like Teamspirit. Mehr: Es riecht nach dem großen Geld.

Im Profifußball ist man seit etwa sechs Jahren in Sachen Teambonding unterwegs. Der große Hype begann mit Jürgen Klinsmann, der die deutsche Nationalmannschaft etwa im Mai 2006 in ein Uhrwerk führte. Dort schraubten die Spieler Chronometer auseinander und setzten sie danach wieder zusammen. Heraus kam das Sommermärchen – die beste PR für jedwede Art von Teambondinganbietern.

Malen, Klettern, Paddeln: Die schönsten Teambonding-Bilder >>

Es war also nur eine Frage der Zeit, bis die Bundesligateams dem Trend folgten. Der HSV unternahm 2007 eine Tour ins österreichische Ötztal, wo sich die Spieler durch Schneemassen kämpften und der Trainer sich in Gletscherspalten abseilen ließ. Derweil schickte Jürgen Kopp seine Mainzer über eine selbstgebastelte Seilbrücke, um den Schwarzwald-Fluss Murg zu überqueren. Es war die Zeit, in der man alles goutierte, was früher von den verkrusteteten Fußball-Übungsleitern als neumodischer Schwachsinn verpönt worden war. Bundesligisten übten sich emsig im Floßbau, Orientierungswettkämpfen, Wildnistraining oder Seifenkistenrennen. In England meldete Leeds United sich für ein Wochenende bei der Army an, wo die Spieler durch Tunnel und Schlamm robben mussten. In Klagenfurt klatschten die Profis Acrylfarbe auf Leinwände und nannten das Surrealismus oder Motivationsallerlei.

 
 
 
 
 
12
Facebook, Twitter und Google+

Freund von 11FREUNDE werden