März 1965: Jürgen Sundermann bekommt ein unmoralisches Angebot

»Wir lassen euch gewinnen!«

März 1965. Slovnaft Bratislava empfängt Hertha BSC Berlin im International Football Cup. Ein Spiel, das eigentlich schon vor dem Anpfiff entschieden ist. Jürgen Sundermann erinnert sich an ein unmoralisches Angebot. März 1965: Jürgen Sundermann bekommt ein unmoralisches AngebotIllustration: Mario Wagner
Heft#113 04/2011
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1965 reisten wir für das Viertelfinal-Rückspiel im »International Football Cup« in die damalige Tschechoslowakei, um gegen Slovnaft Bratislava zu spielen. Eine lästige Pflichtaufgabe drei Tage vor dem entscheidenden Spiel im Abstiegskampf gegen Kaiserslautern. Das Hinspiel gegen Slovnaft hatten wir in Berlin 5:0 gewonnen, der Einzug ins Halbfinale war eigentlich gemachte Sache.

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Am Abend vor der Partie bezogen wir unser Hotel, für 23 Uhr hatte Trainer Gerhard Schulte Bettruhe angeordnet. Viel zu früh für Torwart Wolfgang Fahrian, Uwe Klimaschefski und mich. Außerdem hatten wir noch eine Verabredung. Beim Spielerbankett nach dem Hinspiel war eine Gruppe von gestandenen Slovnaft-Spieler auf uns zugekommen, sie hatten uns ein Angebot zu machen. Und das war mehr als deutlich. Ihr Kapitän sagte im brüchigen englisch: »Durch das 5:0 seid ihr ja quasi schon im Halbfinale. Wir lassen euch das Rückspiel in Bratislava gewinnen und teilen uns dann eure Siegprämie. Was haltet ihr davon?«

Gewinnen und kassieren wollten wir eh!

Für die tschechoslowakischen Fußballer war unsere harte D-Mark natürlich noch mal das Dreifache wert. Gegen das Angebot der Tschechoslowaken hatten wir nichts einzuwenden. Der Bundesliga-Skandal war noch weit entfernt und warum sollten wir uns groß Gedanken machen? Gewinnen und kassieren wollten wir eh. Wenn uns der Gegner den Erfolg erleichtern wollte – bitte sehr! Solche Abmachungen unter der Hand waren damals nicht unüblich, eigentlich sogar eine ziemlich normale Sache.

Am besagten Mittwochabend schlichen wir uns also aus unseren Hotelzimmern und setzten uns in ein Lokal. Dort wartete auch schon die Slovnaft-Fraktion. Wir besprachen noch einmal das morgige Spiel. Alles sollte so laufen, wie geplant: Die Bratislava-Akteure versprachen, ein paar Gänge runter zu schalten, um uns die Partie gewinnen zu lassen. Darauf stießen wir an. Natürlich blieb es nicht bei einem Bier. Es war ein schöner Abend, wir waren jung und die Musik gefiel mir – ich wollte tanzen! Also bat ich eine attraktive Tschechoslowakin zum Tanz und wir fegten übers Parkett. Als die Musik beendet war, verließen wir alle das Lokal, im Arm hatte ich da noch meine »Taube«, wie ich hübsche Mädchen damals zu nennen pflegte. Plötzlich jagte uns aus der Dunkelheit Hertha-Obmann Wolfgang Holst entgegen. Mit hochrotem Kopf schrie er: »Um die Zeit noch saufen, und das vor so einem wichtigen Spiel am Samstag? Ja, spinnt ihr denn!« Wir also fix in unsere Betten.

Die Journalisten setzten uns die Pistole auf die Brust

Am nächsten Morgen nahmen uns ein paar der mitgereisten Berliner Reporter zur Seite: »Wir wissen, dass ihr gestern noch unerlaubt ausgegangen seid. Wenn ihr gegen Kaiserslautern verliert, müssen wir das veröffentlichen.« Das wäre ein Skandal gewesen und uns wurde schnell bewusst, dass die ganze Aktion ziemlich dämlich gewesen war.

Erst einmal stand jedoch das Spiel gegen Slovnaft auf dem Programm. Ich machte mich ganz locker warm, das Ding war ja abgemachte Sache. Doch spätestens nach dem 0:1 merkten wir, dass nicht jeder unserer Gegenspieler bei der Aktion mit der Prämienteilung mitziehen wollte. Noch während der Partie fragte ich mehrfach bei unseren Freunden aus dem Lokal nach. Die verzweifelte Antwort der »Alten Hasen«: »Was sollen wir machen? Unsere jungen Spieler hören nicht auf uns!«

Immerhin: Der Zeitungsskandal blieb aus

Wir verloren 0:2, die Siegprämie war also dahin – auch für unsere Freunde aus Bratislava. Ein Happy End gab es dennoch: Gegen Kaiserslautern ackerten wir uns zu einem 2:1-Sieg, der Zeitungsskandal blieb aus. Dass wir am Ende der Saison trotzdem in die Regionalliga versetzt wurden, hatte nichts mit uns Spielern zu tun: Hertha hatte gegen die Auflagen des DFB verstoßen. Ganz ohne Kneipen-Absprachen.

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