Making of »Ein Jahr mit RWO«

No one likes us, we don´t care

Ein Jahr lang begleitete 11FREUNDE-Mann Thorsten Schaar Rot-Weiß Oberhausen – ein in der deutschen Fußballgeschichte einmaliges Projekt. Hier erzählt er, wie es war. In der Kabine, im Bus, am Strand. Die Erinnerungen eines Eingebetteten. Making of »Ein Jahr mit RWO«Mike Terranova
Heft #92 07/2009
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Sommer 2008 in Oberhausen: Wir führen die ersten Gespräche mit Manager Bruns, sitzen im nostalgisch aufgeladenen Klublokal, überall hängen Urkunden, Wimpel und Pokale. Wer seinen Blick über die Wand schweifen lässt, kann die graphische Metamorphose des Kleeblatts nachverfolgen, mal dunkelgrün, mal hellgrün, mal etwas schmaler, mal etwas breiter.

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Wir stoßen in einer Zeit hinzu, in der die fetten Jahre angebrochen scheinen, zumindest sportlich. Zweimal hintereinander aufgestiegen, das kennt man ja sonst nur aus Hoffenheim. Das Kennenlernen im Klubheim wird begleitet durch den Geruch von frischem Filterkaffee, serviert in großen Porzellantassen. Unser Fotograf Dominik Asbach und ich werden im Laufe der Saison noch viel Filterkaffee trinken. Oberhausen ist einer der wenigen Orte hierzulande, an dem italienische Kaffeevariationen nicht als lebensnotwendig gelten. Der gefilterte Bohnenkaffee ist das lebenswichtige Elixier, das Rot-Weiß Oberhausen tagtäglich arbeiten lässt: auf der Geschäftsstelle, in der Spielerkabine und im Theater des Präsidenten. Falls es einmal eine ähnliche Dokumentation über die Kleeblätter im Fernsehen geben sollte, könnten die Kollegen der Einfachheit halber das Zwischenbild aus der Pro7-Serie »Stromberg« einflechten, die tröpfelnde Kaffeemaschine.

Ein Kauz wie Hans-Günter Bruns ist einem lange nicht mehr untergekommen. Mit Journalisten spricht er normalerweise nur, wenn sie den nötigen Stallgeruch besitzen. Es ist zumindest kein Nachteil, genauso viel Erfahrung mitzubringen wie er selbst und aus der näheren Umgebung zu stammen. Wer – außer »Premiere«-Reporter Uli Potofski – kann das von sich behaupten? Doch selbst mit ihm spricht Bruns nicht, jedenfalls nicht vor der Kamera.

Für uns macht er eine Ausnahme, sogar wenn der Durst stärker ist. Nur die Spielerkabine und der Mannschaftsbus, so sagt er zu Beginn der Saison, seien tabu. Während andere Menschen von einer inneren Unruhe angetrieben werden, ist es bei Buddha Bruns, wie wir ihn bald intern rufen, genau umgekehrt. Die Nerven verlieren? Nicht mit ihm. Er ist der unaufgeregste Macher in der »besten 2. Liga der Welt« und beim richtigen Klub gelandet. RWO gilt im regionalen Strukturwandelgebiet als der Klub mit den geringsten Sympathiewerten, eingezwängt zwischen MSV, RWE und S04. Die verantwortlichen Mitarbeiter eint auch der englische Grundsatz: »No one likes us, we don´t care«.

Kollege Dominik Asbach geht praktischerweise von klein auf zu RWO, als einer der wenigen seiner Generation. Für ihn ist die Geschichte eine Herzensangelegenheit, er kann anekdotenreich aus der 4. Liga erzählen. Plötzlich beim eigenen Klub, hinter die Kulissen zu schauen, kann traurige Wahrheiten ans Tageslicht befördern, Illusionen zerstören. Doch wer als RWO-Fan geboren ist, hatte eh nie allzu große Illusionen. Die neue Mannschaft hinter der Mannschaft ist ein Glücksfall, auch für die Fans. Schnell wird uns klar, dass wir auf ein Ensemble schrulliger Charaktere gestoßen sind, wie man sie im heutigen Profifußball nicht noch einmal findet: Theaterleiter Sommers, Immobilienmakler Dietz und Malermeister Binder, die zusammenfanden, als der Klub am Boden lag. Wer einen Gegenentwurf zum standardisierten Ligaalltag sucht, ist hier goldrichtig. Wer die Normalität des Geschäfts abbilden will, muss nach Augsburg oder Ingolstadt. Wir erkennen aber gleichwohl, dass die Menschen ihr Geschäft professionell betreiben, nur eben mit ihren Mitteln. Und ebenso begreifen wir, dass es selbst hier einige Zeit brauchen wird, um den Manager davon zu überzeugen, dass wir Mannschaftsbus und Spielerkabine von innen sehen wollen.

In der Winterpause: Irgendwann im Trainingslager fallen die Schranken. Wir haben während der Hinrunde ständige Präsenz gezeigt, erste Spielerwohnungen betreten und sind eigens mit nach Freiburg gefahren, durften aber nicht im Mannschaftsquartier wohnen. Stattdessen lernten wir irgendwo unterhalb des Feldbergs ein abgewracktes Sporthotel kennen, das verdienten Werksangestellten von Bayer Uerdingen früher als Apres-Ski-Hütte diente.

