15.08.2012

Magath und Diego: Chronologie einer schwierigen Beziehung

Hassliebe

Felix Magath ist ein Mensch, der vergeben kann. Das bewies er schon bei Patrick Helmes. Nun hat es sich der Wolfsburger Chef zur Aufgabe gemacht, auch Diego wieder zu integrieren. Der Brasilianer wurde nun sogar in den Mannschaftsrat gewählt – eine Entwicklung, die im Mai 2011 unvorstellbar gewesen wäre.

Text:
Christoph Erbelding
Bild:
Imago

20. März 2011

27. Spieltag. Felix Magath, der Wolfsburger Meistermacher von 2009, ist zum VfL zurückgekehrt und soll den Klassenerhalt sicherstellen. Im ersten Spiel gibt es ein 1:1 beim VfB Stuttgart. Spielmacher Diego meldet sich einige Tage später zu Wort: »Für mich persönlich ist der Trainerwechsel gut. Magath hat einen beeindruckenden Lebenslauf und ist ein sehr angesehener Trainer. Ich bin sicher, dass er uns helfen kann.« Der Brasilianer hofft, dass ihn Magath wieder zur Verfassung vergangener Tage treibt: »Ich kann noch viel mehr für die Mannschaft machen. Wenn ich die Form kriege, die ich damals bei Werder Bremen hatte, kann sich hier etwas entwickeln.«

5. April 2011

Den warmen Worten lässt Diego eine unschöne Aktion folgen. Im Spiel gegen Eintracht Frankfurt (1:1) tritt der Brasilianer Patrick Ochs von hinten in die Hacke. Der Frankfurter ist außer sich: »Diego ist eine kleine Drecksau!« Kurzzeitig wird eine mehrwöchige Sperre für Diego diskutiert, um die der Brasilianer herumkommt, weil die Aktion im Blickfeld des Schiedsrichters stattgefunden hatte. Magath ist von der Aktion irritiert: »Diego ist einer meiner Ansprechpartner. Wenn er das absichtlich gemacht hat, dann war das nicht in Ordnung.«



17. April

31. Spieltag. Der VfL Wolfsburg würgt sich gegen Schlusslicht St. Pauli zu einem 2:2. Als das Spiel nach 72 Minuten beim Stand von 1:1 in die entscheidende Phase geht, wechselt Magath Diego aus.


14. Mai



34. Spieltag. Seit Magaths Amtsantritt stand Diego immer in der Startelf. Am letzten Spieltag nimmt ihn der Trainer für das Spiel bei der TSG Hoffenheim aus der Formation. Als Magath ihm die Entscheidung mitteilt, verlässt der Brasilianer wütend die Mannschaftssitzung und verweigert die Anreise ins Stadion. Magath ist fassungslos: »Ich habe in meiner Karriere viel erlebt, aber so etwas noch nicht.« Ohne Diego gewinnt der VfL mit 3:1 in Hoffenheim und schafft damit den Klassenerhalt. Nach dem Schlusspfiff wird gefeiert, doch im medialen Interesse spielt nur Diegos Verhalten eine Rolle. »Es wird erst eine Geldstrafe geben, dann eine Abmahnung«, sagt Magath. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass Diego unter Felix Magath eine Zukunft hat«, vermutet Franz Beckenbauer. »Diese Aktion von Diego vor so einem wichtigen Spiel ist nicht zu entschuldigen«, findet VfL-Verteidiger Marcel Schäfer. Eine Entschuldigung von Diego bleibt aus. Auf seine Situation angesprochen, sagt er: »Ich habe noch Vertrag in Wolfsburg.«



19. Mai



Während die Diskussionen um Diegos Abgang weitergehen und eine Geldstrafe im sechsstelligen Bereich im Raum steht, stellt sich in Marcel Schäfer ein VfL-Akteur vor Diego: »Seine Aktion war schade. Aber das kann man alles ausräumen«, sagt Schäfer. Dass der Brasilianer vor dem Hoffenheim-Eklat ein Einzelgänger beim VfL gewesen sein soll, verneint der Abwehrspieler: »Wenn es nicht läuft, meldet sich Diego zu Wort. Und das war ja in dieser Saison öfter der Fall.«



22. Juni



Der VfL Wolfsburg hat die Vorbereitung auf die neue Saison aufgenommen, und noch immer steht nicht fest, wie Felix Magath weiter mit Diego umgehen will. Eine Geldstrafe – die Sportbild spekuliert über 500.000 Euro – hat es bereits gegeben. Ein Gespräch im anstehenden Trainingslager soll über 
 die Zukunft entscheiden.



