Maik Barthel und Co.: Zu Besuch beim Ausbildungsseminar

Traumberuf: Spielervermittler

In der hessischen Provinz büffeln Studenten, Ex-Profis und Immobilienmakler für ihre Zukunft: Sie wollen die offizielle Lizenz als FIFA Players Agent. Wir besuchten einst ein Vorbereitungsseminar in dem auch Lewandowski-Berater Maik Barthel saß.

Ein Besuch bei einem VorbereitungsseminarMichael Hudler
Heft#107 10/2010
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Einträge ins Klassenbuch wird es nicht geben. Nachsitzen muss heute auch niemand. Die Schüler sind schließlich freiwillig hier. 13 erwachsene Männer fläzen in den Stühlen wie zu besten Teenagerzeiten. Vor der Tür saugen Putzfrauen Wollmäuse auf, draußen prasselt der Regen gegen die Scheibe. Im abgedunkelten Kellerraum eines Tagungshotels im südhessischen Riedstadt surrt der Videobeamer. Nur die Stimme von Tom Eilers stört dieses Stillleben. »Barthel?«, ruft er in den Raum. In der letzten Reihe hebt sich ein Finger. »Kunath?« Ein Nicken in Reihe zwei. »Herzlich willkommen im Vorbereitungsseminar auf die Spielervermittlerprüfung des DFB«, grüßt es vom Flip-Chart an der Eingangstür. »Ihr Referent: Tom Eilers.«

Eilers ist ein Riese im Kostüm eines Handelsvertreters: Hemd, Schlips und Bundfaltenhose sitzen modisch eng. Am Handgelenk des Zwei-Meter-Hünen blitzt eine Armbanduhr in Handflächengröße. Der ehemalige Zweitligatorhüter von Darmstadt 98 arbeitet mittlerweile als Rechtsanwalt und leitet nebenberuflich Seminare für angehende Spielervermittler. Um 9.45 Uhr morgens sitzt bei ihm noch nicht jeder Handgriff. Der Laptop streikt. Ein Stapel Handouts kippt um. Ein Seminarteilnehmer schaut aus dem Fenster und gähnt. Draußen in der Stahlbaustraße herrscht Tristesse industrial. Als wolle er einen Startschuss geben, setzt im Nebenraum ein Arbeiter seinen Schlagbohrer an und hämmert eine 26 Millimeter dicke Erinnerung in die Rückwand des Seminarraums »Woyzeck«: An die Arbeit! »Schlechte Nachrichten«, legt Eilers los, »die einzige Teilnehmerin hat abgesagt.« Ein erster Lacher.

Ohne Vorbereitung? Chancenlos!

Vielleicht ahnte die Nicht-Anwesende, dass vor ihr ein Weg als Branchenexotin liegen würde. Denn von den 317 lizenzierten Spielerberatern in Deutschland sind nur neun weiblich. Die Szene ist eine Männerdomäne und ein verschwiegener Kreis zudem. Wie viele Berater wirklich aktiv sind, weiß niemand. Experten schätzen die Zahl auf über 900. Zwei Drittel arbeiten inoffiziell, denn laut Verbandsstatuten ist es nur lizenzierten Vermittlern erlaubt, Spieler bei Vereinen anzubieten und beim Weiterverkauf Provisionen zu kassieren. Wer die Lizenz erwerben will, kann halbjährlich eine schriftliche Prüfung beim DFB ablegen. Zwanzig Fragen im Multiple-Choice-Verfahren. Die Durchfallquote liegt allerdings beständig bei 90 Prozent. »Ohne Vorbereitung ist man praktisch chancenlos«, ist sich Eilers sicher.

Was soll er auch sagen? Sein Nebengeschäft läuft gut. Im Jahr 2006 war er der Erste, der Kurse dieser Art anbot. Mittlerweile teilt er sich den Markt mit weiteren Anbietern wie dem Studieninstitut IST. Dabei sind die Seminare nicht verpflichtend, sie sollen den Teilnehmern lediglich einen Leitfaden durch das Dickicht der Prüfungsanforderungen geben. Diese fragen anhand von fiktiven Szenarien die gelernten Regularien und Begriffe ab. Häufig geht es in den Klausuren um Transfers von jungen Spielern über mehrere Länder. Dazu müssen anfallende Ausbildungsentschädigungen berechnet oder der Status des Spielers bei den verschiedenen Vereinen zugeordnet werden. 75 Prozent der Fragen kommen vom Weltverband FIFA, der Rest vom Deutschen Fußball-Bund.