Doch ab dem Trainingslager wird fast alles anders. Ist es das zufällige Treffen mit Sportvorstand Thomas Dietz in einem Café zwischen Trainingsplatz und Mannschaftshotel? Dietz plaudert beim Pils, das in Portugal »Super Bock« heißt, über seine größten Spiele in der Betriebsmannschaft der »Sparkasse«. Er erzählt von Streichen, die Franck Ribéry nicht besser hätte inszenieren können, von »Slime«-Glibberzeug in Lederstiefeln. Oder haben wir uns einfach gut gehalten, als abendlich die Zapfanlage der Hotelbar etwas länger belagert wurde? Soll man ja als Sportjournalist angeblich können müssen.

Manager Bruns hatte zuvor den mitgereisten Edelfans in einem Fischrestaurant erklärt, warum Jungprofi Stoppelkamp ab sofort nicht mehr als »Verstolperkamp« zu titulieren sei, war in guter Stimmung. Wenn jemand das gesellige Element von Mannschaftsquartierabenden zu schätzen weiß, ist das der Manager. Wenn es diese Zusammenkünfte nicht gäbe, würde er den Job nicht mehr machen, sagt er.

Nach dem Trainingslager schreiben wir einen Brief, dass wir jetzt in die entscheidende Phase der Geschichte einsteigen wollen: also hinein in die bislang verschlossenen Kabinen auf dem Trainingsgelände, zusammen mit den Spielern in den Mannschaftsbus und nicht zuletzt in die Spielerkabine, möglichst vor einem Meisterschaftsspiel. Es werden uns fast alle Wünsche erfüllt, mit dem Bus geht es nach Kaiserslautern. Nur die Kabine im Stadion Niederrhein dürfen wir erst betreten, als der Klassenerhalt feststeht. Eine Taktikandacht von Trainer Luginger bekommen wir nicht mit.

Schön war es aber auch woanders: Wenn wir an Oberhausen zurückdenken, werden wir uns immer an das »Café Lux« erinnern, das Stammlokal der RWO-Profis. Woanders wäre es ein ganz normales Café, in Oberhausen gilt es gemeinhin als »stylishes In-Lokal«. Das mag daran liegen, dass es hier Latte Macchiato nicht nur gibt, sondern dass auch Gäste existieren, die ihn bestellen. Im Café Lux wird jeder Spieler wie ein verlorener Sohn begrüßt: jeden Tag. Nach Ersatzmann Timo Uster ist im Ecklokal mit der großen Glasfront sogar eine Süßspeise benannt. In einer Stadt, in der die Systemgastronomie des Einkaufscenters »Centro« als große Errungenschaft gilt, hat sich das Lux fast so etwas wie Eigenständigkeit bewahrt. Die Wand ist mit RWO-Unterschriften gepflastert, inklusive persönlicher Widmung von Kapitän Benny Reichert.

Sollten die Spieler hier einmal einen über den Durst trinken, wäre das auch kein Problem. Wer in der Spielzeit 2008/09 bei RWO kickt, so erfahren wir in unseren Gesprächen, wird in Oberhausen bei Polizeikontrollen für gewöhnlich durchgewinkt.

Frühsommer 2009 in Berlin: Leider müssen wir uns für die Heftversion der Geschichte, zur besseren Lesbarkeit, von einigen Personen trennen, die uns längst ans Herz gewachsen sind. Ein gutes Beispiel: Thorsten Binder, der Malermeister im Vorstand. Er verkörpert ganz viel von dem, was den neuen RWO ausmacht. Woanders landen Fans vielleicht im Aufsichtsrat, in Oberhausen wird man Vorstandsmitglied. Wenn sein Handy spieltags auf dem Stadionvorplatz ertönt, meldet er sich – passend zur aktuellen »Malocher«-Kampagne – mit einem gehetzten »Bei der Arbeit«. Wenn das Telefon klingelt, hört man die Melodie der RWO-Einlaufhymne: »Die Macht am Niederrhein« von der Punk-Band Emscherkurve 77.

Binder organisiert in Oberhausen nicht nur die Bus- und Bahnfahrten der Fans, sondern gilt als Großmeister der Improvisation. Als sich die beauftragte Fluglinie vor dem Trainingslager weigert, das notwendige Handwerkszeug zu akzeptablen Konditionen zu transportieren, fährt er kurzerhand mit einem Kleinbus nach Portugal: drei Tage hin, drei Tage zurück. Mit an Bord: ausreichend Hütchen, Springseile und Bälle. Die Testspiele filmt er ebenfalls eigenhändig, mit einer handlichen Videokamera. 

Während Funktionäre woanders von ihrer Eitelkeit getrieben werden, scheinen sie in Oberhausen tatsächlich ihren Traum zu leben: Binder, wenn über 1000 Fans mit nach Kaiserslautern reisen, Dietz, wenn er die Stadionpläne an der Hotelbar auf einen Zettel malt, und Sommers, wenn er Buddha Bruns zum Kaffeeklatsch empfängt, im St. Pauli-Kapuzenpullover. Glück auf!

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