Mach' es zu keinem Projekt

Gerald Asamoah und sein Glück auf St. Pauli

Der Winterwechselwahnsinn macht wiederholt eines deutlich: Mannschaften werden aufgebläht wie Projekte. Einer, der im Sommer 2010 in ein solches transferiert wurde, ist Gerald Asamoah – und doch erfüllt er die Sehnsüchte der Fußball-Romantiker. Mach' es zu keinem Projektimago

Das Projekt ist die Einheit der Gegenwart. Kaum etwas, das sich heutzutage nicht in dieser einordnen ließe: Die Reise ins Ausland, der neue Job, das kommende Event, die Magerquark-Diät in den nächsten zwei Wochen, der Gartenlauben-Bau ab September, das Leben. Alles ein Projekt. Und wenn irgendeine Idee noch nicht Projekt ist, dann, verdammt noch mal, mach sie zu deinem Projekt! Selektiere, kalkuliere, stecke End- und Startpunkt ab, sortiere das Chaos, ordne die Zukunft. Die Fernsehwerbung betet uns dieses Paradigma täglich vor.

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Fußballmannschaften waren immer schon Projekte. In der Fußball-Vormoderne, bis in die achtziger Jahre, klebte an einigen sogar noch das Präfix »Langzeit«. Heute ist alles zu sehr in Eile, und nimmt jemand nur den Begriff »mittelfristig« in den Mund, muss er sich vermutlich selbst maßregeln, nicht im nächsten Moment laut loszulachen. Das alles entpuppt sich natürlich nicht als reine fußballspezifische Erscheinung, es ist schlichtweg ein Phänomen der Zeit. Was aber in den letzten Januartagen 2011 wieder einmal offenbar wurde: Fußball-Projekte werden von ihren Projektleitern nicht mal mehr auf Kurzfristigkeit zusammengesetzt. Man könnte unken: Sie werden aufgebläht einzig um des Projektwillens.

Ein Spieler, der bereits im Sommer 2010 zu einem neuen Baustein eines Projekts wurde, ist Gerald Asamoah. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Transfers, die in Profiklubs von Einzelpersonen forciert und von einer ausgewählten Gruppe schließlich abgesegnet werden, beruhte der Wechsel Asamoahs auch auf dem Wunsch eines Kollektivs.

Gerald Asamoah – der Spieler, der uns Xavier Naidoo brachte


Gerald Asamoah erschien dem Gros des Klub-Umfelds schon vor seinem Wechsel zum FC St. Pauli als Inbegriff eines integren Fußballprofis. Und träumten Fans anderer Klubs von Spielern wie Raul, Ruud van Nistelrooy oder Fernando Torres, sehnten sich die Fans am Millerntor nach einem Mann, dem man in den letzten Jahren nicht immer fußballerische Finesse attestieren konnte. Auf Schalke kam er in den letzten zwei Jahren nur noch selten über 90 Minuten zum Einsatz. Der Arbeiter hatte ausgedient – er versauerte als Joker, und drohte in Erinnerung zu bleiben als der ewig gut gelaunte große Junge, der Fußball-Deutschland anno 2006 Xavier Naidoo beschert hatte.

Und doch skandierten die St.Pauli-Fans bei einem Freundschaftsspiel gegen Schalke im Januar 2010 minutenlang seinen Namen. Sie forderten Asamoahs Einwechslung und bejubelten diese, als es schließlich so weit war. In diesem Moment wurde den Fußball-Romantikern auf dem Hamburger Kiez gewahr: Ein tatsächlicher Wechsel von Gerald Asamoah zum FC St. Pauli würde nicht ausschließlich auf einer projektbasierten wirtschaftlich-logischen Entscheidung beruhren. Vielmehr würde das Werben um Asamoah auch eine emotionale Entscheidung sein, ein Wechsel bedeutete, so schien es, ein Geschenk an die Fans, eine Rückbesinnung auf das Credo des »anderen Klubs«, der sich ach so fern von wirtschaftlichen Zwängen bewegt. Alles wäre gut. Ein bisschen jedenfalls. Ach, du heile Fußballwelt.

Gerald Asamoah will sich treu bleiben. Ach, wie schön!

Doch vielleicht haben die Romantiker tatsächlich recht behalten. Denn momentan beschleicht den Zuschauer zunehmend – und mehr noch als in der Vergangenheit – das Gefühl, dass Gerald Asamoah etwas glücklicher ist als andere Profis. Und vielleicht basiert dieses Glück tatsächlich auf diesem anfangs sehr unkonventionellen Buhlen um ihn, vielleicht rührt es daher, weil Asamoah sich seit Anbeginn nicht nur als vorab kalkulierte Größe in einem wie auch immer gearteten Projekt wähnt. Es scheint nebensächlich, dass sein Klub nicht um die Meisterschaft mitspielt, egal, ob der Stürmer im Spiel mal ein, zwei Chancen versiebt, die Beine nicht mehr ganz so schnell laufen wie zu besten Schalker Zeiten, das Gehalt nicht mehr so üppig ist wie vor einem Jahr noch.

Gerald Asamoah sagte einmal: »Es ist wichtig, sich treu zu bleiben.« Eine Hülse, die Profifußballern in jungen Jahren bei Mediencoachings gerne gelehrt wird, um das Vorhaben, pardon, das kurzfristige Projekt »Mediale Darstellung bei Interviews« oder »Sag' nichts mit vielen Worten« zu fundieren. Es ist wichtig, sich treu zu bleiben – das klingt nach Xavier-Naidoo-Gebetsstunde und Projekt »Gutmensch«. Und doch kann der Satz bei Asamoah nach 15 Jahren im Profigeschäft stehenbleiben, ohne dass man ihn überliest – vorausgesetzt man schließt die Augen, wenn Gerald Asamoah wie einst in Gelsenkirchen mit seinem weißen Hummer vorfährt. Ach, du verzwickte Fußballwelt.

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