Lucas Vogelsang über: Neutralität (3)

Galle für keinen

Weil Rapid-Fans im Mai den Platz gestürmt hatten, wurde das 298. Wiener Derby im Happel-Stadion ausgetragen und von der Liga ganz genau beobachtet. Das Ergebnis der Quarantäne: absolute Neutralität. Unser Kolumnist Lucas Vogelsang war vor Ort – und sehr gelangweilt. Lucas Vogelsang über: Neutralität (3)

Sie hatten sich nichts mitgebracht. Die Anhänger Rapids und die Abgesandten der Austria kamen mit leeren Blicken, leeren Köpfen. Ihr Gepäck, die Rucksäcke der Rivalität, sonst, wenn sie sich begegnen, zum Bersten angefüllt mit Antipathie, hatten sie, auf autoritäre Anordnung, daheim lassen müssen. Deshalb: Kein Hass, nirgends. Eine Spur Häme vielleicht noch in den Zügen der Stadtbahn, auf den Parkplätzen, vorher in den Kneipen, doch auch diese wurde ihnen schließlich an den Stadiontoren abgenommen, von Torwächtern, deren Gesichter verrieten, dass ihnen Humor so fremd ist wie ihren Uniformen die Farbe. Um das Wiener Ernst-Happel-Stadion war am Sonntag ein Bannkreis der Emotionen gezogen worden, in dessen Innern den Männern, die einen in violetter, die anderen in grün-weißer Tracht, gleichsam still, bewegungsarm wie sedierte Schafe, ihre Plätze zugewiesen wurden, als wäre das hier kein Derby-Nachmittag, sondern ein Abend in der Wiener Oper. Nun saßen sie da. Schlachtenbummler, denen in Ermangelung der Schlacht, unter den Augen bewaffneter Grenzposten, nur das Bummeln blieb. Die Hitze des Gefechts, die ihnen sonst den Schweiß in die Augen rinnen lässt, runtergekühlt auf Zimmertemperatur, lauwarm in der Affenhitze des Praterovals.

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Das 298. Wiener Derby, nach dem Old Firm in Glasgow immerhin das älteste innerstädtische Kräftemessen des Weltfußballs, war ein faules Spektakel. Weil die Hartkernigen unter den Rapidlern das letzte Duell mit dem Verhassten Nachbarn, 22. Mai 2011, Zwischenstand 0:2, auf ihre Art beendet,  im Auge der Schmach den Platzsturm als Ausdruckstanz ihrer Frustration gewählt hatten. Ihrem Verein wurde deshalb  für den Versuch der Revanche das Heimrecht entzogen. Ein Heimspiel als Auswärtsfahrt. Eine Bestrafung, die der Idee des Derbys jede Essenz entzieht.

Stand your ground? Please be seated!

Denn es sind gerade diese Spiele, in denen der Fußball, martialisch aber doch wahr, sein Wesen als Stellvertreterkrieg offenbart, als Substitut für den Schwertstrich auf offenem Feld. Wenn auch nicht mehr zwingend auf dem Rasen, dafür aber doch umso mehr auf den Rängen, vor dem Stadion, in den Köpfen der Hartgesottenen, der Kuttenträger und Schalmenschen, der Fahnenträger und Flüstertütenschreier, die hier ihre Schlacht schlagen. Die das andersfarbige Heer in der gegenüberliegenden Kurve niederbrüllen, ihnen eine Wand aus entblößten Ärschen entgegen halten, die Galle spucken, mit der sie ihr Revier markieren. Ihren Grund und Boden, ihr Allerheiligstes.

Doch auf neutralem Boden wächst kein Stolz. Es gibt kein Hoheitsgebiet, das durch eine Mauer aus Schall und Körpern geschützt, keine gegnerische Festung, die eingenommen werden muss. Stand Your Ground? Von wegen. Please be seated. Und wenn beide Lager reisen müssen, vergessen sie in der Eile das Gift auf dem Nachttisch.

Harmlos wie ein Familienausflug

Unter dem Dach des Happel-Stadions also, auch lange nach dem Anpfiff noch, die Gruppen säuberlich getrennt, in zwei entgegen gesetzte Ecken geschickt wie unbelehrbare Boxer, eine Stimmung ohne Echo. Kein Derby, ein Sonntagsausflug mit der Familie eher. Selbst die bengalischen Lichter wirken wie einstudiert, wie die durchchoreographierte Inszenierung eines Derby-Gefühls, das sich nicht so recht einstellen möchte. Das Prickeln auf der Haut fehlt. Da nutzt auch das Schreien auf den Rängen nichts, wenn das Spiel am Knebel der Neutralität erstickt.

