Lukasz Piszczek und der polnische Wettskandal

Nur noch Lukasz P.

Sechs Monate war der Dortmunder Lukasz Piszczek wegen der Teilnahme an Spielmanipulation gesperrt worden, jetzt hat der polnische Nationalspieler Berufung eingelegt. Das Theater um den Wettskandal im polnischen Fußball ist damit allerdings noch längst nicht beendet. Lukasz Piszczek und der polnische Wettskandal

Dariusz W., Piotr R., Grzegorz B., Andrzej W., Lukasz M., Grzegorz K., Janusz W., Albin M... Die Liste von Fußballern, Trainern, Schiedsrichtern und Funktionären, von deren bekannten Namen nur noch die Anfangsbuchstaben gewöhnlicher Krimineller blieben, ist lang geworden, seit 2005 die Manipulationspraktiken im polnischen Fußball durch ein Zeitungsinterview des damaligen GKS Kattowitz-Präsidenten Piotr Dziurowicz an die Öffentlichkeit drangen. Rund gegen 350 Personen hat die Breslauer Staatsanwaltschaft, die sich mit dem Korruptionsskandal befasst, Anklage erhoben, ohne dass ein Ende des Skandals in Aussicht wäre. Bis heute vermelden die polnischen Medien in regelmäßigen Abständen weitere Verhaftungen, Anklagen und Urteile.

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Und ein aktueller Name in diesem dunklen Kapitel des polnischen Fußballs ist nicht nur Leistungsträger der polnischen Nationalmannschaft, sondern auch eine feste Größe beim aktuellen Deutschen Meister Borussia Dortmund: Lukasz Piszczek. In der Saison 2005/06 brauchte Piszceks damaliger Verein Zaglebie Lubin nur einen Punkt um sich für den UEFA-Cup zu qualifizieren. Da die Lubiner aber am letzten Spieltag gegen Cracovia Krakau offenbar nicht nur auf ihre fußballerischen Fähigkeiten vertrauen wollten, erkauften sie sich den nötigen Punkt kurzerhand für circa 25.000 Euro. Tatsächlich endete das Spiel mit 0:0. 25.000 Euro, die sich die Fußballer aus Lubon zumindest aus sportlicher Sicht hätten sparen können. Gleich in der 1. Qualifikationsrunde für den UEFA-Cup schied man gegen Dynamo Minsk aus.

Der damals noch 20-jährige Piszczek wurde in dem Spiel gegen Krakau zwar nicht eingesetzt, er spielte zeitgleich für die polnische U-21-Nationalmannschaft. Dennoch beteiligte er sich mit 2.500 Euro an dem Schmiergeld. Eine Tat, die anscheinend an seinem Gewissen nagte. Denn aus dem Deutschen Meister Lukasz Piszczek wurde nur deshalb Lukasz P., weil er sich im Dezember 2009 wegen Beteiligung an Spielmanipulationen selbst angezeigt hatte und dies im Januar 2011 publik wurde.

Der Richter sagte: »Jugendsünde«

Im Juni wurde Piszczek gemeinsam mit zehn anderen ehemaligen Mitspielern vom Breslauer Bezirksgericht zu einer Haftstrafe von einem Jahr auf Bewährung, einer Geldstrafe von 25.000 Euro und der Rückzahlung seiner Prämie für die Qualifikation in den UEFA-Cup verurteilt. Doch mit dem Richterspruch war diese »Jugendsünde« für Piszczek nicht beendet. Auch der Disziplinarausschuss des polnischen Fußballbundes PZPN nahm sich der Angelegenheit an und sperrte Piszczek Ende Juli 2011 für das nächste halbe Jahr.

Und es ging noch weiter. Denn der Rechtsverteidiger akzeptierte zwar auch diese Strafe, aber anscheinend nur deshalb, weil er, seine Berater und kurioserweise auch die meisten PZPN-Funktionäre davon ausgingen, dass diese sich nur auf die polnische Nationalmannschaft beziehen würde. Ein Irrglauben, wie in den Tagen rund um das Länderspiel gegen Georgien am 10. August 2011 allen Beteiligten klar wurde. Denn die sechsmonatige Sperre müsste der PZPN auch der FIFA melden, deren Funktionäre bekanntlich nicht gerade als Saubermänner gelten, wenn es um das Thema Korruption geht. Deren Statuten aber keine Gnade für in Manipulationsskandale verwickelte Spieler kennen. Laut FIFA-Paragraf 135 hätte sich Piszczek eines besonders schweren Vergehens gemacht. Weshalb der Dortmunder nicht nur für die Nationalmannschaft, sondern auch für die Bundesliga und die Champions League disqualifiziert wäre.

