Magath gegen van Gaal

Großmeister unter sich

Am Mittwoch kreuzen sich die Wege der beiden außergewöhnlichsten Trainer dieser Saison: Felix Magath gegen Louis van Gaal – ein Duell wie Karpow gegen Kasparow. Doch wer spuckt wem in die Suppe? Magath gegen van Gaal Schalke gegen Bayern: Auf dem Papier sind die Rollen zwischen Herausforderer und Seriensieger scheinbar klar verteilt. Die Frage würde normalerweise wie selbstverständlich lauten: Kann der Gelsenkirchener Cheftrainer seinem Münchner Kollegen in die Suppe spucken? So schön einfach wäre die Typisierung, wäre nicht Felix Magath dabei, seine ganz eigene, vereinsübergreifende Ära zu begründen. Double 2005 und 2006, Meister 2009 – Magath ist unbestritten der Trainer der Gegenwart, und so ist es wohl allem Münchner Großmachtsdenken zum Trotz eher der Holländer, der die Porzellanschüssel des Gegenübers ins Visier nimmt.

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»Bundesliga Manager« in Echt

Felix Magath hat den Fußball ins Dienstleistungszeitalter überführt, in Wolfsburg wie auf Schalke. Statt leerer Treueschwüre formuliert der 56-Jährige ehrgeizige Projektpläne und setzt sie schnellstmöglich in die Tat um. Magath macht keinen Hehl aus seiner Verachtung für die Mechanismen des Trainergeschäfts, dessen »Hire and fire«-Spirale sich in immer rasanterer Geschwindigkeit dreht. Nur ist er der erste, der daraus den einzig richtigen Schluss gezogen hat: Wenn der Trainer schon für alles verantwortlich gemacht wird, sollte er wenigstens auch für alles verantwortlich sein. Bilanz, Transfers, Training, Taktik: Magaths Selbstverständnis ist wie die Computer-Simulation »Bundesliga Manager« im richtigen Leben.

Louis van Gaal war dagegen nicht für die frühsommerliche Einkaufstour des FC Bayern verantwortlich. Das schien dem Holländer lange Zeit nicht zu schmecken. 30 Millionen für Gomez? Ab auf die Bank! 11 Millionen für Timoschtschuk? Plane mit anderen! Erfolgreichster Torschütze Toni? Kann gehen. So das bizarr anmutende Szenario im Münchner Herbst 2009. Für eine Weile schien van Gaal genau wie sein Vorgänger Klinsmann an zu viel Eigenwillen und Umwälzergeist bei ausbleibendem Erfolg zu scheitern.

Doch die Bayern fingen sich, was auch an einer Gemeinsamkeit zwischen dem Mann mit den tausend Vornamen und dem Brillenträger mit dem Schleiferimage liegt, die im Laufe der Spielzeit Kontur gewann: Der Mut, blutjunge Spieler erfolgreich in eine Mannschaft einzuarbeiten. Müller, Badstuber, Alaba auf der einen, Matip, Moritz und Schmitz auf der anderen Seite: Namen, die vor einem Dreivierteljahr keiner kannte und die seitdem zu Leistungsträgern innerhalb der jeweiligen Millionärskader wurden. Wenn es Rehhagels uralter apologetischer Sentenz folgend wirklich keine alten und jungen, sondern nur gute und schlechte Spieler gibt, dann haben van Gaal und Magath diese These in den letzten Monaten belegt – allerdings anders, als sie ursprünglich gemeint war.

Leise gegen laut

Gar nicht parallel verliefen dagegen die öffentlichen Auftritte der beiden Großmeister des Rasenschachs. Während Magath auch nach der tollen Hinrunde mit 10 Siegen nach außen stets tiefstapelte (nicht ohne zeitgleich eine personelle Mobilmachung zu starten, die Weltkriegsvergleichen standhält), nahm der »Tulpen-General« gegenüber den Medien keine Gladiolenblüte vor den Mund, polterte, verurteilte, stichelte, lobte, äußerte sich jedenfalls im seltensten Fall so, wie es die meisten anderen Trainer getan hätten.

Van Gaals kauziger Ruf hatte die bayrische Landeshauptstadt bereits mit einigen Wochen Vorsprung erreicht, begierig stürzten sich dann auch die einschlägigen Blätter auf aristokratische Siezgewohnheiten und sonstige Schrullen und rieben sich über die wunderbar ausschlachtbare Medienaversion des Erfolgstrainers die Hände.

Schalkes neuer Machthaber Magath sorgte in den ersten Monaten seiner Amtszeit ebenfalls für Schlagzeilen, zunächst wegen der strukturellen Umbaumaßnahmen innerhalb des Traditionsklubs, die mit finanziellen Hiobsbotschaften einher gingen. Dann wurde beides rasch durch den unvermutet früh einsetzenden Erfolg von den Titelseiten verdrängt. »Erstaunlich« nannte Torwart Neuer unlängst den bisherigen Saisonverlauf, weniger zurückhaltende Beobachter nennen die Entwicklung, die der FC Schalke seit August genommen hat, schlicht sensationell.

Auch das Modell van Gaal nimmt indes Form an – vor allem eine 180 cm große, ziemlich schnelle und ganz schön teure. Während Magath im Winter für einen einstelligen Millionenbetrag »8 für 6« im Spielerlotto zog, kaufte der FC Bayern seinem Coach für 24 Millionen Euro dessen Lieblingsspieler. Arjen Robben, das haben die letzten Wochen gezeigt, ist derzeit die Lebensversicherung des Bundesligaspitzenreiters. Zwei Tore im Achtelfinale der Champions League, zwei späte Tore gegen Freiburg. Weil sein flinker Landsmann die entscheidenden Nadelstiche setzt, kann van Gaal nun von oben auf die Kontrahenten herabreden.

Psycho-Mätzchen vor dem Duell


Es sei gut zu wissen, dass die Konkurrenz »mit dem Druck nicht umgehen« könne, ätzte er nach den Spielen am Wochenende. Die Konkurrenz, das scheint in Liga wie Pokal vor allem Magaths Schalke zu sein. Dass sich am Samstag einzig die Bayern blamierten und van Gaals jüngster Personalcoup David Alaba dabei ein Zweikampfverhalten an den Tag legte, wie es alle Lells und Oddos dieser Welt nicht schlimmer vermocht hätten, tangierte den Münchner Cheftrainer dabei nicht.

Magath kennt natürlich die üblichen Mätzchen vor solch wichtigen Duellen und gab prompt zurück, dass er nichts anderes als den Pokalsieg anstrebe und gar nicht daran denke, sich zu Hause in der Arena die Butter vom Brot nehmen zu lassen. Ein verbales Remis zum Auftakt der entscheidenden Wochen.

Am Mittwochabend kreuzen sich also die Wege der beiden außergewöhnlichsten Trainer dieser Saison. Felix Magath, der in diesem Jahr das dritte Double seiner Trainerkarriere gewinnen könnte, will sich nicht bei der Fortführung seines eigenen Denkmalbaus beirren lassen. Louis van Gaal will sein erstes Finale in Deutschland erreichen und die außerordentlich erfolgreiche Pokalbilanz der Bayern gegen die Schalker ausbauen, die nur eines von zehn Aufeinandertreffen gewinnen konnten.

Und wer weiß: Vielleicht schwingt sich ja am Mittwoch Abend tatsächlich auf einer der beiden Seiten einer der genannten Jungen zum Pokalhelden auf. Wie am 2. Mai 1984, als ein gewisser Olaf Thon einen Tag nach seinem 18. Geburtstag... ach, Sie kennen die Geschichte!

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