Mir wurde an diesem Nachmittag klar: der Fußball muss die Neutralität meiden, sich unbedingt von ihr abgrenzen, das Weite suchen, wenn sie, im weißen Gewand und mit Schweizer Akzent vor seiner Tür steht und lächelnd winkt. Sie sind nicht füreinander bestimmt.

Denn auch meine Taschen waren leer, hatte ich mich doch nur unter das Dach des Ernst-Happel-Stadions geflüchtet, um der gleißenden Hitze Wiens zu entgehen, einem plötzlichen Sommer, der mit dem Furor eines zu lange angeketteten Hundes über die Stadt gekommen war und scheinbar einiges nachzuholen hatte. So war es schließlich nicht nur die angeordnete Gefühlslosigkeit des Ortes, die sich über diesen Nachmittag gelegt hatte, sondern auch meine eigene. Ich selbst war die Schweiz an diesem Tag, war neutral bis zur Gleichgültigkeit. Das älteste Derby der Welt. Was geht mich das an? Ich kannte da unten auf dem grellen Rasenrechteck nur einen Spieler. Rapids Steffen Hofmann. Doch mein deutscher Orientierungspunkt versank, ungesehen, unsichtbar fast, in der Belanglosigkeit und dem Unvermögen seiner Nebenleute. Was dort unten passierte, es war mir, spätestens nach dem ersten Tor der Austria, sie sollte dieses Spiel mit 3:0 gewinnen, herzlich egal.

Ein Derby wie ein Klitschko-Kampf

Und dann passiert es schnell, dass sich dieses Gefühl neutraler Objektivität in dieses gähnende Desinteresse verwandelt, das ich von anderen Sportgroßveranstaltungen kenne. Etwa wenn Wladimir Klitschko irgendwo irgendeinen Fallobstler aus Britannien vermöbelt. Klitschko ist ein guter Boxer, das gebe ich zu, aber er ist niemand, an den ich mein Herz heften würde. Da waren mir Henry Maske oder selbst Axel Schulz immer näher, auch wenn sie weniger talentiert waren, zu wenig tanzten, nicht den Punch des Ukrainers hatten. Aber sie waren Projektionsflächen für einen Gefühlspatriotismus. Lokale Helden.

Die brauche ich, damit das Fieber ausbricht. Dieser Schüttelfrost der Anspannung, der aus einem Zuschauer einen Wilden macht. Doch das Spiel in Wien, und es war kein schlechtes, beobachtete ich spätestens zu Beginn der zweiten Halbzeit, durch die Lamellen splitterartiger Tagträume. Meine Wahrnehmung driftete, zeichnete rückwärtsgewandte Szenen auf den Wiener Rasen. Ich sah Fernando Torres, der Philipp Lahm überläuft, Lehmanns Wimpernschlag des Geschlagenen. Auch das war ja genau hier passiert, im Happel-Stadion. Ballack, die Verzweiflung desjenigen, der spürt, das ihm der nächste große Titel entgleitet.

Wien meldet: Keine besonderen Vorkommnisse

Der Klatschtakt der Rapid-Viertelstunde riss mich aus meinen Endspielfantasien. Dann Abpfiff, lange vorher hatten viele Wiener, sofern sie grüne Trachten trugen, das Stadion verlassen. Selbst den Pfiffen fehlte der Punch. Draußen vor dem Stadion: Keine besonderen Vorkommnisse. Nur Schafe in der Stadtbahn. Ich ergab mich dem Wiener Glutofen, der künstlichen, der trügerischen Stille einer verhinderten Konfrontation. Das war alles so falsch, dachte ich noch. Dann doch lieber Hertha gegen Union. Meinetwegen in der Alten Försterei und, wenn es sein muss, auch mit Nina Hagen. Niemals vergessen. Die ganze Ostfolklore, der ganze Wessi-Hass. Das ist hässlich. Und ich ertrage das nicht immer. Aber immerhin ist es eines ganz bestimmt nicht: Neutral.

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Jeden Dienstag macht sich Lucas Vogelsang auf 11freunde.de Gedanken über den Fußball, die Bundesliga und was sonst noch so passiert. Ansonsten schreibt er für den Tagesspiegel, recherchiert für Theaterstücke oder flaniert durch Berlin.

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