Seitdem ist Lukasz Piszczek das alles beherrschende Thema, wenn es in Polen um die »Kadra«, die Nationalmannschaft, geht. »Man macht aus ihm den Anführer der Korruption, dabei war er damals ein Niemand«, grollt Nationaltrainer Franciszek Smuda, der es für besser gehalten hätte, wenn Piszczek sich erst gar nicht zu seiner Schuld bekannt hätte, wie er im Vorfeld des letzten Länderspiels gegen Georgien offenbarte. Dabei hätte eigentlich auch Smuda das Recht, sich von Piszczek und den anderen Spielern betrogen zu fühlen. Zum Zeitpunkt der besagten Manipulation war Smuda Trainer von: Zaglebie Lubin. Doch Smuda, der sich selbst nie an Spielmanipulationen beteiligt hat, ist die Vergangenheit wegen seiner heutigen Arbeit in der Nationalmannschaft ziemlich egal. Und das nicht ohne Grund: Ein Jahr vor der EM im eigenen Land wirkt seine Mannschaft noch lange nicht eingespielt und steht im Fokus der Kritik. Vor allem die Abwehr ist das große Sorgenkind der Nation, weshalb Smuda diese mit dem polnischstämmigen Franzosen Damien Perquis und dem bei Lech Posen spielenden Kolumbianer Manuel Arboleda verstärken möchte. Nur wie soll sich dieser neuformierte Mannschaftsteil finden, wenn der bisher einzig gesetzte Abwehrspieler für sechs Monate gesperrt wäre?

Wer spielt für den BVB, wenn Piszczek gesperrt bleibt?

Unmut gibt es natürlich auch bei Borussia Dortmund. Neben Piszczek haben die Westfalen auf der Rechtsverteidigerposition zwar auch den ehemaligen Nationalspieler Patrick Owomoyela und den hochtalentierten Julian Koch, doch das sind nicht unbedingt Alternativen, um in der Bundesliga und der Champions League mit Aussicht auf Erfolg anzutreten. Koch fällt wegen einer schweren Knieverletzung mindestens bis März 2012 aus und Owomoyela hat seinen Stammplatz nicht grundlos an Piszczek verloren.

Seine Sperre kann der Pole nur durch einen schriftlichen Widerspruch verhindern, den er bis Mittwoch dieser Woche hätte einlegen können. Äußerungen von seinem Manager Bartlomiej Bolek ließen jedoch zunächst darauf schließen, dass Pisczcek sich dabei lieber auf die im Hintergrund laufenden Verhandlungen zwischen dem BVB und der Führungsspitze des PZPN verlassen wollte, statt elbst aktiv zu werden. Auch der PZPN hat kein Interesse an einer Disqualifikation seines Spielers, wie es die Kommentare des PZPN-Präsidenten Grzegorz Lato deutlich machten. Hier ist aber der große Haken in der ganzen Angelegenheit. Denn Piszczeks nähere Zukunft hängt nicht von den Verhandlungsqualitäten der BVB-Oberen oder dem guten Willen der Führungsspitze des PZPN ab, sondern von den Kompetenzkämpfen innerhalb des polnischen Fußballverbandes ab. Auf der einen Seite stehen die »Hardliner« (O-Ton deutsche Medien) um den Juristen Artur Jedrych, dem Vorsitzenden der Disziplinarkommission , die seit Jahren mit dem Übel Korruption im polnischen Fußball aufräumen möchten. Auf der anderen Seite die seit Jahrzehnten beim PZPN agierenden Funktionäre um Grzegorz Lato.

1993 wurde der Drittplatzierte Lech Posen Meister

Wie schwer sich die Equipe um den Torschützenkönig der WM von 1974 mit dem Thema Korruption tut, zeigen die vergangenen 20 Jahre. Denn auch wenn der große Korruptionsskandal erst 2005 ausgebrach, hatte der polnische Fußball schon in den Jahren zuvor regelmäßig mit Manipulationsvorwürfen zu kämpfen. So wurde der eigentlich Drittplatzierte Lech Posen 1993 nur deshalb Meister, weil der Titel Legia Warschau wegen eines verdächtig hohen Sieges am letzten Spieltag aberkannt wurde und auch Vizemeister LKS Lodz  sein letztes Saisonspiel mit 7:0 ungewöhnlich hoch geaann. (Als Anmerkung sei hinzugefügt, dass die Partie vom späteren PZPN-Präsidenten Michal Listkiewicz geleitet wurde). Ihren zweiten Meistertitel in der Vereinsgeschichte konnte die Mannschaft aus Lodz dafür 1998 holen. Doch bis heute wird gemunkelt, LKS habe sich den Erfolg nur erkauft. Dies aufzuklären, dazu war die PZPN-Führung nie bereit, obwohl auch später Bestechungsvorwürfe laut wurden.

