Zum eigentlichen Bruch zwischen Casillas und Mourinho kam es aber im Sommer 2011. In Mourinhos erster Saison begegneten sich Barça und Real in einer Art Clasico-Marathon. Egal ob Liga, Champions League oder Pokal – immer gab es das Duell der Giganten. Und mit jedem Spiel wurde die Atmosphäre zwischen den Rivalen hitziger. Mourinho befeuerte die Stimmung, er hoffte, mit seinem aggressiven Vorgehen Barcelonas Spieler verunsichern zu können. Im August 2011, beim ersten Supercup-Spiel, kam es dann erneut zum Eklat. Die Nationalspieler beider Teams gingen sich an wie gereizte Kampfhähne, Spanien diskutierte, ob diese Spieler überhaupt wieder zusammen auf dem Feld stehen könnten. Selbst Spaniens Trainer Vicente del Bosque war nicht sicher, ob der Graben je wieder zu schließen sei. Mourinho hatte einen Keil zwischen die Spieler getrieben – sein Ziel schien erreicht.
Ein Anruf bei den alten Freunden Puyol und Xavi
Auf dem Höhepunkt der Konfrontation griff Casillas zum Telefon. Er rief Barcelonas Kapitäne Carles Puyol und Xavi an, um wieder Frieden herzustellen. Die drei sind schon lange befreundet, es wurde ein offenes und langes Gespräch. Am Ende war man sich einig, dass es so nicht weiter gehen könne. Zum Wohle der Nationalmannschaft müsse man in Zukunft auf gegenseitige Provokationen verzichten. Joaquim Hernandez, der Vater von Xavi, bestätigt das Gespräch: »Die Situation zwischen beiden Lagern war extrem angespannt, obwohl die Spieler ein Jahr zuvor zusammen Weltmeister geworden waren. Das Telefonat kam gerade noch zur rechten Zeit.«
Mourinho bekam Wind von der Sache und tobte. Er betrachtete den Friedensgipfel als persönlichen Verrat an seiner Person. Anschließend überlegte er, Casillas die Kapitänsbinde zu entziehen. Offiziell, weil ein Feldspieler mehr Einfluss auf die Mannschaft nehmen könne. Soweit kam es zwar nicht, aber Mourinho misstraute Casillas von da an. Bei Testspielen oder Einladungsturnieren setzte er den Torwart auf die Bank, gesprochen wurde kaum noch.
Im Oktober 2012, beim bisher letzten Spiel zwischen Barcelona und Madrid, provozierte Casillas seinen Trainer dann ganz offen. Nach dem Schlusspfiff applaudierte er den katalanischen Fans in Camp Nou und herzte Barças Nationalspieler. Mourinho soll ihn danach vor der Heimreise angefahren haben: »Beim nächsten Mal geh doch gleich mit ihnen.«
Will Mourinho seinen vorzeitigen Abgang provozieren?
Wenige Wochen später wurden in Spanien Gerüchte laut, die Sportzeitung »Marca« vermeldete, Real Madrid und José Mourinho werden sich am Saisonende trennen. In der Liga war der Rückstand auf Tabellenführer Barcelona inzwischen so groß, dass die Titelverteidigung unmöglich schien. Kurz darauf setzte der Trainer seinen Kapitän auf die Bank. Es sieht so aus, als wolle Mourinho nun mit aller Macht seinen vorzeitigen Abgang bei Real Madrid provozieren.
Und Casillas? Der bleibt ganz ruhig, vermeidet öffentliche Frustbewältigung und gibt sich loyal seinem Vorgesetzten gegenüber. Lediglich einmal äußerte er sich: »Das ist keine einfache Zeit für mich.«
Vielleicht ist die Beziehung Casillas-Mourinho ja doch noch zu retten. Kürzlich wurde der Torwart vom Weltfußballverband FIFA aufgefordert, an einer Abstimmung teilzunehmen. Als Kapitän der spanischen Nationalmannschaft sollte er unter anderem den Trainer des Jahres bestimmen. Zur Auswahl standen José Mourinho, Vicente del Bosque und Josep Guardiola. Casillas wählte: José Mourinho.