Luca Tonis frühe Jahre
09.06.2008

Luca Tonis frühe Jahre

Nobody is perfect

Noch vor ein paar Jahren war der Mann selbst in Italien nur Insidern bekannt, dabei ist er schon über 30. Warum ist Luca Tonis Karriere so schwer in die Gänge gekommen? Und was hat das mit einem deutschen Ex-Nationalspieler zu tun?

Text:
Stefan Maiwald
Bild:
Imago
Er ist groß und kantig. Seine Bewegungen mit den langen Gliedmaßen wirken hölzern und irgendwie träge. Er sieht gut aus, fast zu gut für einen Fußballer. Viele Fans mögen keine gutaussehenden Fußballer, sie trauen ihnen den nötigen Einsatz nicht zu. Er ist ein Spätberufener, der es erst im hohen Alter zu den großen Vereinen und in die Nationalelf geschafft hat. Und doch wird er Torschützenkönig der Serie A, der defensivstärksten Liga der Welt. Sein Name: Oliver Bierhoff.



Der Fall Bierhoff hilft, das Phänomen Luca Toni zu begreifen. Beide Karrieren starteten zu einer Zeit richtig durch, zu der andere schon ihren Zenit überschritten haben. Zwar schaffte Toni mit 23 erstmals den Sprung in die Serie A, doch er agierte jenseits des Glamours und spielte mit Vicenza und Brescia jeweils gegen den Abstieg. Als er bei Brescia seinen Stammplatz verlor, ging er freiwillig in die 2. Liga – und das auch noch tief in den Süden, zu US Palermo. Die, die ihn kannten (das waren nicht allzu viele), schüttelten darüber den Kopf. Doch dann ging die Post ab: Mit 30 Treffern schoss Toni die Sizilianer praktisch im Alleingang zum Aufstieg, legte in der folgenden Saison 20 Tore nach, wechselte nach Florenz und gewann mit 31 Toren den »Goldenen Schuh« als bester Torjäger Europas. Die erstaunliche Parallele: Auch Bierhoff krebste lange in der 2. italienischen Liga herum, bis er vom FC Udinese verpflichtet und fast aus dem Nichts als 30-Jähriger zum Torschützenkönig der Serie A wurde.

»Man kann es kaum glauben, obwohl man es selbst notiert hat«


Ein Schiedsrichter, der Toni schon als Nachwuchsspieler gepfiffen hat, erzählt: »Man schaut ihm 90 Minuten lang zu und denkt sich, aus dem wird nie was. Und am Ende steht er im Spielbericht mit drei Toren. Man kann es kaum glauben, obwohl man es selbst notiert hat.« In italienischen Mannschaften wirkt Toni mit seinen 1,94 Metern noch wuchtiger. Sein Spitzname lautet: »L’armadio« – der Schrank.

Doch Luca Toni hat alles, was ein Stürmer braucht. Sportwissenschaftler sprechen von Antizipation; er weiß, wo der Ball sein wird. Das hat ein wenig mit Intelligenz, ein wenig mit Übung und sehr viel mit unerklärlicher Genialität zu tun. Trainieren lässt sich das kaum. Selten war ein Angreifer auch so vielseitig wie Toni. Bierhoff war derart kopfballstark, dass noch heute jeder Italiener, der einigermaßen köpfen kann, von seinen Mitspielern »Birroff« gerufen wird. Luca Toni aber macht dazu Tore gleichermaßen mit links und rechts. Außerdem ist er ein Nimmersatt. Selbst nach drei Treffern in einem Spiel schimpft er, wenn ihn in der 88. Minute ein schlampiger Pass nicht erreicht. Und wenn er wegen einer Verletzung oder Sperre mal auf der Tribüne sitzen muss, zappelt er so sehr auf dem Schalensitz, dass man ahnt: Der würde sich am liebsten selbst einwechseln.

In Italien, wo man stolz ist auf Tonis Torreigen (die »Gazzetta dello Sport« berichtet von Bayern Monaco neuerdings gerne auf der Titelseite), gibt es Ärger wegen des Mannes aus Modena. Die Fans werfen Milan-Manager Adriano Galliani vor, nicht zugeschlagen zu haben, als man ihn noch kaufen konnte. Doch so simpel funktioniert der italienische Fußball nicht. Dort präsentiert man nun mal lieber einen 17-jährigen brasilianischen Wunderstürmer aus den Favelas und feiert ihn noch vor dem ersten Spieltag als Messias, statt einen grundsoliden 30-Jährigen einzukaufen. Die Fans wollen eine Story. Luca Toni garantiert nur Tore.

Phänomene lassen sich schwer erklären. Warum ist Luca Toni erst mit 28 Weltklasse geworden und nicht schon mit 18? Drogen, Verletzungen, eine geheimnisvolle Krankheit? Nichts davon, die Wahrheit ist schnöder: Er war halt nie ein Überflieger. Kein Ronaldinho, kein Messi, er musste sich seine spielerischen Fähigkeiten erarbeiten. Die Grundvoraussetzungen, Physis und ein gewisses Talent, waren da – und Toni selbst gab den Willen dazu. Dass man ihm, wie neulich ein Premiere-Reporter im Interview, »Trainingsfaulheit« unterstellt, liegt wohl eher am ewigen Klischee des träge im Schatten dösenden Italieners, das da im Hirn des Fernsehmannes herumspukte. Luca Toni hat das Bestmögliche aus sich gemacht. Ein Adriano, der seit seinem 15. Lebensjahr gesagt bekommt, er sei der Größte der Welt, muss ja irgendwann durchdrehen. Ein Toni, der sich jeden Schritt nach vorne hart erkämpfen musste, vergisst nicht, woher er kommt. Und er weiß, was er tun muss, um dort zu bleiben, wo er angelangt ist, auf seinem langen Weg aus Vicenza, Brescia und Palermo. Luca Toni hat Biss. Das soll helfen, übrigens auch im Strafraum.


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