Es dauerte lange, bis der Verband nach dem Ausbruch des Manipulationsskandals von 2005 aktiv wurde. Erst drei Jahre später, 2008, als die Breslauer Staatsanwaltschaft bereits 120 Verdächtige verhaftet hatte – darunter einen ranghohen PZPN-Funktionär – zeigte der Fußballbund so etwas wie ein Unrechtsgefühl. Doch wer sich etwas genauer im polnischen Profifußball umschaut, der wird erkennen, dass dieses Unrechtsgefühl nur sehr oberflächlich war und ist. So wird Polonia Warschau von Jacek Zielinski trainiert, der in Polen zwar zu den besten seiner Zunft gehört, dem aber ebenfalls bereits Korruption nachgewiesen werden konnte. Und Zielinski ist kein Einzelfall. Bei mehreren polnischen Klubs haben Trainer trotz dieses Makels eine Anstellung gefunden. Und nicht nur diese. Boris Peskovic, slowakischer Reservetorhüter des Traditionsvereins Gornik Zabrze, ist ebenso in den Korruptionsskandal verwickelt, wie der beim Zweitligisten Warta Posen kickende ehemalige Bundesligaprofi Piotr Reiss. Und ein besonderes Faible für Spieler mit einer solchen Vergangenheit scheint man bei Jagiellonia Bialystok zu haben. Dort spielen gleich drei Profis, die in der Vergangenheit nachweisbar Spiele verschoben haben.

Die meisten Funktiomäre verdanken der Korruption ihre Karriert

Gegen die meisten Akteure des Korruptionsskandals hat der Verband keine Strafen ausgesprochen, was im Grunde genommen nicht besonders verwunderlich ist. Auch innerhalb des Verbands kam es durch den Korruptionsskandal zu keinem großen personellen Umbruch. Doch wie soll es auch zu so einem Umbruch kommen, wenn fast alle aktuellen Funktionäre ihre Karrieren dem System verdanken, welches die Korruption im polnischen Fußball erst ermöglicht hat? Deswegen muss man bei aller Sympathie und Verständnis, mit der Piszczek vom BVB und der deutschen Presse momentan überhäuft wird, sagen, dass die meisten polnischen Fürsprecher des Fußballers keine Persönlichkeiten sind, auf die Piszczek stolz sein könnte.

Mit Vorsicht ist aber auch die Vorgehensweise der Disziplinarkommission zu genießen. Deren Mitglieder sind ausschließlich Juristen, die ihre Karrieren außerhalb des PZPN begonnen haben und in den letzten Jahren in ihrem Kampf gegen die Korruption des öfteren an den Strukturen des PZPN gescheitert sind. Dies scheint bei den Mitgliedern der Disziplinarkommission offenbar Wunden hinterlassen zu haben, für die sie sich mit der Verurteilung Piszczeks rächen möchten. Diesen Eindruck kann man jedenfalls aus dem Äußerungen gewinnen, die Artur Jedrych in den letzten Wochen gab. »Piszczek ist Nationalspieler. Dieser Status fällt besonders ins Gewicht. Piszczek ist dadurch ein Vorbild für andere, dessen muss er sich bewusst sein. Wir wollen hier sicherlich auch ein Zeichen setzen«, sagte er in einem Interview mit »Spiegel Online«.

Strafen auf Bewährung für Wiechowski und Sarnat

Und verstärkt wird dieser Eindruck, wenn man sich die aktuellen Urteile der Disziplinarkommission anschaut. Am selben Tag, an dem Lukasz Piszczek für sechs Monate disqualifiziert wurde, sperrte die Disziplinarkommission auch Sergiusz Wiechowski und Artur Sarnat wegen ihrer Beteiligung an Spielmanipulationen. Ihre Strafen wurden jedoch auf Bewährung ausgesprochen, was die beiden ehemaligen Fußballer sicherlich sehr erfreut. Denn trotz ihrer Beteiligung an dem Korruptionsskandal, dürfen sie nun weiterhin als Trainer arbeiten, was sie auch seit einigen Jahren tun.

Und auch Piszczek könnte mit einem blauen Auge davon kommen. Was am Dienstag PZPN-Präsident Lato gegenüber der polnischen Presse andeutete, bestätigte sich am am Mittwoch: Lukasz Piszczek legte Widerspruch ein. »Die Anwälte des BVB haben uns dazu gedrängt«, sagte der Piszczek-Manager Bolek der polnischen Presse. »Bis Mitte September könnte die Sache erledigt sein«, freute sich schon am Dienstag Nationaltrainer Franciszek Smuda.

Ob dies aber für den unter der Korruption der Vergangenheit leidenden polnischen Fußball gut ist, bleibt zu bezweifeln.

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