Keine geheimen Fragen vom DFB


Als Sohn des ehemaligen DFB-Chefjustitiars Goetz Eilers und Mitglied des Sportgerichts hat Tom Eilers gute Voraussetzungen für seinen Nebenjob. Viele Teilnehmer erwartet bei ihm das Quäntchen Insiderinformation, das die anderen Anbieter nicht haben. »Ich bekomme keine geheimen Fragen vom DFB zugeschoben«, erklärt Eilers, während er die Handouts austeilt.

Auf dem Laptopbildschirm in Reihe eins kommen Neuigkeiten rein: »15,5 Millionen: Diego zu Wolfsburg«, tickert transfermarkt.de, die virtuelle Bibel der Beraterszene. In knapp 96 Stunden schließt die Wechselbörse und hier, zwischen abgepackten Gummibärchen und piependen Mobiltelefonen, träumen alle davon, irgendwann auch einen dicken Fisch vermitteln zu können. Von sechsstelligen Provisionen. Vom High Noon am Verhandlungstisch. Doch der Weg dorthin ist weit und zäh.

»Wenn einer meint, die Champions League sei seine Liga, hat das was für sich. Doch wir fangen etwas kleiner an«, leitet Eilers die erste Folie seiner Präsentation ein: Organigramme des DFB und der FIFA. Was folgt ist der Versuch, das Rechtsmonstrum hinter dem Fußball zu bändigen: Registrierungsmodalitäten, Spielberechtigungen für das In- und Ausland, ein bisschen Ethik, Paragraphen und Rechtsnormen. Grundlage der Prüfung sind die Statuten und Zirkulare der Verbände. Drei prall gefüllte Ordner, knapp 1500 eng bedruckte Seiten. Eilers’ Seminar soll die Prüfungsinhalte aufs Wesentliche eindampfen. Am Ende gibt es einen Test aus alten Klausurfragen. Um das Pauken kommt niemand herum. Manche sitzen in der Folge täglich fünf Stunden über dem Stoff. Bis zu 150 Prüflinge versuchen sich halbjährlich am Beratertest. Im letzten Jahr haben außergewöhnlich viele bestanden. Eine »Balkan-Connection« sei im Besitz der Fragen gewesen, heißt es. Manche hätten nicht mal deutsch gekonnt.

Christian Hochstätter über Spielerberater: »Nicht mein Business!« >>

»Ich bin mir hundertprozentig sicher, dass ich die Klausur packe«, erklärt Mato Majstorovic. Der 37-jährige Kroate steht auf der Terrasse des Hotels und lädt die umstehenden Teilnehmer zwischen Stiefmütterchen und Standaschenbecher herzlich zu einem Ritt durch sein bewegtes Leben ein. Drei Zigarettenlängen reichen aus, um das Wichtigste abzuarbeiten: Geboren in Hamburg, BWL-Studium in München. Seine Redakteurszeit beim Society-Magazin »Hit« war wie ein Tag im Freizeitpark. Das Interview mit der noch unbekannten Angelina Jolie. Unvergesslich. Der Tagestrip nach New York: neun Stunden Aufenthalt, Postkarten schreiben und wieder zurück für nur 500 Mark. Nur einmal wurde es richtig eng: Beinahe hätte er einen Hell’s Angel in die Leitplanken gedrängelt. Das Wortgefecht auf einem Münchener Autobahnzubringer war laut und schmutzig. Am Ende hat der speckige Rocker klein beigegeben. Das waren Zeiten. Immer Vollgas. Ein Wahnsinn, mein Lieber.

Es sind Geschichten, irgendwo zwischen Wahrheit und Fiktion. Wenn es um die Gegenwart geht, wird Majstorovic schon leiser. Er arbeite als Freiberufler. Die Branche? Nicht wichtig. Sein Bruder Ivica spielt in Griechenland, hat gute Kontakte nach Deutschland. Potentielle Klienten bekommt Majstorovic auf dem Silbertablett serviert: »Regionalligaspieler, Deutsche Meister, alles dabei. Mit denen will ich korrekt arbeiten.« Namen nennt er nicht, schließlich hängen ihm hier nicht nur Mitschüler, sondern eben auch zukünftige Konkurrenten an den Lippen. Majstorovic verlegt die große, weite Welt auf die kleine Terrasse am Ende der Stahlbaustraße im Gewerbegebiet Riedstadt-Goddelau.

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