24 Juni



Felix Magath hat genug. »Es war klar, dass eine weitere Zusammenarbeit schwierig sein würde und dass es besser ist, sich zu trennen«, sagt der VfL-Chef noch in der Hoffnung, die Zusammenarbeit mit Diego bald zu beenden. Die beiden Streithähne schließen einen Pakt. Demnach darf Diego weiterhin mit der Mannschaft trainieren, muss sich jedoch aktiv um einen neuen Arbeitgeber bemühen. »Es ist unmöglich, weiter zusammenzuarbeiten. Ich habe mich in Wolfsburg immer sehr wohlgefühlt und respektiere jeden im Verein«, kommentiert der Brasilianer den neusten Entwicklungsstand und zeigt sich zu seiner Flucht von Hoffenheim mittlerweile einsichtig: »Ich habe einen Fehler gemacht.« 



26. Juni



Der erste mögliche Diego-Interessent kommt aus Brasilien. Botafogo hat ein neues Stadion angemietet und bietet dem Wolfsburger VW-Konzern brasilianischen Medienberichten zufolge kostenlose Werbeflächen an, sofern Diego im Gegenzug kostengünstig verpflichtet werden kann. Der Brasilianer zieht einen Transfer nach Brasilien in Erwägung, um wieder näher an der Nationalmannschaft dran zu sein. Zum Zerwürfnis mit Magath sagt er: »Es ist nicht meine Art, mich mit Trainern anzulegen. Aber ganz ehrlich. Magath hat eine ganz eigene Art.«

28. Juni

Zwei Tage später sind Gedankenspiele um eine mögliche Rückkehr nach Brasilien dahin. Diego zieht es in die englische Premier League: »Im Moment ist England der Ort, an dem ich spielen möchte.« Erste Kontakte seien bereits geknüpft. Namen will er aus »Respekt für die Manager« nicht nennen.

1. August

Brasilien ist raus, England ist raus, jetzt soll es Spanien sein. Diegos Vater und Berater Djair da Cunha geht in die Offensive und sagt zur Offerte, die ihm Atletico Madrid vorgelegt wurde: »Diego ist begeistert von der Idee.« Sein Sohn ist weniger euphorisch. »Wir warten noch. Es gibt mehrere offizielle Angebote für mich.« Der VfL Wolfsburg offenbart bei einer 2:3-Niederlage im DFB-Pokal gegen RB Leipzig, dass er die Qualitäten Diegos gut gebrauchen könnte.



15. August

Bis zum Ende der Transferperiode sind es noch 17 Tage, doch ein Wechsel Diegos – wohin auch immer – ist noch nicht fixiert. »Jeder kennt die Situation, für die interessierten Klubs ist es nicht einfach, es geht um viel Geld«, klagt der Brasilianer. Das Problem: Der VfL will Diego verkaufen und zehn Millionen Euro Ablöse einstreichen, mögliche Interessenten wie Atletico Madrid hingegen streben ein Leihgeschäft an. Mittlerweile befürchtet Diego, dass er in Wolfsburg bleiben muss. »Das wäre für keine Seite gut, aber ich mache jeden Tag meinen Job und respektiere die Entscheidung des Vereins.«



31. August



Galatasaray Istanbul, Tottenham Hotspur – bis zum Ende der Wechselfrist mischen sich noch einige Vereine in den Diego-Poker ein, doch letztlich gibt Magath seinen ungeliebten Spielmacher auf Leihbasis an Atletico Madrid ab. »Ich bin überzeugt, dass Diego in Madrid eine hervorragende Rolle spielen wird. Dafür wünsche ich ihm alles Gute.« Der VfL hat seinen Problemfall gelöst. 


 
 
 
 
 
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