11.08.2007

Mainz 05`s Superlativ

Der ausdauerndste Sprecher

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Jeder Verein bekommt den Stadionsprecher, den er verdient. So auch in Mainz. Klaus Hafner tanzt jetzt sogar Samba vor dem Fan-Block.

Text:
Daniel Meuren
Bild:
Imago
Irgendwie hat ja jeder Verein den Stadionsprecher, den er verdient. Bayern München stellt einen Schreihals auf den Rasen. Borussia Dortmund beschäftigt seinen ehrenwerten Ex-Stürmer Norbert Dickel, damit wenigstens die »Stimme des Stadions« an selige Zeiten erinnert. Andere Klubs geben Selbstdarstellern eine Bühne, die im Ernst davon ausgehen, dass ein Großteil der Fans ihretwegen ins Stadion kommt und nicht etwa, um ein Fußballspiel zu schauen. Nur der FSV Mainz 05 hat Klaus Hafner. Der sagt: »Ich habe noch immer jedes Mal eine Gänsehaut, wenn ich die Aufstellung vorlese und mir das gesamte Stadion den Nachnamen entgegenbrüllt.«



Seit 1989 ist der 53 Jahre alte Bankangestellte schon Herr über das Mikrofon am Bruchweg, zu jener Zeit alles andere als ein Vergnügen. Gerade einmal 2000 bis 3000 Fans kamen in der ersten Zweitligasaison nach anderthalb Jahrzehnten Abstinenz vom bezahlten Fußball zu den Heimspielen. Über eine blechern klingende, alle paar Minuten komplett versagende Verstärkeranlage musste Hafner die Aufstellung verkünden und ein paar Werbedurchsagen machen. »Um diese Aufgabe hat sich in diesen Tagen wirklich keiner gerissen«, erinnert er sich. »Wir hatten zudem schon damals ein Publikum, das sich beschwert hat, wenn man es nur zum Klatschen aufgefordert hat.« Präsident Harald Strutz war letztlich gezwungen, einen Taschenspielertrick anzuwenden, um Hafner dauerhaft ans Mikro zu binden. Er schickte ihn irgendwann einfach zur Einsatzbesprechung mit der Polizei und dem Ordnungsdienst. Hafner übernahm fortan die Sprecherrolle und entwickelte sich vom anfangs biederen Torschützenverkünder zu einem lockeren Plauderer. Wenn der 1,94-Meter-Hüne heute heiß läuft, tanzt er in seiner weißen Hose und dem rotem T-Shirt mit der »12« auf dem Rücken gar den Hafner-Samba, trotz seiner nicht eben grazilen Figur. Nach dem Sieg gegen Cottbus in der vergangenen Saison trug er den Ägypter Mohamed Zidan für seine drei Tore auf Schultern durchs Stadion. Der »Kamelritt vom Bruchweg« ist seither einer der legendärsten Auftritte des Stadionsprechers. »So Sachen passieren ganz spontan, weil ich während eines Spiels so viel Adrenalin produziere«, sagt Hafner. Ähnlich berühmt wie solche Aktionen sind seine Eingriffe ins Spiel, wenn er das Publikum bei eher müdem Spielverlauf mit dem sonor ins Mikrofon geknallten Slogan »Auf geht’s« zur Unterstützung des Teams animiert – manchmal gar auf Bitten des ratlosen Trainers Jürgen Klopp.

»Er war schon in Zeiten die Identifikationsfigur, als es noch nicht so gut lief«


Die »Stimme vom Bruchweg« setzte außerdem durch, dass die Mainzer Fans den Gegnern – wenn sie nicht gerade aus Frankfurt oder Kaiserslautern angereist kamen – die Vorstellung der eigenen Spielernamen gestatteten. »Mich hat es immer in fremden Stadien gestört, wenn die Fans bei der Vorstellung der Gästemannschaft dieses bescheuerte ›Arschloch‹ gerufen haben. Für uns gibt es hier in Mainz keine Gegner, die wir verunglimpfen müssen. Wir freuen uns auf Gäste, mit denen wir Fußball spielen«, sagt Hafner. »Und diese Gäste begrüßt man, so wie es sich für einen guten Gastgeber gehört.« Dieser Kurs kommt bei den Fans der 05er auch vor der 20. Spielzeit in derselben Tonlage noch immer gut an. »Der Klaus war schon in Zeiten die Identifikationsfigur, als es noch nicht so gut lief, und ist mit seiner urtümlichen Art auch authentisch«, sagt Emanuel Schömer von den Supporters Mainz. »Außerdem symbolisiert er die Entwicklung des Vereins. Er hatte vor zehn oder 15 Jahren noch denselben provinziellen Anstrich wie der Klub und wurde dann immer besser.«

Nur einmal schien Hafner, der nebenher auch noch als Hallensprecher bei den Spielen des Mainzer Basketballvereins ASC Theresianum arbeitet, den Klubverantwortlichen nicht mehr gut genug. Als die Mainzer 2004 in die Bundesliga aufgestiegen waren, sollen einige Entscheidungsträger einen Wechsel auf dem Posten angeregt haben. Die »Fettsau«, wie Hafner aufgrund seiner einstigen Leibesfülle durchaus liebevoll von den Fans gerufen wird, war in den Augen seiner Kritiker nicht mehr salonfähig. Hafner blieb am Mikrofon und belehrte die Kritiker eines Besseren: Nicht nur, dass er in den vergangenen, diätgeprägten Monaten von rund 160 auf 114 Kilogramm geschrumpft ist, auch jenseits der Körperfettwaage wurde er zum Glücksfall. Selbst wenn sich manch auswärtiger Journalist über Hafners Kasperaden mokierte, so ist er doch mitverantwortlich für den formidablen Ruf des Mainzer Publikums. »Der Oberfan oder die Stimme der Fans bin ich deshalb aber noch lange nicht«, sagt Hafner. »Stattdessen könnte ich mich an jedem Spieltag immer wieder aufs Neue vor denen niederknien.«

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